Kaum ein Berliner Projekt ist so bekannt wie der Prinzessinnengarten am Moritzplatz. Stern, taz, New York Times, subkulturelle Medien und CNN feierten die urbane "Farm": Dralle Salatpflänzchen vor Hochhäusern, smarte Kreuzberger mit Pflanzschaufel, türkische Omas bei der Tomatenernte - schön fotografier oder gefilmt gingen sie um die Welt. Sie stehen für ein Phänomen, das auch anderswo Beete hinterlässt. Immer mehr Menschen gärtnern in Gemeinschaftsgärten, auf Dächern und der guten alten Parzelle oder im Hinterhof. Mitten in der Stadt.Dass es dabei um mehr geht als die Lust an der eigenen Scholle, zeigt der von Christa Müller herausgegebene Sammelband "Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt". Auf seinem Deckel prangt - natürlich - der Prinzessinnengarten. Doch das Buch kreist nicht um den Moritzplatz, sondern um Gärten von Saarbrücken bis Buenos Aires und ordnet sie in aktuelle Debatten um Ernährung, Nachhaltigkeit und Stadtplanung ein. Einige Aufsätze berichten von Selbstversorgungsprojekten der vorletzten Jahrhundertwende oder von Hausbesetzern, denen so manche Stadt ihren Kinderbauernhof verdankt.Zu Beginn wird gefragt, wer eigentlich neuerdings so begeistert gärtnert. Es sind, so analysieren Karin Werner und Bastian Lange, oft sehr junge Menschen, typische Vertreter einer unideologischen , kritischen, "reflexiven Moderne". Statt in festen Gruppen ferne Ziele zu verfolgen, agieren sie in lockeren Gefügen, spielerisch und mit Blick aufs Machbare. Sie übertragen die Open-Source-Logik aufs Gemeinschaftsgrün und vernetzen sich, zumindest vorübergehend, mit Mitgärtnern und Anwohnern. In der wachsenden Szene interkultureller Gärten treffen sich Menschen unterschiedlicher Nationen und Generation, auch hier ist das Miteinander ebenso wichtig wie die Ernte. Frieder Thomas dagegen schreibt über die Probleme "echter" Landwirte mit eigenen Betrieben, die oft ganz unspielerisch ums Überleben kämpfen. Kann der Trend zum Gärtnern ihnen nützen, welche Vernetzungsmöglichkeiten gibt es? Immerhin verfügen viele Städte über beachtliche landwirtschaftliche Nutzflächen.Diverse Aufsätze stellen angesichts der "Peak Oil"-Problematik die Frage, was urbane Gärten zur "städtischen Subsistenz" beitragen können. Aus dem knapper werdenden Öl werden ja nicht nur Treibstoffe, sondern auch Kunstdünger hergestellt. Denkt man über "postfossiles" Wirtschaften nach, bekommen Beete in der Stadt einen ganz handfesten Wert: Andrea Heistinger formuliert das so: "Würde man zum Beispiel in London untergenutzen öffentliche Stadtraum in produktive Landflächen umwandeln, könnte man ungefähr 30 Prozent des Obst- und Gemüsebedarfes der Stadtbewohner abdecken - und das, ohne auch nur einen Park in ein Kohlfeld zu verwandeln."Das ist gut fürs Klima und könnte unser Verständnis von Stadt nachhaltig ändern. In Zeiten der immer ungenierteren Vermarktung öffentlichen Raums ist der Anspruch eben dort Kartoffeln zu pflanzen - und zwar ohne Eintrittskarte - geradezu revolutionär. Schrumpfende Städte bieten viel Platz dafür, wie die Aufsätze über Leipzig und Dessau zeigen. Woanders sind Gärten oft von Bebauung bedroht. Verschiedene Beiträge fragen nach Gegenstrategien, denn: "die Stadt ist keine Ware, sondern ein Lebensraum."Die langsamen Prozesse des Gedeihens entziehen sich der schnellen Verwertung. Wer einen Boden nachhaltig verbessern will, braucht Zeit, gerade auf stark belasteten Stadtbrachen. Das zeigt Daniela Kälber am Beispiel Kubas. Das Problem der Verknappung und Zerstörung der Böden und die Frage, wem sie eigentlich gehören (sollten) zieht sich ebenso durch das Buch, wie das Thema Ernährungssouveränität und Saatgutwirtschaft. Denn Gärtner können alte Sorten erhalten - solange das EU-Saatgutverkehrsrecht es noch erlaubt. Und danach natürlich erst recht.Wie in allen Sammelbänden finden sich auch in Müllers Buch ein paar Wiederholungen, doch vor allem ist es ungemein anregend und informativ. Allein der Buch- und Linklisten wegen lohnt sich sein Kauf. Das Schönste aber ist die Begeisterung aller Beteiligten. Sie berichten von Menschen, die ihr nahes Umfeld gestalten, in globalen Zusammenhängen denken und sympathische, "postmaterielle" Formen des Wohlstands kultivieren. Statt dicker Autos und Tomaten im Dezember sorgt das selbstgeerntete Essen oder eine Mail von befreundeten Aktivisten für Zufriedenheit. "Eine andere Welt ist pflanzbar", so lautet das verheißungsvolle Motto dieser Gärtner. Hat man die 21 Aufsätze gelesen, glaubt man es gern.-----------------------Christa Müller (Hg.) Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, oekom, München 2011, 349 S., 19,95 Euro.------------------------------Foto: Gemeinschaftsgrün