So war das beispielsweise in diesem Frühjahr: Mitternacht war nicht mehr fern, als Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" Monika Marons "Animal Triste" zu "einem der schönsten Liebesromane" ausrief. Solche Rufe werden von den Buchkäufern erhört und führen oft direkt auf die Bücher-Bestsellerlisten. Doch die meisten Hitlisten wollten noch nichts von Marons Roman wissen. Auf der "Spiegel"-Liste kam er nicht vor, bei "Focus" und dem "Stern" in der gleichen Woche ebensowenig; auch die "Welt am Sonntag" nannte 20 andere Titel. Überraschend jedoch, daß der Roman in der "Woche" schon auf Platz 1 stand, in der Übersicht West der Berliner Zeitung immerhin Platz 6 beanspruchen konnte.Was wiederum der "Spiegel" auf Platz 6 nannte (Michael Crichtons "Vergessene Welt"), stand bei "Focus" auf Rang 2, in der Welt am Sonntag auf Platz 3, bei anderen kam das Buch gar nicht vor. Und Thomas Brussigs Wendezeitenbuch "Helden wie wir" gaben "Neues Deutschland", "Wochenpost" und Berliner Zeitung als bestverkauften Titel ihrer Monatsliste Ost an, der "Spiegel" nannte ihn auf Platz 15, "Focus" und "Stern" kannten ihn nicht. Viele Ermittlungs-Wege Bestsellerlisten, eine wöchentlich wunderliche Angelegenheit. Ob Hardcover oder Taschenbuch, Belletristik oder Sachbuch, beinahe jede Zeitung hat ihre eigene Liste, unterschiedliche Erhebungsmethoden und differierende Ergebnisse. Grundsätzlich lassen sich die Listen in zwei Gruppen einteilen: die professionell und die redaktionell erstellten.Die "Woche" fragt ebenso wie die "Welt am Sonntag" die Seller wöchentlich bei 20 Buchhandlungen ab; das "Neue Deutschland" ermittelt seine Ostliste monatsweise bei 30 Buchläden. Weniger Aufwand betreibt man bei "TV Today" und "Journal für die Frau". Deren Bestseller basieren auf den Angaben von lediglich je einer Buchhandlung. Die professionellen Marktforscher operieren dagegen mit einer größeren, aber auch nur repräsentativen Basis (der Börsenverein des Deutschen Buchhandels weiß von immerhin 7 723 Buchverkaufsstellen im Lande). Das Berliner Medienbüro Libresso erstellt für "Wochenpost" und Berliner Zeitung die Monatsliste Ost (Panelgröße: 100 Buchhandlungen). Das Kultur-Kontor Saur ermittelt bei rund 180 Buchhändlern die monatliche Westliste für die Berliner Zeitung. Medien-Verkaufslisten aller Art stellt das Unternehmen Media Control zusammen; dessen Buch-Charts (400 Teilnehmer) haben die größte Verbreitung und erscheinen in "Focus", "Bunte", "Stern", "TV Movie" und "Laura". Marktbeherrschend, weil jeden Montag vom "Spiegel" geadelt, sind jedoch die vom Branchenblatt Buchreport bei 280 Buchverkaufsstellen ermittelten 15 "Spiegel"-Bestseller. Nur, wie verläßlich sind diese Barometer der Buchbranche? Weiche Daten Bei genauerem Hinschauen erkennt man, daß sie alle die gleichen Probleme haben. Sie arbeiten mit weichen, manchmal auch windelweichen Daten. "Eine vernünftige Liste", sieht Karl-Otto Saur die Dinge realistisch, "ließe sich nur erstellen, wenn man die EDV-Daten von Buchhandel und Barsortiment in ein System hineinbekommen könnte." Zukunftsmusik.Die Liste des "Spiegel", die damit wirbt, die "meistverkauften" Bücher auszuweisen, basiert nicht etwa auf tatsächlichen Verkaufszahlen, sondern auf Schätzungen. Auf einer Liste mit 75 Titeln kreuzen die Buchhändler die 15 bestgegangenen Titel der Woche an bzw. tragen gut verkaufte Neuerscheinungen ein. Doch handelt es sich dabei weniger um gewußte als um vermutete "Bestseller". So sagt ein an der Umfrage beteiligter Buchhändler aus dem Rhein-Main-Gebiet: "Ich schätze das oft. Wenn man Zeit hat, gibt man sich Mühe. Wenn es aber hektisch ist, dann ist mir das ziemlich egal." Diese Form der angewandten Relativitätstheorie bei der Rangfolgenbestimmung erklärt auch, warum häufig eine große Diskrepanz zwischen Listenplatz und tatsächlichen Verkäufen besteht. Unter den 100 Titeln der 1995er Buchreport-Jahresbestsellerliste nimmt Isabel Allendes "Paula" mit 195 000 verkauften Exemplaren den 4. Platz ein; von Peter H egs dahinter plaziertem "Fräulein Smilla" wurden jedoch 360 000 Bücher verkauft. F. Paul Wilsons "Die Prüfung" landete auf Platz 41, "Wer sein Haus auf Sünden baut" von P. D. James auf Platz 87 - und das, obwohl beide Romane gleich viele Käufer fanden (ca. 31 000)."Ausreißer" nennt man in der Regel solche Fälle, schließlich hält man die eigene Erhebung für "absolut unangreifbar" (Uwe Schmidt, Buchreport-Chefredakteur). Beim "Spiegel" sieht man das ebenso, und Marketingleiter Attila Kopacsy verweist stolz darauf, daß er "schon seit zwei oder drei Jahren keine Beschwerde mehr auf dem Schreibtisch gehabt habe.Aber wer sollte sich auch beschweren? Die Verlage schimpfen zwar auf Bestsellerlisten, wissen aber andererseits ganz genau um deren verkaufsfördernde Wirkung. Gerade wer im "Spiegel" auftaucht, wird vom Buchhandel bestellt und günstig am Point of Sale positioniert. Garantiert. Ärgerlich für Verlage nur, wenn der "Spiegel" einzelnen Titeln den Zugang zur Liste kategorisch verweigert. Der "Autor des Jahres 1995" etwa, Alfred Biolek, kam mit "Meine Rezepte" trotz immenser Verkäufe nie vor, da die Liste "eigenschöpferischen Werken" vorbehalten bleibt. Kochbücher, Ratgeber, Nachschlagewerke (damit also auch die wahren Bestseller wie Duden und BGB) sind ausgeschlossen, gleichgültig, wie häufig sie sich verkaufen.Und dann gibt es noch den vielzitierten "Fall Strittmatter". Von dessen "Laden. Teil 3" wurden zwischen August 92 und Februar 93 100 000 Exemplare verkauft. Pech für den Aufbau-Verlag, daß 85 Prozent der Bücher in den neuen Bundesländern weggingen - denn die waren beim "Spiegel" überhaupt nicht erfaßt. Erst seit dieser Peinlichkeit werden die Verkaufszahlen auch bei 20 Ost-Buchhandlungen erfragt. Außerdem hat das Verschweigen von Strittmatters Erfolg die sogenannten "Ost-Listen" ins Leben gerufen. Wagenbachs Betriebsunfall Ganz selten nur trifft man im Verlagswesen auf Gelassenheit gegenüber dem Listenwesen. Klaus Wagenbach etwa freut sich, 31 Jahre lang sämtliche Bestsellerlisten überlebt zu haben. Daß sich ein Wagenbach-Buch (Luigi Malerbas "Nackte Masken") ein einziges Mal auf die "Spiegel"-Liste verirrte, wertet man dort als Betriebsunfall. "Wenn der Malerba 20- oder 30mal auf der Liste gewesen wäre", meint Wagenbach nachdenklich, "hätte ich mir Gedanken machen müssen, was ich da falsch gemacht habe."Beim Fischer Verlag sieht man das ganz anders und ist erst einmal zufrieden. Denn bald schon landete Monika Marons Buch da, wo es hingehört: auf der "Spiegel"-Liste. +++

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.