Born dreht wieder. Keinen Mummenschanz mit Ku-Klux-Klan-Verkleidung, keine PKK-Kämpfer beim Bomben basteln, keine Junkies, die Kröten lecken ­ sondern Steine. Im Gewölbe der Basilika von Trier zoomt er sich an römischen Estrich ran, schwenkt die Kamera über zerbröselte Kapitelle und verharrt minutenlang auf den Resten alter Mauern. Ein sinnfälliges Bild: Der verurteilte Fernseh-Fälscher kniet im Kirchenstaub und leistet Kärnerarbeit für ein historisches Video, das an amerikanische Touristen verkauft werden soll. Ein Bild, wie man es besser nicht fälschen kann.Ein Jahr ist es her, daß Michael Born vor Gericht stand und mit ihm das gesamte Medium: Reporter, die "Fünf-Dollar-Schüsse" ordern, Redakteure, die das Rohmaterial im Namen der Einschaltquote ein wenig "aufhotten", und Moderatoren, die Millionen-Gagen kassieren, aber noch nie in einem Schneideraum gewesen sein wollen. Was da vor Gericht über die Zustände in den Fernsehredaktionen zutage kam, war niemandem aus der Branche neu, den überforderten Richter des Koblenzer Landgerichts aber veranlaßte es zu dem Ausspruch: "Da bin ich jetzt aber als Zuschauer schockiert." Einen weiteren bezeichnenden Kommentar gab ein Kameramann in einer Prozeßpause: "Wie Born arbeiten doch alle, nur Born hat den Fehler gemacht, darüber zu reden."Angst im Verlag Er redet halt gern, nach wie vor. Es gibt aber auch eine Menge zu erzählen, wenn man als prominenter Fälscher erst in den Schlagzeilen und dann im Knast landet. "Für die Verletzung der Omerta mußte ich bestraft werden", sagt Born mit einem märtyrerhaften Lächeln. Trotzdem habe ihn das Urteil voll erwischt, "schließlich ging es im Gerichtssaal zu wie im Kasperletheater." Außerdem hatte er ja gehofft, daß ihn die Redakteure decken würden, zu offensichtlich schien ihm deren Mitschuld. Erst ganz allmählich dämmerte Born, daß ihm seine Auftraggeber eine letzte Rolle zugedacht hatten ­ die des Sündenbocks.Wie schlecht er sich dafür eignete, zeigte die Urteilsbegründung. Weil kein Gesetz die Irreführung der Zuschauer verbietet, basierte das Strafmaß auf kleineren Delikten, darunter Fahren ohne Führerschein, illegaler Waffenbesitz, Urkundenfälschung und am schwerwiegendsten: Volksverhetzung. Vier Jahre Haft lautete das Urteil, und noch bevor die Diskussion um die Wahrhaftigkeit auf dem Bildschirm so richtig losging, war sie schon wieder beendet. Die vorgeladenen Fernsehjournalisten verschwanden in ihren Redaktionen und Born in der Justizvollzugsanstalt.Doch was macht jemand, der schon im Gericht nervös rumzappelt, wenn er nur mal fünf Minuten schweigen muß, in einer zehn Quadratmeter großen Gefängniszelle? Schon in den ersten Wochen erkrankte Born an haftbedingter Bulimie, ist von 100 auf 50 Kilo runter und landete schließlich in der forensischen Abteilung. Dort attestierte man ihm hohe Intelligenz, Warmherzigkeit und manische Arbeitswut. Noch in der Psychiatrie interviewte er verurteilte Sexualstraftäter und fertigte Gesprächsprotokolle an. "Welcher Journalist hat schon die Möglichkeit, viereinhalb Monate in der Geschlossenen zu recherchieren?"Kaum hatte er Freigang, bewarb sich Born als Kamermann bei einer Produktionsgesellschaft. Seitdem verläßt er jeden Morgen um sechs die JVA in Wittlich und fährt mit dem Zug nach Trier. Inmitten der amerikanischen Touristen, die in der Fußgängerzone das Moselidyll fotografieren, wirkt Born wie ein verirrter Kriegsberichterstatter ­ mit verschlissener Reporterweste und Fusselbart. Stets auf dem Sprung nach Beirut, Jerusalem oder in irgendein afrikanisches Krisengebiet. Wie damals, als er sich im Briefkopf seiner Firma "Transworld Pictures" für Risikoeinsätze empfahl und man ihn in den Redaktionen einen Galgenvogel nannte, weil er "die Kriege roch", wie er sagt.In der neuen Firma ist seine Vergangenheit kein Thema, dort schätzt man ihn als erfahrenen Kollegen, der selbst der stundenlangen Fron in der Kirchenkrypta etwas abgewinnen kann. Selbst abends im Gefängnis setzt sich Born noch an den Computer, drei Bücher sind schon fertig: Eine Satire über das Fernsehen, ein Kochbuch für den Krieg ("Bomben, Kichererbsen und Granaten") und ein Rückblick auf seine zweifelhafte Karriere. "Wer einmal fälscht " heißt das Buch vorbeugend, und der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat es so streng lektoriert, daß die konkreten Anschuldigungen im Bornschen Anekdoten-Gewirr fast verschwinden. Zu groß ist die Angst vor Einstweiligen Verfügungen.Mit dem Buch will sich Born rehabilitieren und die Rolle des skrupellosen Fälschers mit der des Eulenspiegels tauschen. Schon lange vor seiner Verhaftung habe er sich offenbaren wollen ­ eine letzte Nummer noch, dreister als alle zuvor. Dann wäre er Wallraff und Kujau in einer Person gewesen, wahrscheinlich nicht verurteilt, sondern als Spaßvogel gefeiert worden. Doch irgendwie hat er den Absprung verpaßt.Der heilige Michael Noch lieber als den Schelm spielt Born die Rolle des heiligen Michael: "Wenn man Menschenleben retten kann und will, muß der Aspekt der Authentizität notfalls in den Hintergrund treten", sagt er, und eigentlich gab es immer Menschen zu retten: Deutsche Touristen an der türkischen Küste, Flüchtlinge, Drogenabhängige. Für einen Beitrag über einen Kokainkurier hat er die Droge durch Pulverzucker ersetzt, weil er es für unverantwortlich hielt, eine Süchtige mit 10 000 DM über die Grenze zu schicken. Und für einen Film über Attentate der PKK gastierte seine Laienspielschar wochenlang in Griechenland, bis der Fake einigermaßen glaubhaft war. Er sollte ja noch über den Sender, um Anschläge zu vereiteln. Noch heute schwört Born, daß die Ankündigung der kurdischen Terroristen echt war ­ nur vor die Kamera habe er sie halt nicht bekommen. Tatsächlich explodierte im türkischen Badeort Fethiye eine Bombe, nachdem Borns gefälschter Film längst im Giftschrank der Redaktionen gelandet war. Als es echte Tote gab, kramte man ihn raus.Doch es fällt schwer, an Borns Rechtschaffenheit zu glauben. Zu stereotyp funktionieren seine Entschuldigungen: Stets wurde der gute Vorsatz durch widrige Umstände zunichte gemacht. Mal waren es skrupellose Redakteure, die mehr Leichen forderten, mal waren es schlichtweg Themen, die sich nur nach monatelanger Recherche realisieren ließen. Soviel Zeit hatte Born nie."Besser als Schtonk" Schon während der ersten Drehtage sei die Arbeit oft in pure "Dick- und Doof-Nummern" ausgeartet. Immer wieder habe er sich gesagt: "Das senden die doch nie." Warum er dann immer weiter dilettierte, sagt er nicht. Und warum riskiert jemand, der drei unterhaltsberechtigte Kinder hat und die Kamera in Raten bezahlt, mit seinen plumpen Fälschungen wieder nach Hause geschickt zu werden? Und warum hat er nach seiner Festnahme gehofft, daß ihn die betroffenen Redakteure decken, wenn alles im Namen der Aufklärung ans Licht sollte? Manchmal kann selbst Born eine ganze Weile schweigen.Reden wir lieber über die Zukunft. Davon hat er gleich mehrere Versionen auf Lager. Für das Fernsehen will er nie wieder arbeiten, vielleicht Spielfilme drehen, als erstes einen über sich selbst. An dem Projekt seien sogar die Schauspieler Helmut Berger und Mario Adorf beteiligt. "Viel besser als Schtonk" werde das. Für nächstes Jahr plant er dann den Sprung nach Hollywood: "Dort weiß man es zu schätzen, daß ich mit wenig Geld gute Effekte erziele." Ein Vertrag liege vor, und irgendwie ist auch Steven Spielberg mit dabei: Born in the USA.Sollte es mit der internationalen Karriere nicht klappen, könnte er immer noch als prominenter Fälscher durch die Talkshows tingeln ­ wie Konrad Kujau. Der schädigte einst den Stern, Born die Fernsehausgabe des Magazins. Vielleicht hat er den Schöpfer der Hitler-Tagebücher deswegen kurz vor seiner Verhaftung angerufen und um Rat gefragt. Höchstens eine Geldstrafe gebe das, hatte Kujau ihn getröstet.Wenn Born Glück hat, kommt er im Dezember raus ­ doch wie soll er sich dann entscheiden? Soll er den Mahner spielen oder doch den Medienclown, der seine komplettes uvre für eine kultige Born-Nacht zur Verfügung stellt. Eine Sendung mit dem Titel "Vorsicht, Born " hat man ihm angetragen, ein Preis für "mediale Wirklichkeitskonstruktion" wurde ihm bereits auf der letzten Frankfurter Buchmesse verliehen. Und erst vor wenigen Wochen zog ein Trittbrettfahrer in einer Talkshow eine Spielzeugpistole und schrie "Warum sitzt Born im Knast und nicht Bärbel Schäfer?"