Journalisten sind Welterklärer. Sie bieten dann Qualität, wenn der Leser sich nach der Lektüre eines Artikels oder nach dem Betrachten der "Tagesschau" zurücklehnt und sagt: "Ich habe verstanden!"Deshalb lautet die These 1: Medien müssen Politik ins Alltagsleben übersetzen, aber ihnen sind Grenzen gesetzt, wenn Politiker sich der Politik verweigern.Ein paar Tage vor der Bundestagswahl schilderte die Kanzlerin, wie sie im Supermarkt Artischocken einkauft: In der Dose und nicht wie die schwäbische Hausfrau am Marktstand. Was für Merkel im Wahlkampf die Artischocke, war für ihren Herausforderer der Fußball von Brakelsiek. Demnächst werden wir den Segler Gabriel sehen, wie er sich bei stürmischer See ans Ruder seiner Jolle kettet, Käpt'n Ahab und Richard Sennet vor Augen. Der amerikanische Soziologe hat mit seiner Lehre von der "Tyrannei der Intimität" ganze Politiker-Generationen verdorben. Sie glauben, bei den Bürgern mit Alltagserlebnissen punkten und mit kleinen Mutproben ein betörendes "narkotisches Charisma" (Sennet) entfalten zu können.These 2: Menschliche Schicksale bieten bessere Argumente als Politikerreden.Die Medienbürger des digitalen Zeitalters handeln nicht mehr nach Normen, die lange als unverrückbar galten. Für das Private galt ein Vermummungsgebot. Jetzt geht das Private an die Öffentlichkeit. In Winnenden veröffentlichten Eltern Fotos ihrer ermordeten Kinder - lachend und lebenszugewandt - um ihnen nach dem Amoklauf ein "Gesicht zu geben". Mit diesen hochemotionalen Bildern konfrontierten sie die Politik und forderten eine Verschärfung des Waffenrechts. Ihr persönliches Schicksal verlieh ihnen eine höhere Glaubwürdigkeit als ein noch so engagierter Volksvertreter sie jemals erreichen könnte. Die Medien müssen mit Emotionen und mit erschütternden Bildern argumentieren.These 3: Medien müssen Tabubrecher sein.Sterbenskranke beschreiben in den Medien ihren psychischen Ausnahmezustand. Sie verstecken ihren von der Chemotherapie gezeichneten Körper nicht unter Make-up und Perücken. Für sie ist die Veröffentlichung des Intimen nicht Tyrannei, sondern Befreiung. Sie sehen im Bruch der Intimität eine Chance, Empathie für sich und andere zu wecken. Der Depressionstod von Robert Enke hat radikal vor Augen geführt, dass Medien frühzeitig gesellschaftliche Tabus brechen müssen, um Menschen vor Katastrophen zu bewahren.These 4: Medien müssen auch die Entwürdigung des Menschen vor Augen führen.Alle erinnern sich an die Videoszene der sterbenden Neda Agha-Soltan auf einer Demonstration im Iran oder an das Bild vom Vietcong mit der schussbereiten Pistole eines Offiziers an der Schläfe. Jedes Abbild der Grausamkeit hat seine Ambivalenz. Es darf die Würde des Menschen nicht verletzen. So lautet das Gebot. Aber um die Würde des Menschen zu wahren, ist der Welt auch seine Entwürdigung vor Augen zu führen. Die Darstellung von Grausamkeit verletzt nicht die Würde der Opfer, sie entlarvt die Täter.These 5: Medien müssen die Lügensprache entlarven.Irgendwo im Verborgenen wütet eine hochkreative Worte-Verdreher GmbH. Sie erfindet kleine Wortungetüme, die auch die tristen Seiten der Wirklichkeit mit einer Prise Optimismus würzen. Aus Verlusten werden Mindereinnahmen. Der Rausschmiss von Arbeitnehmern heißt "Entlassungsproduktivität". Der Zeitarbeiter wurde als menschliches Wesen aus der Sprache eliminiert. Er ist ein Ding ohne Gesicht und wurde in "Flexibilitätspuffer" umbenannt. Ob solche Wortprägungen nun gedankenlos oder bewusst gesetzte Verdrehungen der Wirklichkeit sind, sie sagen viel über den Glaubwürdigkeit der Worte-Erfinder. Es ist die Aufgabe der Medien, diese Lügensprache schonungslos zu entlarven. Jeder Sprach-Vergewaltiger gehört auf ein journalistisches Fahndungsplakat.These 6: Medien müssen kampagnenfähig sein.Wo Politiker ihre Versprechen nicht halten, wo Probleme wolkig wegdefiniert werden, lautet der journalistische Auftrag: Dranbleiben, nichts durchgehen lassen, jedes Versprechen wieder aufrufen, Versagen dingfest machen. Das ist nachhaltiger Journalismus. Solche Kampagnen sind lebensnotwendig für die Demokratie.These 7: Medien müssen Glaubwürdigkeitsagenturen sein.Für naive Kommunikationstheoretiker hört sich das Motto "Augenzeugen übernehmen die Nachrichten" höchst verführerisch an. Mikroblogger, Twitter, Audio- und Videoblogs überschwemmen das Netz. Damit aus der Vielzahl von persönlichen Eindrücken und Gerüchten, von Ausgedachtem und Weitergesagtem verlässliche Information wird, bedarf es professioneller Sichtung und Überprüfung. Der Begriff der Echtzeit sagt gar nichts über die Echtheit der Information. Damit aus Zufallskommunikation Verlässlichkeitskommunikation wird, müssen Journalisten lebende Sortiermaschinen sein, die mit ihrer Fachkompetenz Glaubwürdigkeits-Testate erteilen oder die Löschtaste drücken.These 8: Medien müssen interaktiv sein.Die Interaktion zwischen Sender und Empfänger hat eine jahrhundertelange Tradition. Die ersten gedruckten Zeitungen, die im 17. Jahrhundert erschienen, waren Korrespondenzen, in denen die Bezieher, vornehmlich Kaufleute und Gelehrte, ihre Informationen an die Drucker sandten und zugleich von den Einsendungen anderer profitierten. Nicht weit entfernt von den Usancen der Netzwelt heute. Information auf Gegenseitigkeit. Wenn sie sich die Medien als Organisatoren solcher Internet-Dialoge verstehen und sie mit einem Input verlässlicher Informationen lenken, werden sie zu Glaubwürdigkeits-Inseln im Netz und können so die Neugier der User auch auf klassische Angebote wie Zeitung und Rundfunk lenken.These 9: Der Leser hat das Zeug zum Mitmachreporter.Ob Tsunami- oder Transrapid-Katastrophe, Kennedy-Attentat oder 9/11 - stets waren Laien mit Fotoapparat oder Videokamera eher vor Ort als professionelle Journalisten. Der von Laien gelieferte Content bereichert das Angebot, aber er setzt hohen Arbeitseinsatz bei Sichtung und Überprüfung voraus, denn den Zulieferern sind journalistische Kriterien wie Check und Gegencheck, genaue Recherche, Quellenangabe und die Anforderungen des Persönlichkeitsschutzes fremd.Der Leser hat sich emanzipiert, er wird zum Mitmachreporter. Aber der Journalist hat die Pflicht, die Veröffentlichung seiner Laien-Kollegen an strenge journalistische Kriterien zu binden, sonst stellt er für sein Medium die Glaubwürdigkeit zur Disposition.These 10: Die Lokalzeitung ist das letzte Integrationsmedium in einer Gesellschaft mit vielen medialen Brüchen.Am Zeitungskiosk gibt es für jedes Hobby und für jeden Geschmack ein Spezialmagazin, dazu Wochenblätter für jede Weltanschauung. Lediglich die Regionalzeitung spricht unabhängig von Beruf oder Bildungsstand alle an. Die Probe aufs Exempel lässt sich beim nächsten Arztbesuch machen. Zwar sehen alle, die man hier trifft, unterschiedliche Fernsehprogramme, aber in der Lektüre der Zeitung sind sie vereint. Die Lokalzeitung liegt bei der Sprechstundenhilfe zwischen PC und Telefon, der Doktor hat das Blatt schon beim Frühstück gelesen, und die Patienten im Wartezimmer schauen genervt auf die Uhr und schlagen die nächste Seite auf. Aber es gibt längst in jeder Stadt Viertel ohne diese Wartezimmeridylle. Wo Deutsch keine Umgangssprache mehr ist, da ist auch für die Zeitung verlorenes Terrain. Kindergarten, Schul- und Integrationspolitik müssen schon deshalb Kernthemen jeder Redaktion sein, die will, dass auch künftige Generationen noch lesen und nicht nur Handy-, fernseh- oder netzsüchtig werden. Den Rücktritt eines Bundesministers zu fordern oder dem afghanischen Staatspräsidenten gute Ratschläge zu erteilen, ist eine leichtere Übung, gemessen an der Akribie, die ein Lokaljournalist aufbringen muss, der einem Senator oder einem Behördenvertreter Fehlverhalten nachweisen will. Da muss jedes Detail bis ins letzte belegbar sein. Solcher Mut und solche Professionalität prägen die ganze Zeitung, die mit jeder Ausgabe neu den Glaubwürdigkeitstest vor ihren Lesern bestehen muss.These 11: Nicht die Medien verdummen das Publikum, sondern das Publikum macht die Medien so dumm.Im Supermarkt der Medien regiert der Absolutismus der Nachfrage. Auf keinem anderen Markt kann der Konsument seine Rolle als "König Kunde" so ausspielen wie hier. Mit der Fernbedienung kann der Zuschauer in Zehntelsekundenschnelle von einem Programmangebot zum nächsten switchen. Am Kiosk entscheidet die Schlagzeile, ob der Käufer kauft. In einem Wettbewerb, der nach Sekunden zählt, ist es von existenzieller Bedeutung, den Reiz des Dabeibleibens kontinuierlich zu steigern, um Aus- und Umschaltimpulse zu vermeiden. Wer den Bürger für sich gewinnen will, muss unterhaltsam erklären und pointenreich übersetzen.Meine 12. These wendet sich an meine journalistischen Kolleginnen und Kollegen. Sie sind und bleiben Sachwalter öffentlicher Interessen und ethischer Standards.Die Medien dürfen nicht Bauchredner des Publikums sein. Sie müssen sich an den Wünschen der Leser, Hörer und Zuschauer orientieren, aber sie dürfen nicht in einem vorauseilenden Gehorsam die Standards weiter nach unten drücken. Meinen Kollegen sage ich: Verschwende ab und zu einen Gedanken daran, dass auch diejenigen, über die berichtet wird, durchaus einmal recht haben können.- Breite Privates und Intimes nur über Personen aus, die sich selbst dazu anbieten. Es gibt genug. - Achte den Leser, den Hörer, den Zuschauer. Gönne ihm ab und zu einen überraschenden Gedanken und eine neue Idee.Arthur Schopenhauer hatte keinen Fernseher auf dem Spind, aber einen ultimativen Rat für alle, die sich über die Medien ärgern. Er war überzeugt, "dass es Dummköpfen und Narren gegenüber nur einen Weg gibt, seinen Verstand an den Tag zu legen. Und der ist, dass man mit ihnen nicht redet." Die Nutzanwendung heisst knapp: Wenn Dummheit nervt, sofort abschalten! Das ist der Segen der Fernbedienung und ein unverbrüchliches Menschenrecht.------------------------------Foto: Prof. Ernst Elitz war Gründungsintendant des Deutschland- radios und lehrt an der FU Berlin Kultur- und Medien- management.Foto: Im Schatten der Macht, im Dienste des Publikums: Medien müssen mehr sein als bloße Beobachter.