Männer schauen bei Frauen auf Busen und Gesäß, Frauen sehen sich das Gesicht des Mannes an und treffen dann ein Urteil über die Attraktivität ihres Gegenübers. In ihrer Entscheidung, was schön ist und was nicht, werden die Menschen heute sowohl durch die Biologie als auch durch Medien beeinflußt.Anja ist eine junge, intelligente Frau. Und außerdem attraktiv. Seit sie jedoch die amerikanische Fernsehserie "Baywatch" verfolgt, mäkelt Anja ständig an ihren eigenen Körperformen herum. "Schau doch bloß, wie toll die Frauen dort alle aussehen", seufzt sie, "rank und schlank, kein Gramm Fett zuviel, glatte, gebräunte Haut, straffer Busen. Wenn ich mich dagegen so anschaue!"Mein Einwand, daß sie mir so gefällt, wie sie ist, vermag sie wenig zu trösten. "Vergliche ich mich mit dem Hasselhoff", füge ich hinzu, "sähe ich natürlich auch steinalt aus. Wenn ich nur an meinen Bauch, meine dünnen Haare oder meinen grauen Bart denke.""Ach was, bei euch Männern ist das nicht weiter schlimm, wenn ihr keine Idealmaße habt", entgegnet Anja gereizt. "Und überhaupt, graues Haar macht euch machmal erst interessant. Nur wir Frauen, wir sollen ewig jung bleiben und immer top aussehen, möglichst so, wie ihr uns früher einmal kennengelernt habt."In einem Punkt hat Anja sicherlich recht: Die Schönheitsideale der Geschlechter sind verschieden. Um herauszufinden, was Frauen an Männern besonders gefällt und umgekehrt, haben die Psychologen zahlreiche Experimente durchgeführt. Diese liefen im Grunde nach dem gleichen Schema ab: Hunderte von weiblichen und männlichen Versuchspersonen wurden gebeten, Ganzkörperfotografien des jeweils anderen Geschlechts durch eine elektronische Brille zu betrachten, die jede Bewegung ihrer Augen genauestens festhielt.Dabei zeigte sich, daß Männer zuerst auf die Brüste einer Frau, dann auf Gesäß und Beine und erst zuletzt auf das Gesicht blicken. Im Gegensatz dazu legen Frauen größten Wert auf das Gesicht und die Augen des Mannes. Experiment Wunderbrille Die Wunderbrille korrigierte außerdem ein verbreitetes Vorurteil. Vor Beginn der Versuche sagten viele Frauen den Psychologen, wohin sie zuerst blicken würden: "Auf den Po und die Hüften des Mannes." Aber während der Experimente warfen insgesamt nur knapp zehn Prozent von ihnen einen Blick auf diese Körperstellen.Selbst dann, als die fotografierten Herren nur eine Badehose trugen, blieb das weibliche Interesse für den männlichen Unterleib gering.Biologen haben für diese Unterschiede eine einfache Erklärung: Während der Mann in der Frau vorrangig die junge und gesunde Mutter suche, schätze die Frau den Mann als zuverlässigen Versorger der gemeinsamen Kinder. Zweifellos wünschen sich viele, vor allem ältere Herren, eine junge und attraktive Frau. Und oftmals wird ihr Flehen erhört, weil auf der anderen Seite auch nicht wenige junge Frauen einen reifen und erfahrenen Mann bevorzugen.Heute ist zwar kaum noch umstritten, daß für die Partnerwahl der Menschen auch biologische Motive maßgebend sind. Dennoch ist wohl das, was Biologen für naturgegeben halten, mehr den streng patriarchalisch gegliederten Herrschaftsverhältnissen geschuldet. Danach konnte nur der Mann jenen Status und Besitz erwerben, der für eine Familiengründung unerläßlich erschien.Wesentlich beeinflußt von den Emanzipationsbestrebungen der Frauen in Ost und West haben sich hier im letzten Jahrzehnt nachweisbare soziale Veränderungen vollzogen. Viele Frauen verfügen heute selber über Status und Besitz und sind nicht mehr auf die finanzielle Absicherung durch den Mann angewiesen. Das belegt auch eine 1994er Umfrage der Zeitschrift "Cosmopolitan": Danach entschieden sich nur 15 Prozent der Frauen für einen Karrieretyp, der möglichst viel Geld nach Hause bringt. 43 Prozent wollten lieber einen körperlich und sexuell attraktiven Mann, der darüber hinaus humorvoll, aufmerksam und intelligent sein sollte. Solche Frauen haben auch keine Probleme, einen jüngeren Mann zu heiraten.Will sagen: Dort, wo Partnerwahl frei und vor allem frei von finanziellen Zwängen stattfindet, legen beide Geschlechter großen Wert auf einen Partner, der ihnen äußerlich gefällt.Zwar stimmt es, daß über Erfolg oder Mißerfog einer Beziehung am Ende die vielgerühmten inneren Werte entscheiden. Doch um diese erkunden zu können, muß ich den anderen Menschen erst einmal kennenlernen. Und dabei werde ich, ob es mir paßt oder nicht, anfänglich von Äußerlichkeiten inspiriert.Männer zum Beispiel bewerten Gesicht und Körper einer Frau um so attraktiver, je symmetrischer beide sind. In einem Experiment zeigte der Münchner Verhaltensforscher Karl Grammer seinen männlichen Versuchspersonen 16 Einzelfotos von Frauen, die er zuvor den Titelseiten eines bekannten Männermagazins entnommen hatte. Daneben legte er ein Bild, das durch Überlagerung aller 16 Fotos zustande gekommen war. Nachweislich fanden die meisten Männer das ausgewogene Durchschnittsgesicht attraktiver als die Einzelbilder. Sichtbare Spuren Vergleichbare Experimente mit Frauen erbrachten weniger eindeutige Resultate. Frauen bevorzugen beim Mann mehr das individuelle, gleichsam vom Leben gezeichnete Gesicht. Ein breites Kinn oder eine große Nase stören sie ebensowenig wie eine Glatze oder viele Falten. Letztere gelten sogar als Hinweis dafür, daß der betreffende Mann maskulin, intelligent und erfahren ist.Im Grunde ist jeder Mensch irgendwie attraktiv und damit liebenswert. Daß die meisten Menschen dennoch nur sehr eingeengte Schönheitsvorstellungen besitzen, liegt heute insbesondere an dem Einfluß von Werbung und Medien. In früheren Zeiten orientierten sich die Menschen hingegen mehr an Kunstwerken, Skulpturen, Gemälden, und prägten so das Schönheitsideal der jeweiligen Zeit.Dem Fernsehen mit seinem Massencharakter unterliegen aber wohl zahlenmäßig weitaus mehr Menschen, als die Künste in vergangener Zeit erreichen konnten. So wurden in einem psychologischen Experiment Studenten gebeten, das Bild einer Frau danach zu beurteilen, ob diese Frau als Freundin für einen Kommilitonen in Frage käme. Hatten die Versuchspersonen kurz zuvor eine Fernsehserie mit vielen attraktiven Schauspielerinnen gesehen, beurteilten sie die Frau als wesentlich weniger attraktiv als Versuchspersonen, die diese Sendung zuvor nicht gesehen hatten. Hochgelegter Maßstab Psychologen bezeichnen diese Art des Attraktivitätsverlustes als "Farrah-Effekt", benannt nach der US-Schauspielerin Farrah Fawcett-Majors, die in den 70er Jahren ein amerikanisches Schönheitsideal war. Je attraktiver die Menschen sind, die wir auf dem Bildschirm sehen, desto größere Ansprüche stellen wir an die Attraktivität unseres Partners.Am leichtesten fallen männliche Singles dem Farrah-Effekt zum Opfer. In dem Maße, wie sie pausenlos von den optischen Reizen hochattraktiver Fernseh- und Zeitschriftenfrauen überflutet werden, entwickeln sie unrealistisch hohe Standards für Schönheit und Attraktivität einer möglichen Partnerin. Mit dem deprimierenden Resultat, daß sie weiterhin alleine bleiben.Aber auch bei Frauen erzeugt die schöne Welt des Fernsehens Minderwertigkeitsgefühle, die sie bisweilen sogar in die Hände von Schönheitschirurgen treiben. Da hört zum Glück auch für Anja der Spaß auf. "So weit kommt es noch", sagt sie, "daß ich an mir rumschnippeln lasse." Und blinzelnd fügt sie hinzu: "Du hast ja recht, wer mich will, nimmt mich so, wie ich bin." +++