Am 26. August 1991 stürzt sich der Verwaltungschef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Nikolai Krutschina, vom Balkon seiner Moskauer Wohnung. Auf seinem Schreibtisch hinterlässt er eine Notiz: "Ich bin kein Verschwörer, aber ein Feigling. " Unter dem Zettel liegt eine Mappe mit Dokumenten über die kommerzielle Tätigkeit der KPdSU. Fünf Tage vorher ist der Staatsstreich gescheitert, mit dem eine Clique altstalinistischer Spitzenfunktionäre den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow stürzen und den von ihm eingeleiteten Reformprozess, die Perestroika, beenden wollte. Sieben der Putschisten, die sich selbst ein "Notstandskomitee" nannten, sind verhaftet und in das Moskauer Untersuchungsgefängnis "Matrosenstille" gebracht worden. Der Achte, Innenminister Boris Pugo, hatte sich in den Kopf geschossen, als ihn die Spezialeinheit festnehmen wollte.Bis dahin brachte niemand Krutschina mit diesen Leuten in Verbindung. Dennoch ist die Angst, die ihn in den Selbstmord trieb, nachvollziehbar - und zugleich beruhte sie auf einem tragischen Missverständnis. Gorbatschow hatte die 72 Stunden des Moskauer Putsches in komfortablem Hausarrest in einem Schlösschen an der Schwarzmeerküste verbracht. Nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt legte er sein Amt als Parteichef nieder und verfügte die Rückgabe des Parteivermögens "an das Volk". Der Verwalter dieses Vermögens war Krutschina. Er musste nun fürchten, von einem der Mächtigen im Lande zum Objekt strafrechtlicher Verfolgung zu werden. Denn Krutschina war mit den Reichtümern der Partei nicht mehr nach den Gesetzen der realsozialistischen Sowjetunion umgegangen, sondern hatte in letzter Zeit versucht, sie im kapitalistischen Westen in Sicherheit zu bringen. Detailliert nachlesen könnte man das in den rund zweihundert Bänden zur Strafsache "Die finanzwirtschaftliche Tätigkeit des Zentralkomitees der KPdSU", die im Archiv der Generalstaatsanwaltschaft Russlands lagern. Doch dieses Material ist noch immer "streng geheim". Aber auch ohne die Akten lässt sich heute, zehn Jahre nach dem Augustputsch, gut erkennen, was die Gorbatschow sche Perestroika war und warum sie scheitern musste.Anfang der achtziger Jahre brachten Wirtschaftsfunktionäre und Angehörige des Sicherheitsapparates von ihren Reisen die im Gegensatz zur Lehre von der gesetzmäßigen Sieghaftigkeit des Sozialismus stehende Gewissheit mit, dass der technologische Vorsprung des Westens vor dem "sozialistischen Weltsystem" immer größer wurde. Grundsätzlich gab es zwei Wege, diese Kluft zu schließen: Man konnte versuchen, die Spitzentechnologie zu stehlen. Oder es müsste gelingen, westliche Investoren von der Attraktivität eines Engagements in der Sowjetunion zu überzeugen. Die Führung der KPdSU entschied sich für die zweite Variante - auf Anraten des Geheimdienstes KGB, der sich außer Stande sah, die Technologie-Lücke auf kriminellem Wege zu schließen.Als Michail Gorbatschow im März 1985, nach dem Tode Konstantin Tschernenkos, als Generalsekretär des ZK der KPdSU die Macht übernahm, ging es ihm um die Rettung, nicht um die Überwindung des sowjetischen Systems. Es ging ihm nicht um die Entmachtung des Parteiapparates und nicht um den Rückzug aus Mittel- und Südosteuropa. "In der ersten Zeit erklärten wir, auch ich: Die Perestroika ist die Fortsetzung der Oktoberrevolution", bekennt Gorbatschow in seinem Buch "Über mein Land", das im vergangenen Jahr erschienen ist. Der Parteichef wusste bei seinem Amtsantritt 1985 zwei Dinge: Der angestrebte Technologietransfer und eine Ost-West-Konfrontation auf Leben und Tod, wie sie der Kalte Krieg in letzter Konsequenz darstellte, waren nicht miteinander vereinbar. Und: Die sowjetische Wirtschaft war in einem so desolaten Zustand, dass es völlig illusorisch war, dass sich ausländisches Kapital dafür interessierte.Das widersprach natürlich dem offiziellen Bild, das die Spitzenfunktionäre von ihrem Land malten - und das die meisten von ihnen offensichtlich auch wirklich verinnerlicht hatten. Auf dem 27. Parteitag im Februar/März 1986 bilanzierte der Rechenschaftsbericht des ZK noch immer beeindruckende - gefälschte - Wachstumsraten. Und das Politbüromitglied Jegor Ligatschow schloss "Abweichungen in Richtung Marktwirtschaft und privates Unternehmertum" noch immer kategorisch aus, während Gorbatschow überzeugt war, dass "wirklich revolutionäre Veränderungen in der Wirtschaft" lebensnotwendig seien. Hier verläuft ein Konflikt tief im Innern der nach außen so monolithisch wirkenden KPdSU, der sich erst nach dem Augustputsch lösen sollte - mit dem Untergang der Partei. Doch bis dahin versuchten Reformflügel und Dogmatiker mit einem Kompromiss zu leben; etwas, was es vorher in der Geschichte leninistischer Parteien in Grundsatzfragen nie gegeben hatte. Dieser Kompromiss lautete: Die Konservativen um Ligatschow würden sich dem von Gorbatschow angestrebten Umbau der Wirtschaft nicht in den Weg stellen, so lange diese Reformen das realsozialistische Gesellschaftsmodell nicht grundsätzlich in Frage stellten. Das war keine originär russische Idee. Sieben Jahre vorher war auf Veranlassung Deng Xiaopings genau dies zum Grundsatz des chinesischen Reformprozesses erhoben worden.Richtig los ging es in der Sowjetunion 1986. Eine neue Eigentumsform tauchte plötzlich auf: Das "joint venture". Ausländischen Investoren wurde es sehr begrenzt erlaubt, sich direkt in der UdSSR zu engagieren. Dazu mussten sie einen sowjetischen Partner suchen. Dies waren Leute aus der Wirtschaftsabteilung des Zentralkomitees, ausgesuchte Komsomolfunktionäre und vor allem Mitarbeiter der 5. Hauptverwaltung des Geheimdienstes KGB. Die Führung wollte die Sache fest in der Hand behalten, und die westlichen Firmen suchten sogar die Nähe der KGB-Leute, weil sie wussten, dass diese die Konflikte mit der russischen Bürokratie geregelt bekommen. Hundert Banken und Firmen wurden in dieser Zeit allein in Moskau gegründet, sechshundert weitere in der Provinz. Einige der heutigen Oligarchen begannen damals unter anderem als Händler mit russischen Rohstoffen, die sie zu extrem subventionierten Inlandspreisen kauften und zu Weltmarktpreisen an ihre westlichen Partner weiterverhökerten. Das funktionierte auch nach dem Augustputsch weiter. Noch 1992, so ergab eine Untersuchung des amerikanischen Stratfor-Instituts, waren achtzig Prozent der Manager in den Joint-Venture-Unternehmen von Jelzins Russland ehemalige KGB-Offiziere.Bei der russischen Adaption des chinesischen Modells wurden allerdings zwei Dinge unterschätzt oder übersehen. Auch in der KP Chinas gab es Flügel, aber in den ersten zwanzig Jahren der chinesischen Perestroika nur einen, der diktatorisch die Macht exekutierte: Deng Xiaoping. Gorbatschow lag ein solcher Führungsstil offensichtlich fern, möglicherweise fehlte ihm aber auch nur die ökonomische Kompetenz seines chinesischen Vorbildes. Jedenfalls ließ Gorba- tschow offenen Widerspruch zu, versuchte die Einwände bei seinen Entscheidungen zu berücksichtigen und wechselte ständig seine Berater.Dies war auf der einen Seite tatsächlich ein Wandel zu mehr Demokratie. Aber eine konsistente wirtschaftliche Konzeption kam so zu keinem Zeitpunkt der Perestroika zu Stande. Jedes der neuen Programme war utopischer als das Vorgängermodell. Den Höhepunkt bildete ein Plan der Ökonomen Schatalin und Jawlinski, die Sowjetunion in nur fünfhundert Tagen auf westliches Niveau zu bringen. Die Folgen dieses Voluntarismus waren katastrophal. Die Sowjetunion verwandelte sich keineswegs in ein "Silicon Valley", sie bewegte sich vielmehr unvermeidlich immer schneller auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu. Ab 1990 wurde die Heimat aller Werktätigen von Massenstreiks der Bergleute im sibirischen Kohlebecken erschüttert. Eine Versorgungskrise begann, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte. 1991 wurden in den Geschäften sogar die Streichhölzer knapp. Seinen letzten entscheidenden Fehler beging Gorbatschow, als er in dem wachsenden allgemeinen Unmut die führenden Köpfe der Konservativen, die späteren Putschisten, in sein Politbüro holte und alte Freunde wie Außenminister Schewardnadse im Stich ließ, so dass sie enttäuscht den Gegnern der Perestroika das Feld überließen.Das zweite entscheidende Manko: Die KPdSU und wahrscheinlich auch Gorbatschow selbst kamen nie damit zurecht, dass Liberalisierung zwangsläufig Kontrollverlust bedeutet. Der erste schwere Schock waren die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989 in Peking, als die chinesische Führung die den wirtschaftlichen Reformen zwangsläufig folgenden Forderungen nach einem demokratischen Wandel mit einem Blutbad beendete. Der zweite, weit schwerere Schock, war dann im Herbst der urplötzliche Zusammenbruch des Realsozialismus in den so genannten Bruderstaaten, dem Moskau keinen Widerstand entgegensetzte. Als in der Folge dann auch noch in den Sowjetrepubliken das Streben nach Unabhängigkeit endgültig die Oberhand gewann, hielten die Kräfte des alten Systems die Zeit zum Zuschlagen für gekommen. Gorba- tschow hatte sein Versprechen nicht gehalten, trotz der Reformen die Lebensfähigkeit des alten Systems zu gewährleisten.Zuvor jedoch mussten einflussreiche Kräfte im Apparat des ZK am Alten Platz in Moskau zu der Einschätzung gelangt sein, dass alles schon längst zu spät sei. Im Herbst 1990 war auf Bitten des KPdSU-Verwaltungschefs Krutschina ein Oberst Leonid Wesselowski in den Apparat des Zentralkomitees versetzt worden. Dieser hatte vorher lange als Wirtschaftsspion im Westen gearbeitet und in der Anfangsphase der Perestroika die als sowjetische Unternehmer vorgesehenen Kader geschult. Darunter übrigens auch den langjährigen KGB-Mitarbeiter Jewgeni Primakow, der später unter Jelzin Ministerpräsident wird, und den Präsidenten der Staatsbank Gerastschenko, der diese Funktion mit einer kurzen Unterbrechung bis heute ausübt.1990 gab es für Wesselowski offenbar im Zentralkomitee eine solch schwere Aufgabe zu lösen, die man nur "dem Angehörigen einer Institution übertragen konnte, an deren Ehrenhaftigkeit niemals Zweifel bestehen konnten". So steht es in seiner Aussage, die er am 7. September 1991 vor der Staatsanwaltschaft machte. Die Aufgabe, an der er mitarbeitete, ist die "Marktkapitalisierung des Vermögens der KPdSU". Krutschinas Mannschaft begründet mit Parteigeldern die Familie der sowjetischen Millionäre. Es ist nicht so, dass das gesamte heutige russische Business aus der Verwaltung des ZK hervorgegangen ist. Aber richtig ist doch, dass die Partei bei der "ursprünglichen Akkumulation des Kapitals" im neuen Russland die führende Rolle spielte.Noch immer ist nicht nachweisbar, dass auch die "großen Namen" unter den Oligarchen auf diese Weise zu ihrem Reichtum kamen. Aber die explosionsartige Karriere einiger von ihnen nährt den Verdacht. So organisierte beispielsweise Michail Chodorkowski 1986 unter dem Dach des Komsomol eine Organisation mit dem sperrigen Titel "Zweigübergreifendes Zentrum wissenschaftlich-technischer Programme" - nach der russischen Abkürzung "Menatep". Sie handelt mit Computern. Zwei Jahre später entsteht die "Menatep"-Bank. Mit persönlicher Erlaubnis des Generalsekretärs Gorbatschow laufen über diese Privatbank die westlichen Mittel zur Beseitigung der Folgen der Tschernobyl-Katastrophe. Ab Anfang 1990 verwaltet "Menatep" KPdSU-Gelder und schafft sie auf Nummernkonten im Ausland.Die Partei handelt vor allem nach dem von Wesselowski 1990, ein Jahr vor dem Putsch, entwickelten Szenario: "Die Geldreserven können offen nur in gesellschaftliche, soziale oder wohltätige Stiftungen investiert werden, was ihre Konfiszierungen in der Zukunft erschwert", zitierte die Zeitung "Moskowskije Nowosti" kürzlich aus einer Aktennotiz des KGB-Obersten. Insgesamt händigte die KPdSU-Verwaltung drei Milliarden Rubel an vertrauenswürdige Personen aus. Niemand weiß, wie viel noch zu holen ist, als Gorbatschow die Rückgabe des Parteivermögens an das Volk anordnet. Ob seine eigene Stiftung "Glasnost" etwas von Krutschina abbekommen hat, wird noch lange im Dunklen bleiben.Im August 1991 endete die Perestroika, der Versuch des Staats- und Sicherheitsapparates einer kontrollierten Modernisierung der Sowjetunion war gescheitert. Der Übergang der Macht auf den russischen Präsidenten Boris Jelzin bedeutete eine Umwälzung der gesamten gesellschaftlichen Ordnung, war aber keine Revolution. Allein die sieben überlebenden Putschisten saßen für einige Zeit im Gefängnis. Ansonsten folgte keine wie immer geartete Abrechnung mit den Verantwortlichen des alten Regimes, die kommunistischen Eliten verwandelten sich ohne die geringsten Reibungsverluste in die neuen kapitalistischen Eliten. Darin bestand das Missverständnis von Krutschinas Selbstmord. Er wäre in den folgenden Jahren wahrscheinlich einer der wichtigsten Wirtschaftsbosse geworden.Im August 1991 war der Versuch einer kontrollierten Modernisierung der Sowjetunion durch den Staats- und Sicherheitsapparat gescheitert.AP/LIU HEUNG SHINGIn den Straßen von Moskau. Am 21. August 1991 ist der Putsch altstalinistischer KP-Funktionäre missglückt, wenig später wird Gorbatschow von Jelzin entmachtet.