Erinnert sich noch jemand an den glücklosen Muhammed Saeed al-Sahaf, Saddams Informationsminister, der in seinen täglichen Pressekonferenzen selbst die offensichtlichsten Fakten heroisch leugnete und eisern an der offiziellen irakischen Linie festhielt? Selbst als die amerikanischen Panzer nur noch wenige hundert Meter von seinem Büro entfernt waren, behauptete "Comical Ali", bei den US-Fernsehbildern, die Panzer in den Straßen von Bagdad zeigten, handele es sich um Special Effects aus der Traumfabrik Hollywood. Einmal aber traf er die Wahrheit merkwürdigerweise auf den Kopf. Mit der Behauptung konfrontiert, die amerikanische Armee kontrolliere bereits einzelne Stadtteile Bagdads, blaffte er zurück: "Die kontrollieren gar nichts. Die kontrollieren nicht mal sich selbst!" Als die skandalösen Nachrichten über die Vorkommnisse im Abu Ghraib-Gefängnis in Bagdad ans Tageslicht kamen, begannen wir zu ahnen, dass sich die Amerikaner tatsächlich selbst nicht unter Kontrolle haben.In seiner Reaktion auf die Ende April veröffentlichten Fotos betonte George W. Bush, wie nicht anders zu erwarten, bei diesen Taten handele es sich um Einzelfälle, die nicht das widerspiegelten, wofür Amerika eigentlich stehe und kämpfe, nämlich die Werte der Demokratie, der Freiheit und der Menschenwürde. Tatsächlich ist die Tatsache, dass der Fall zu einem öffentlichen Skandal wurde, an sich ein positives Zeichen; in einem wirklich "totalitären" System wäre er einfach unter den Teppich gekehrt worden. (Und man sollte auch nicht vergessen, dass schon der Umstand, dass die amerikanischen Truppen keine Massenvernichtungswaffen gefunden haben, an sich ein positives Zeichen ist. Eine wirklich "totalitäre" Macht hätte genau das getan, was die Polizei üblicherweise tut, nämlich "die Drogen selbst angepflanzt" und anschließend den Beweis für das Verbrechen "entdeckt".)Allerdings gibt es eine Reihe irritierender Faktoren, die dieses simple Bild ein wenig komplizierter erscheinen lassen. In den Monaten davor hatte das Internationale Rote Kreuz die zuständigen Stellen der US-Armee im Irak mit Berichten über Misshandlungen in den dortigen Militärgefängnissen regelrecht bombardiert. Doch diese Berichte wurden systematisch ignoriert - die Behörden gaben das Verbrechen erst zu, als sie in den Medien damit konfrontiert wurden. Zweitens war die Reaktion der amerikanischen Armeeführung, gelinde gesagt, überraschend. Ihre Erklärung lautete, man habe es versäumt, den Soldaten die Regeln der Genfer Konvention hinsichtlich der Behandlung von Gefangenen angemessen beizubringen - als ob man jemandem beibringen müsste, dass man Gefangene nicht erniedrigen und foltern darf!Theater der GrausamkeitDoch der wichtigste Aspekt ist der Unterschied zwischen der "gängigen" Methode, wie Gefangene zu Zeiten Saddams gefoltert wurden, und den Folterungen durch die US-Armee. Bei Saddam ging es vor allem darum, den Gefolterten möglichst großen physischen Schmerz zuzufügen, die amerikanischen Soldaten hingegen legten den Schwerpunkt auf die psychologische Erniedrigung. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Verfahrens, der in deutlichem Kontrast zur Geheimhaltung der Folterungen unter der Herrschaft Saddams steht, ist die Aufzeichnung dieser Erniedrigung durch eine Kamera, die unmittelbar neben den sich windendenden nackten Körpern der Gefangenen auch die dümmlich grinsenden Täter selbst mit ins Bild rückt. Als ich zum ersten Mal das bekannte Foto des nackten Gefangenen sah, der, den Kopf mit einer schwarzen Kapuze bedeckt und die Gliedmaßen mit Stromkabeln versehen, in einer lächerlich theatralischen Pose auf einem Stuhl steht, dachte ich zunächst, es handele sich um ein künstlerisches Ereignis in Lower Manhattan. Die Positionen und Kostüme der Gefangenen lassen an eine Theaterinszenierung denken, an eine Art Tableau vivant, das automatisch Erinnerungen an die ganze Bandbreite der amerikanischen Performance-Kunst und des "Theaters der Grausamkeit" weckt, an die Fotos Robert Mapplethorpes und die absonderlichen Szenen in den Filmen David Lynchs.Und genau diese Tatsache ist der springende Punkt: Jeder mit der amerikanischen Alltagswirklichkeit Vertraute musste beim Anblick dieser Fotos an die obszöne Unterseite der amerikanischen Populärkultur denken, etwa die mit Folter und Erniedrigung verbundenen Initiationsrituale, denen man sich unterziehen muss, um in eine geschlossene Gemeinschaft aufgenommen zu werden.Sieht man nicht in der amerikanischen Presse in regelmäßigen Abständen ähnliche Fotos, wenn in einer Armeeeinheit oder auf einem High School-Campus irgendein Skandal ruchbar wird, bei dem das Initiationsritual aus den Fugen geriet und Soldaten oder Studenten sich Verletzungen zuzogen, die "über das tolerierbare Maß" hinausgingen, als man sie dazu zwang, eine erniedrigende Pose einzunehmen, eine entwürdigende Geste auszuführen, etwa die, sich vor ihresgleichen eine Bierflasche in den Anus stecken oder sich Nadeln in den Körper rammen zu lassen?Man erinnere sich an Rob Reiners Film "Eine Frage der Ehre", ein Kriegsgerichtsdrama über zwei amerikanische Marines, die angeklagt sind, einen ihrer Kameraden ermordet zu haben. Der Militärstaatsanwalt vertritt die Auffassung, dass die Tat der beiden Marines vorsätzlicher Mord war, während es den Verteidigern (die von Tom Cruise und Demi Moore gespielt werden, was auf den Ausgang des Verfahrens schließen lässt) nachzuweisen gelingt, dass die Angeklagten lediglich dem so genannten "Code Red" Folge leisteten. Dieses ungeschriebene Gesetz erlaubt das heimliche nächtliche Verprügeln eines anderen Soldaten, der den ethischen Code der Marines verletzt hat. Es billigt also einen Akt der Gesetzesübertretung - die illegale Bestrafung eines anderen Soldaten -, doch gleichzeitig stärkt es den Zusammenhalt der Gruppe. Ein solcher Code muss im Schutz der Nacht verbleiben, wird nicht zugegeben, darf nicht thematisiert werden. In der Öffentlichkeit tut jeder so, als wisse er nichts davon oder bestreitet sogar lautstark seine Existenz. Dieser Code repräsentiert den "Geist der Gemeinschaft" in Reinform und übt den stärksten Druck auf den Einzelnen aus, sich mit der Gruppe zu identifizieren.Im Gegensatz zum geschriebenen, ausformulierten Gesetz ist dieser obszöne Über-Ich-Code mündlicher Natur. Während das Gesetz durch den toten Vater qua symbolische Autorität aufrechterhalten wird (der "Name des Vaters"), wird der ungeschriebene Code durch das gespenstische Supplement des Namens des Vaters aufrechterhalten, durch das obszöne Gespenst des Freud'schen "Urvaters". Dies ist auch die Lehre aus Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse Now": In der Figur des Kurtz wird der Freud'sche Urvater - das obszöne, keinem symbolischen Gesetz unterworfene Genießen des Vaters, der absolute Herr und Meister, der es wagt, sich dem Realen des grauenerregenden Genießens unmittelbar zu stellen -, nicht als Überbleibsel einer barbarischen Vergangenheit präsentiert, sondern als notwendiges Ergebnis der modernen westlichen Macht. Kurtz war ein perfekter Soldat - als solcher, durch seine Über-Identifikation mit dem militärischen System verwandelte er sich in den Exzess, den das System eliminieren muss. Die wichtigste Einsicht von "Apocalypse Now" ist jene, dass Macht ihren eigenen Exzess hervorbringt, der dann mittels einer Operation ausgelöscht werden muss, die das nachahmt, was sie selbst bekämpft. Sind also die Folterungen von Abu Ghraib nicht Teil der "Code Red"-Regeln? Abu Ghraib war nicht einfach ein Beispiel für die Arroganz der Amerikaner gegenüber einem Volk der Dritten Welt. Sondern indem die irakischen Gefangenen der erniedrigenden Folter unterzogen wurden, erhielten sie tatsächlich eine Initiation in die amerikanische Kultur, bekamen sie ihre obszöne Unterseite zu spüren, die die notwendige Ergänzung zu den öffentlich vertretenen Werten von Menschenwürde, Demokratie und Freiheit darstellt. Es verwundert daher nicht, dass die rituelle Erniedrigung irakischer Gefangener kein Einzelfall war. Am 6. Mai musste Donald Rumsfeld zugeben, dass die veröffentlichten Fotos nur die "Spitze des Eisbergs" seien und dass man noch mit "wesentlich härteren Dingen" rechnen müsse, darunter Vergewaltigungs- und Mordvideos. Und was den institutionellen Hintergrund des Abu Ghraib-"Exzesses" betrifft, so stimmte die amerikanische Regierung in einem geheimen Memorandum schon 2003 einem Maßnahmenkatalog zu, die Gefangenen im Rahmen des "Krieges gegen den Terror" physischem und psychischem Druck auszusetzen, um auf diese Weise ihre "Mitarbeit" sicherzustellen. So sieht die Wirklichkeit der abschätzigen Bemerkung Rumsfelds vor einigen Monaten aus, die Regeln der Genfer Konventionen seien in Anbetracht der heutigen Form der Kriegsführung "überholt".In einer Diskussion, die im amerikanischen Fernsehsender NBC über das Schicksal der Gefangenen in Guantanamo geführt wurde, lautete eines der Argumente für die ethische/rechtliche Akzeptierbarkeit des Status der Inhaftierten, sie seien diejenigen, "die die Bomben verfehlt hätten". Da sie das Ziel der Bombenangriffe der US-Truppen waren und diese zufällig überlebt hätten und da diese Angriffe Teil einer legitimen Militäroperation gewesen seien, dürfe man ihr Schicksal nach der Schlacht, in der sie gefangen wurden, nicht kritisieren. In welcher Lage auch immer sie sich befänden - diese sei weniger schlimm, als wenn sie getötet worden wären. Diese Argumentationsweise gibt mehr preis als sie preisgeben möchte, denn sie versetzt die Gefangenen fast buchstäblich in die Position der lebenden Toten, derjenigen, die gewissermaßen bereits tot sind (da sie ihr Leben als legitime Ziele eines mörderischen Bombardements verwirkt haben). Damit sind sie Beispiele für das, was Giorgio Agamben als Homo sacer bezeichnet hat: derjenige, der ungestraft getötet werden darf, da sein Leben in den Augen des Gesetzes nicht mehr zählt. Zwischen den TodenWährend sich die Gefangenen von Guantanamo in dem Raum "zwischen den beiden Toden" befinden, also dieselbe Position einnehmen, wie der Homo sacer, d.h. in rechtlicher Hinsicht tot, doch in biologischer lebendig sind, sind die US-Behörden, die die Gefangenen so behandeln, ebenfalls in einer Art juristischem Zwischenstatus lokalisiert, der den Gegensatz zum Homo sacer bildet: Sie handeln als eine legale Macht, deren Taten nicht mehr vom Gesetz abgedeckt und eingeschränkt werden, sie operieren in einem leeren Raum, der sich dennoch innerhalb der Domäne der Rechts befindet. Und die jüngsten Enthüllungen über Abu Ghraib zeigen genau was passiert, wenn man die Gefangenen in diesem Raum "zwischen den beiden Toden" ansiedelt.Im März 2003 spekulierte kein Geringerer als Donald Rumsfeld in der Rolle des Amateurphilosophen ein wenig über das Verhältnis zwischen Bekanntem und Unbekanntem. "Es gibt bekanntes Bekanntes. Das sind Dinge, von denen wissen wir, dass wie sie wissen. Es gibt bekanntes Unbekanntes. D.h., es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Aber es gibt auch unbekanntes Unbekanntes. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen." Was Rumsfeld dabei vergaß, war der entscheidende vierte Begriff: die "unbekannten Bekannten", Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen, also genau das, was Freud als das Unbewusste bezeichnete, das "Wissen, das sich selbst nicht weiß", wie Lacan zu sagen pflegte. Wenn Rumsfeld meint, die Hauptgefahren in der Auseinandersetzung mit dem Irak seien die "unbekannten Unbekannten", die Drohungen Saddams, von denen wir nicht einmal ahnen, worin sie bestehen könnten, dann zeigt der Abu Ghraib-Skandal, wo die Hauptgefahren tatsächlich liegen: in den "unbekannten Bekannten", den geleugneten Überzeugungen und Annahmen, und den obszönen Praktiken, von denen wir vorgeben, nichts zu wissen, obwohl sie den Hintergrund unserer öffentlichen Werte bilden. Bush hatte also Unrecht. Die Fotos der erniedrigten irakischen Gefangenen auf unseren Bildschirmen und Zeitungsseiten vermitteln uns einen direkten Einblick in die "amerikanischen Werte", in den Kern des obszönen Genießens, das den American Way of Life aufrechterhält. Diese Aufnahmen rücken daher Samuel Huntingtons bekannte These vom "Kampf der Kulturen" in eine angemessene Perspektive. Der Kampf zwischen der amerikanischen und der arabischen Kultur ist nicht ein Kampf zwischen Barbarei und der Achtung der Menschenwürde, sondern ein Kampf zwischen anonymer brutaler Folter und Folter als einem Medienspektakel, in dem die Körper der Opfer als anonymer Hintergrund für die dümmlich grinsenden "unschuldigen amerikanischen" Gesichter der Folterer dienen. Gleichzeitig lieferns sie den Beweis dafür, dass, um Walter Benjamin zu paraphrasieren, jeder Kampf der Kulturen der Kampf der ihnen zugrundeliegenden Barbareien ist.Slavoj Zizek ist Philosoph, Kulturanalytiker und Theorie-Entertainer. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Liebe dein Symptom wie dich selbst" (1991), "Verweilen beim Negativen" (1995) und "Was sie schon immer über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten" (1998). Sein Essay über Abu Ghraib wurde von Nikolaus G. Schneider aus dem Englischen übersetzt.------------------------------Die irakischen Gefangenen in Abu Ghraib erhielten nichts anderes als eine Initiation in die amerikanische Kultur.------------------------------Foto: Initiationsritual an der Universität von New York, 1946: Einem Erstsemester in Häftlingskleidung wird der Hintern versohlt.------------------------------Foto: Das obszöne Unbewusste des Pop: Gruppeninitiation in "Jackass - The Movie", 2003.