BERLIN. Wo wird er es platzieren, das goldene Rehlein? Wird es einen Ehrenplatz bekommen, auf der Glasvitrine, neben dem goldenen Weltpokal? Einen Bambi hat Joseph Blatter am Donnerstag erhalten, in der Kategorie Kommunikation. Damit werde sein unermüdlicher Einsatz für den Fußballsport und für dessen völkerverbindende Wirkung gewürdigt, sagte Johannes Baptist Kerner auf der Bambi-Gala in München. Einerseits treffen derlei Hymnen auf Blatter zu, den Präsidenten des Fußball-Weltverbandes (Fifa). Andererseits hat der große Kommunikator zuletzt in einer brisanten Angelegenheit überhaupt nicht überzeugend kommuniziert - zumindest in der Öffentlichkeit.In seinem von einer dunkelbraunen Schrankwand dominierten Büro auf dem Zürcher Sonnenberg, wo jetzt Bambi einziehen soll, erhielt Blatter vor einem Monat überraschend Besuch. Thomas Hildbrand, ein hartgesottener Untersuchungsrichter, Experte für schwere Wirtschaftsdelikte, stürmte mit mehreren Polizeibeamten (in Zivil) in den Raum und legte dem verdutzten Fifa-Präsidenten einen Durchsuchungsbefehl vor. Blatter griff instinktiv zum Telefon und wollte seinen Anwalt Professor Peter Nobel benachrichtigen. Doch die Beamten verwehrten ihm dieses Telefonat. Sie durchsuchten die Unterlagen in Blatters Office, im Büro des Fifa-Generalsekretärs Urs Linsi und später auch noch im Basement, im Fifa-Archiv. Sie verschwanden mit einigen Kilo beschlagnahmten Aktenmaterials.Verschwundene MillionenDie Durchsuchung steht im Zusammenhang mit Ermittlungen zur Milliardenpleite des ehemaligen Sportvermarkters ISL/ISMM. Die Fifa hatte im Mai 2001 selbst Klage gegen ISL-Manager eingereicht, weil ihr 60 Millionen US-Dollar aus Verträgen mit dem brasilianischen Sender TV Globo vorenthalten worden waren. Im Mai 2005 hatte Untersuchungsrichter Hildbrand einen knapp 300-seitigen Bericht an die Staatsanwaltschaft Zug übergeben, die nun entscheiden muss, wann gegen sechs ehemalige ISL-Führungskräfte Anklage erhoben wird. "Es wird Prozesse geben", hatte Hildbrand damals gesagt. Gewerbsmäßiger Betrug kann mit bis zu zehn Jahren Freiheitsentzug bestraft werden.Die Fifa hatte im Juni 2004 völlig überraschend (und in aller Stille) gegenüber Hildbrand erklärt, sie sei nicht länger an einer strafrechtlichen Ermittlung interessiert. In der Öffentlichkeit stellte man das anders dar. Zu dieser Diskrepanz sagte Blatter dieser Zeitung: "Es schien auf anwaltlichen Rat hin richtig, uns auf Erfolg versprechende zivile Klagen zu konzentrieren. Im Zusammenhang mit der Desinteressenerklärung hat die Fifa immer wieder betont und dies gegenüber dem Untersuchungsrichter schriftlich klargemacht, dass sie aktiv und nach bestem Wissen weiterhin die Strafuntersuchung in jeder geeigneten Form unterstützen würde, was auch fortwährend geschehen ist."Diese Darstellung scheint nicht recht mit anderen Entwicklungen zu korrespondieren: So hatte Peter Nobel, Blatters persönlicher Anwalt, ausgerechnet für den beschuldigten ISL-Manager Jean-Marie Weber einen Vergleich mit dem ISL-Konkursverwalter ausgehandelt. Der Konkursverwalter Thomas Bauer hatte von etwa 20 wichtigen internationalen Sportfunktionären, darunter auch hochrangigen Fußball-Offiziellen, mehrere Millionen Schweizer Franken zurückgefordert, die von der ISL als Bestechungsgeld gezahlt worden waren. Bauer reichte Zivilklage gegen diese Personen ein.Der Vergleich bestand nun darin, dass Nobel 2,5 Millionen Franken überwies und Konkursverwalter Bauer die Klagen gegen Personen zurückzog, "die direkt oder indirekt mit dem Fußballgeschäft verbunden" sind, wie es in einem Urteil des Schweizer Bundesgerichts heißt. Dieser stille Deal war Gegenstand einer juristischen Auseinandersetzung. Blatters Anwalt Nobel, der in der ISL-Sache auch "Drittinteressen" vertrat, weigerte sich dabei erfolgreich, die Namen seiner Klienten und jener Personen zu nennen, die für einen großen Teil der 2,5 Millionen Franken aufgekommen sind. Jean-Marie Weber allein konnte über die Summe kaum verfügen.Der Sachverhalt ist hochkompliziert - und hochexplosiv. Wer konnte ein Interesse daran haben, dass Bestechungen, die meist über ominöse Stiftungen wie die in Liechtenstein ansässige und mit 60 Millionen Franken gefütterte Nunca abgewickelt wurden, verschwiegen werden? Hatten nicht angeklagte ISL-Manager angekündigt, sie würden alles unternehmen, um nicht im Zuchthaus zu landen, und deshalb auch Namen der von ihnen bestochenen Personen nennen?Dass es sich um Korruption in großem Stil handelt, wurde inzwischen auch in einem Urteil des Bundesgerichts dokumentiert. Darin wird ein Beschuldigter zitiert, der von "Zuwendungen an Persönlichkeiten und Entscheidungsträger des Weltsports" spricht. Angeblich soll Untersuchungsrichter Hildbrand seinem ISL-Bericht einen Anhang angefügt haben, in dem Zahlungen an Dutzende Top-Funktionäre aufgeführt sind - aus den Weltverbänden des Fußballs, der Leichtathletik, des Schwimmens und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Der Name Blatter steht nicht auf der Liste. IOC-Präsident Jacques Rogge erklärte in dieser Zeitung, er verfolge die Vorgänge sehr aufmerksam: "Wenn da schmutzige Wäsche zu waschen ist, soll es passieren. Dann soll die Wahrheit ans Licht gelangen, dann sollen die Richter ihr Urteil sprechen."Spektakuläre WendungVor dem ISL-Prozess zittert inzwischen der gesamte olympische Sport. Der Umstand, dass der ISL-Rechercheur Thomas Hildbrand wieder als Sonderermittler des Kantons Zug eingesetzt ist, darf als Indiz für den Ernst der Lage gelten. Denn mit Hildbrand ist, anders als mit manchem Richter aus Zürich, der zuvor Fifa-Strafsachen betreute, nicht zu spaßen. Die Durchsuchung in den Büros von Präsident Blatter und Generalsekretär Urs Linsi wurde von der Zürcher Sonntagszeitung publik gemacht. Offenbar liegen der Justiz Unterlagen vor, die den Verdacht erhärten, dass die Fifa-Führung - anders als von ihr mehrfach betont - über die Veruntreuung der TV-Globo-Millionen schon früher Bescheid gewusst hat. Zumindest aber wurde die Fifa, etwa der damalige Finanzchef Linsi, von Anwälten auf die Gefahren der Vertragsgestaltung hingewiesen, wie Informationen dieser Zeitung belegen. Dies könnte den strafrechtlichen Ermittlungen, die sich ursprünglich nur gegen ISL-Manager richteten, eine spektakuläre Wendung geben.Hat die Fifa-Administration die Korruption befördert? Im Artikel 158 des Schweizerischen Strafgesetzbuches heißt es: "Wer aufgrund des Gesetzes, eines behördlichen Auftrages oder eines Rechtsgeschäfts damit betraut ist, Vermögen eines andern zu verwalten (.) und dabei unter Verletzung seiner Pflichten bewirkt oder zulässt, dass der andere am Vermögen geschädigt wird, wird mit Gefängnis bestraft." Dieser Paragraf 158 scheint nun eine zentrale Rolle zu spielen.------------------------------"Wenn da schmutzige Wäsche zu waschen ist, soll es passieren."IOC-Präsident Jacques Rogge------------------------------Konkurs mit FolgenISL/ISMM: Das Firmenkonstrukt war einst der Gigant des Sportmarketing. Rund zwei Jahrzehnte war die ISL-Gruppe Weltmarktführer bei Sponsoren- und TV-Verträgen für Olympische Spiele und zahlreiche Weltmeisterschaften (u. a. Fußball, Leichtathletik, Schwimmen, Basketball). Dennoch ging das ISL-Konglomerat im Mai 2001 in Konkurs - mit einem Schaden von drei Milliarden Euro.Bestechung: Im Zusammenhang mit dem ISL-Konkurs konnte die Existenz dubioser Stiftungen in Steuerparadiesen wie Liechtenstein und zahlreicher Schwarzkonten nachgewiesen werden. ISL hat Jahrzehnte in großem Stil führende Sportfunktionäre geschmiert, im IOC und vielen olympischen Weltverbänden. Auf diese Weise kam man an lukrative TV- und Sponsorenverträge. In Rede stehen Summen von mehreren hundert Millionen Euro, doch nur ein Teil davon konnte von Ermittlern belegt werden.Prozess: Sechs ISL-Managern, darunter Jean-Marie Weber und Christoph Malms, drohen mehrjährige Haftstrafen wegen Veruntreuung, Betrugs, betrügerischen Konkurses, Gläubigerschädigung, Urkundenfälschung und anderer Delikte. Der Prozess wird 2006 erwartet und könnte sich zum größten Korruptionsskandal des Weltsports ausweiten.Fifa: Der Verband zählt zu den von ISL Geschädigten. Es sind aber auch Bestechungsgelder an Fußball-Funktionäre geflossen. Nach einem außergerichtlichen Deal mit Jean-Marie Weber und dessen unbekannten Geldgebern hat der ISL-Konkursverwalter jedoch Zivilklagen gegen die Bestochenen zurückgezogen.Hausdurchsuchung: Die Ermittler haben am 3. November die Büros von Fifa-Präsident Joseph Blatter und Generalsekretär Urs Linsi durchforstet und Akten sichergestellt. Im Raum steht der Vorwurf der "ungetreuen Geschäftsbesorgung". Fifa-Offizielle könnten mit zögerlichem Verhalten den ISL-Betrug in Sachen TV Globo befördert haben. Laut Artikel 158 des Schweizer Strafgesetzbuches könnte ein solches Delikt "mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder mit Gefängnis bestraft" werden.------------------------------Foto : Schönes Stück für die Vitrine: Joseph Blatter, Präsident des Weltfußballverbandes Fifa, schwenkt glücklich seinen erbeuteten Bambi.

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