BERLIN, 8. November. Es ist der 9. Mai 1976, Muttertag, früh um 7. 15 Uhr. Im 7. Stock der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim treten wie jeden Tag um diese Zeit Vollzugsbeamte die Frühschicht an. Die letzten zwölf Stunden mit den vier Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe, die im Hochsicherheitstrakt untergebracht sind, waren ruhig. Nichts Auffälliges ist geschehen.Die Beamten nehmen die Schlüssel entgegen und beginnen ihren Rundgang. Um 7. 34 Uhr schließen sie Zelle 719 auf. Als sie die Tür aufziehen, sehen sie eine Frau am Gitter des linken Zellenfensters hängen, das Gesicht ist der Tür zugewandt. Es ist Ulrike Meinhof. Sie ist tot.Am Mittag des 9. Mai wird die Leiche im Stuttgarter Bürgerspital obduziert. Dabei entnehmen die Professoren Rauschke und Mallach, wie es üblich ist, Gehirn und Organteile für eine spätere feingewebliche Untersuchung. Das Ergebnis ihrer Obduktion ist eindeutig: Suizid durch Strangulierung. Eine Fremdeinwirkung ist nicht feststellbar. Zwei Tage später erfolgt auf Antrag der Schwester von Ulrike Meinhof und der Verteidiger der Baader-Meinhof-Gruppe eine Nachobduktion. Auch der zweite Rechtsmediziner kommt zum Ergebnis: eindeutig Selbstmord. Am 16. Mai 1976 wird Ulrike Meinhof in Berlin beerdigt.Aber bislang wusste kaum jemand, dass Ulrike Meinhof ohne Gehirn beigesetzt wurde. Das Gehirn der Terroristin hatten die Rechtsmediziner nämlich Professor Jürgen Pfeiffer, Neuropathologe in Tübingen, übergeben, der es in ein mit Formalin gefülltes Plastikbehältnis legte, das sich wiederum in einem Pappkarton befand. Die für Forschungszwecke in seinem Institut aufgehobenen Gehirne ließen sich so besser stapeln, erklärt der Professor jetzt.Im Fischer-Netz Die ungeheure Geschichte von Ulrike Meinhofs Gehirn, das inzwischen in einem Regal der Magdeburger Universitätsklinik für Psychiatrie angelangt ist, hat am Freitag die Magdeburger Volksstimme veröffentlicht. Autorin ist Bettina Röhl, Tochter von Ulrike Meinhof und Kritikerin - manche nennen sie auch Jägerin - der Alt-68er.Anfang vergangenen Jahres machte Frau Röhl Schlagzeilen, als sie Joschka Fischers wilde Jahre als Straßenkämpfer der Sponti-Szene in Frankfurt am Main ins Licht zerrte. Die von Röhl publizierten Fotos vom Steine werfenden Fischer brachten den Bundesaußenminister kurzzeitig in ernste Bedrängnis. Doch dank Fischers offensivem Umgang mit seiner Vergangenheit endete die Diskussion um den Außenminister in einer offen geführten Debatte über die historischen Wurzeln der Bundesrepublik.Für Bettina Röhl war das ein unerwünschter Ausgang. Anstatt dass der ihr verhasste Joschka Fischer aus dem Amt gejagt wurde, wuchs sein Ansehen in der Öffentlichkeit. Als dann der Verlag Kiepenheuer & Witsch auch noch den Vertrag über ihr Buch "Sag mir wo Du stehst" aufkündigte, in dem sie mit der linken Bewegung in Deutschland abrechnen wollte, stand für Röhl fest: Sie ist Opfer einer "unglaublichen Vernichtungswut der Linken und der Medien", die in einem "Fischer-Netz" gefangen seien.Danach wurde es ruhig um Bettina Röhl. Jetzt meldet sie sich mit einem Paukenschlag zurück. Dass sie die Geschichte um das Gehirn ihrer Mutter aber, wie es Struktur und Stil des Artikels vermuten lassen, so übereilt in der Magdeburger Volksstimme publiziert, muss mit einem ihrer weiteren Lieblingsfeinde zu tun zu haben: mit Stefan Aust, dem Spiegel-Chef, dem sie einmal freundschaftlich verbunden war.Der Spiegel stieß in der Recherche zur Geschichte der Baader-Meinhof-Gruppe in diesem Jahr auf Professor Pfeiffer und dessen Forschungen an Meinhofs Gehirn. Im Oktober erfuhr Bettina Röhl davon, schreibt sie, und auch davon, dass das Magazin "gestochen scharfe Hirnfotos" ihrer Mutter veröffentlichen wolle. Dem Spiegel könne man diesen voyeuristischen Coup nicht untersagen, klagt sie, obwohl der Spiegel-Chef bei ihrer Mutter sein journalistisches Handwerk gelernt und sich selbst im Umfeld der Terroristenszene getummelt habe. Bettina Röhl sah offenbar nur eine Möglichkeit, dem Magazin den fürs nächste Heft geplanten Scoop zu verderben: die Geschichte vorab zu verbreiten. Das hat sie getan.Jenseits dieser Verwicklungen ist das, was Bettina Röhl in der Magdeburger Zeitung erzählt, eine unglaubliche Geschichte. Demnach hatte Professor Pfeiffer 1976 Ulrike Meinhofs Gehirn nach der Obduktion gründlich untersucht. Dabei stellte er "mit bloßem Auge erkennbare Abweichungen in der für Emotionen zuständigen Hirnregion" fest. Sie seien offenbar Folge eines operativen Eingriffs, dem sich Ulrike Meinhof 1962 im Alter von 27 Jahren unterziehen musste. In ihrem Hirn war ein gutartiger Tumor, der aber nicht entfernt, sondern nur abgeklemmt wurde.In einem Gutachten, dass Pfeiffer 1976 an die Anwälte der Baader-Meinhof-Gruppe, darunter Otto Schily und Christian Ströbele, übergab und das wohl auch einige Medien erreichte, kam der Professor zu einem bemerkenswerten Ergebnis: "Aus nervenfachärztlicher Sicht wären Hirnschäden des hier nachgewiesenen Ausmaßes und entsprechender Lokalisation unzweifelhaft Anlass gewesen, im Gerichtsverfahren Fragen nach der Zurechnungsfähigkeit (von Ulrike Meinhof) zu begründen. " Pfeiffer bezog sich in seinem Urteil über eine mögliche Schuldunfähigkeit der Terroristin auch auf Aussagen ihrer Ziehmutter Renate Riemeck. Er hatte sie nach möglichen Persönlichkeitsveränderungen bei Meinhof nach der Operation befragt. "Ich habe diese Persönlichkeitsveränderungen ständig wahrgenommen, antwortete Frau Riemeck. "Ich habe eine Art von Selbstentfremdung an ihr erlebt, die den Stoff für einen Dostojewski-Roman abgeben könnte. " Bettina Röhl zitiert in ihrem Artikel ihren Vater Klaus Rainer Röhl, der schon 1970 die These vertreten habe, die Folgen der Operation seien mit eine Ursache für Ulrike Meinhofs Weg in den Terrorismus gewesen. Sie sei gefühllos und sexuell wie abgeschnitten gewesen, meinte Röhl und berichtete von Verwüstungen des gemeinsamen Hauses im Laufe der Scheidung in den Jahren 1968 und 1969.Verwundert zeigt sich Bettina Röhl, dass das Pfeiffer-Gutachten nie an die Öffentlichkeit gelangt sei. Offenbar fürchteten die, die davon wussten, schreibt sie, dass eine pathologisch-wahnhaft agierende Meinhof, der man die intellektuelle Hoheit über die RAF übertragen hatte, eine Katastrophe für die eigene Identität und die Rechtfertigung des Terrors gewesen wäre.Nach der Untersuchung durch Professor Pfeiffer wanderte das Hirn der Ulrike Meinhof für zwei Jahrzehnte zu den anderen Pappkartons des Instituts. Erst Mitte der neunziger Jahre erinnerte sich der Wissenschaftler daran, als er den Vortrag eines Kollegen hörte. Bernhard Bogerts, Direktor der Magdeburger Uniklinik, referierte über den Fall eines Mehrfachmörders, der 1913 seine Familie und sieben Menschen aus seinem Dorf umgebracht hatte, weil er sich im Wahn befand, alle verdächtigten ihn der Sodomie. Bogerts ging in seinem Vortrag auf Veränderungen im emotionalen Zentrum des aufbewahrten Gehirns des Mörders ein und nannte diese als Ursachen für seinen Wahn und seine Taten.Heimlich abgeholt Pfeiffer erzählte Bogerts von seinen Feststellungen an Ulrike Meinhofs Gehirn, und sie kamen überein, ihre Forschungen zu kombinieren. Ihr Ziel war, einen Aufsehen erregenden Artikel über den medizinischen Vergleich der Hirne des Mörders Wagner und der Terroristin Meinhof zu veröffentlichen.Deshalb holte der 1988 emeritierte Professor Pfeiffer irgendwann im Jahre 1997 heimlich den Pappkarton mit Ulrike Meinhofs Gehirn aus dem Tübinger Institut und brachte ihn nach Magdeburg. Wieder wurde das Organ untersucht, mit moderneren Methoden und Geräten als zwei Jahrzehnte zuvor. Bogerts kam zu dem gleichen Ergebnis wie Pfeiffer. Die Schädigung von Ulrike Meinhofs Hirn könnte dafür verantwortlich sein, dass aus der Journalistin die Terroristin wurde.Fraglich bleibt aber, ob sich die Lebensentscheidungen und das Schicksal der Ulrike Meinhof tatsächlich aus rein medizinischer Sicht erklären und begründen lassen. Denn die These, die brillante Journalistin und Drehbuchautorin sei wegen einer Hirnschädigung zur Terroristin geworden, ignoriert ihre Intelligenz und die komplexen Einflüsse, denen Ulrike Meinhof in ihrem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld ausgesetzt war.Diskutiert werden sollte daher weniger über die Hirnforschung als über die Hirnforscher. Deren gruseliger und in diesem Fall auch illegaler Umgang mit den sterblichen Überresten von Menschen erinnert an längst vergangen geglaubte Zeiten medizinischer Forschung in Geheimlabors. Es ist durchaus möglich, dass die Geschichte von Ulrike Meinhofs Gehirn noch ein gerichtliches Nachspiel haben wird. Schließlich waren weder die Familie der toten Terroristin noch die Staatsanwaltschaft über die geheimen Forschungen informiert.Vielleicht wird das Gehirn von Ulrike Meinhof nun bald seine letzte Reise antreten. Zu dem Friedhof, auf dem die Terroristin bestattet liegt. Zu den Überresten des Körpers, aus dem es vor 26 Jahren entnommen wurde, um es in einem Pappkarton zu verstecken.(KORREKTUR - Der emeritierte Neuropathologe, der das Gehirn von Ulrike Meinhof untersuchte, heißt Jürgen Peiffer und nicht Jürgen Pfeiffer, wie es fälschlicherweise auf der Seite 3 vom 9. November stand. - 11.11.2002).Foto: ULLSTEIN/LEHMANN Ulrike Meinhof in den sechziger oder siebziger Jahren. Das Foto ist undatiert.