Am Sonnabend, den 2. Mai, standen zwei Illustrierten-Reporter mit einer "Bild"-Zeitung vor der Haustür von Raimund Harmstorfs Bauernhaus im Allgäu. "Seewolf Raimund Harmstorf in der Psychiatrie" stand in großen Lettern auf der Titelseite und weiter: "Mit aufgeschnittenem Handgelenk von der Polizei aufgegriffen". In der dazugehörigen Geschichte schmolz sein Leben auf eine Ansammlung von Schicksalsschlägen und Unfällen zusammen: Harmstorf mit Gipsbein im Krankenhaus, Harmstorfs verunglückter Porsche, Harmstorf mit leerem Blick in einer Drehpause. "Das ist ja verrückt, was da steht", hat der Schauspieler laut Aussage seiner Lebensgefährtin Gudrun Staeb gesagt. Und immer wieder: "Das ist mein Todesurteil." Nur wenige Stunden später vollzog er es."Der Selbstmord von Harmstorf ist für die Bild der Super-Gau", sagt ein leitender "Bild"-Redakteur im Rückblick und räumt ein: "Das ist so unglücklich gelaufen, wie es unglücklicher nicht mehr geht." Die beiden Reporter, die den Artikel geschrieben haben, dürfen sich auch einen Monat nach dem Vorfall nicht dazu äußern Anweisung der Chefredaktion. Die Sache mit dem "zerschnittenen Handgelenk", aus dem "das Blut tropfte", nahm "Bild" wenige Tage nach Harmstorfs Freitod eher beiläufig zurück in Wahrheit war der Zwischenfall wesentlich unblutiger verlaufen: Der Schauspieler litt seit 1994 an der Parkinsonschen Krankheit, weshalb er mit einem Medikament behandelt wurde, zu dessen Nebenwirkungen Alpträume, Angstzustände und Halluzinationen zählen. Um die Symptome vor der Öffentlichkeit zu verbergen und weiterhin Theater spielen zu können, nahm Harmstorf ziemlich viele Tabletten am Abend des 5. April zu viele. Als er bereits kurz vor einer Ohnmacht stand, rief er den Notarzt. Von der Intensivstation verlegte man ihn später auf die psy-chiatrische Station des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren nicht unbedingt das, was man gemeinhin unter einem Selbstmordversuch versteht.Symptome abgeklungenAuch lag Raimund Harmstorf nie "in der geschlossenen Abteilung", wie "Bild" zu berichten wußte, sondern wurde in einer offenen Therapie behandelt was bei über neunzig Prozent aller Suizidgefährdeten in Deutschland der Fall ist. "Seit Jahren werden die wenigsten Patienten in geschlossenen Abteilungen behandelt, vielmehr ist es üblich, sie mit Medikamenten und begleitender Psycho- oder Gesprächstherapie zu heilen", sagt Dr. Bernd Ahrens, Oberarzt der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin. Der Großteil der Patienten werde bereits nach vierzehn Tagen im Rahmen einer sogenannten "sozialen Belastungstherapie" nach Hause geschickt, um sich in seinem alltäglichen Umfeld zurechtzufinden auch, wenn es an diesem Verfahren verschiedentlich Kritik gibt, weil es Risiken birgt. Denn, so Suizid-Experte Ahrens: "Wer zu Hause ist, ist deshalb noch lange nicht psychisch gesund."Raimund Harmstorf kam rund vier Wochen nach seiner Tablettenvergiftung nach Hause. "Die psy-chiatrischen Symptome waren abgeklungen", sagt der Leiter des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Michael von Cranach, der den Schauspieler behandelte. Am Morgen des 1. Mai wurde er von seiner Freundin Gudrun Staeb aus der Klinik abgeholt zu einem Zeitpunkt, als ihn die "Bild"-Reporter noch "völlig abgeschottet von der Außenwelt" wähnten, wie sie am Tag darauf rund elf Millionen Lesern mitteilten. Darunter auch Raimund Harmstorf, der für das Wochenende einen Ausflug geplant hatte. Doch dazu kam es nicht mehr. Nach dem ersten Schock telefonierte der Schauspieler mit Freunden, am späten Nachmittag mit seinem Arzt. Gemeinsam verabredete man einen früheren Beginn der Reha-Behandlung eine sofortige Rückkehr ins Krankenhaus lehnte Harmstorf ab, aus Angst, daß ihn vor der Klinik bereits Reporter erwarten würden.Wie groß die Macht von "Bild" wirklich ist, zeigte sich wenig später, als das RTL-Magazin "Explosiv" den "Bild"-Artikel aufgriff und zweieinhalb Millionen Zuschauer wissen ließ, daß sich Harmstorf nach einem blutigen Selbstmordversuch in der Psychiatrie befindet. Doch der war zu Hause, ging nach dem Bericht ins verdunkelte Schlafzimmer und beobachtete die Straße vor dem Haus. Als ihn seine Lebensgefährtin am nächsten Morgen erhängt auf dem Dachboden fand, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Auf die Vorwürfe von Polizei und Staatsanwaltschaft, die "Bild"-Berichterstattung trage Mitschuld am Selbstmord des Schauspielers, teilte die Chefredaktion mit, daß man sich auf Auskünfte der Polizeidirektion Kempten und der Polizeidienststelle Markt Oberndorf verlassen habe. Doch dort will niemand mit den Reportern der "Bild" gesprochen haben. "Wir haben wochenlang recherchiert, aber niemanden gefunden, der mit "Bild" Kontakt gehabt hätte", sagt ein Sprecher der Polizeidirektion Kempten, der sich immer noch nicht erklären kann, wie die Legende vom aufgeschnittenen Handgelenk in die Welt gekommen ist. "So einen Vorfall hat es hier nie gegeben." Man habe die Geschichte "nach besten Wissen und Gewissen publiziert", sagt "Bild"-Chef Udo Röbel. "Der Stand unserer Recherche war der, daß Herr Harmstorf noch am Freitag in der Klinik war."Eine Recherche, bei der weder der behandelnde Arzt kontaktiert wurde, noch Harmstorf selbst. "Zu keinem Zeitpunkt haben Reporter der "Bild"- Zeitung Raimund Harmstorf in seinem Haus bei Kempten aufgesucht", steht in einer Mitteilung der Chefredaktion, in der man sich über den Selbstmord des Schauspielers "sehr erschüttert" zeigte. Wenngleich man wohl mit gewissen Risiken und Nebenwirkungen des Artikels gerechnet hatte. "Hätte ich gewußt, daß sich Harmstorf an dem Wochenende nicht unter ärztlicher Aufsicht befindet, wäre die Schlagzeile nicht erschienen" so Chefredakteur Röbel. Um das zu erfahren, hätte ein Anruf ausgereicht, schließlich war Harmstorf bereits am Tag vor der Veröffentlichung aus der Klinik abgeholt worden, und nicht wie "Bild" später schrieb, am selben Tag. Aber vielleicht hatten die Reporter Angst, die Geschichte könnte im letzten Moment kippen, wenn sie den Schauspieler mit der "Bild"-Version seines Lebens konfrontieren. "Wir wußten seit mehreren Wochen von Harmstorfs Zustand", sagt ein Redakteur. "So eine Story kann nicht ewig liegen." "Schlag ins Gesicht" Es wäre also reichlich Zeit gewesen, sich über die Behandlung von Suizidgefährdeten zu erkundigen. "Daß Selbstmordgefährdete weggesperrt gehören, ist eine Auffassung aus dem tiefsten Mittelalter", sagt Suizid-Forscher Ahrens von der FU-Berlin im übrigen spreche "das zynische Kalkül der Bild jeder medizinischen Erkenntnis Hohn: Für einen nach wie vor psychisch instabilen Menschen mußte der Artikel ein Schlag ins Gesicht sein."Nach dem Selbstmord versuchte sich "Bild" in Schadensbegrenzung. Tagelang wurden Bekannte des Schauspielers zitiert, die den Suizid kommen sahen. Ein "enger Vertrauter der Familie" wußte gar zu berichten, daß sich Harmstorf noch während der Behandlung mit einem langen Messer eine Wunde am Hals zugefügt hat. Ebenfalls ein Vorfall, an den sich in der Klinik niemand erinnert.Rund eine Woche später wurde der Fall Raimund Harmstorf journalistisch abgeschlossen. Per Ferndiagnose brachte das Schwesterblatt der "Bild", die Berliner "BZ", die unschöne Angelegenheit auf den Punkt: "Er hat den Starken gespielt und sich furchtbar schwach gefühlt. Ein Zwiespalt, so unerträglich, daß sich Schauspieler Raimund Harmstorf am vergangenen Sonntag auf seinem Bauernhof erhängte." So einfach.