Er hatte in der Nacht gegen Tränen kämpfen müssen und kaum schlafen können. Und als er am Tag darauf, am 18. Januar 1871, in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen wurde, sagte Wilhelm I. traurig: "Heute tragen wir das alte Preußen zu Grabe." Er wäre lieber König von Preußen geblieben. Aber dafür war es nun zu spät. Die Preußen und sogar die süddeutschen Stämme waren 1870 begeistert für Bismarcks Reich in den Krieg gegen die Franzosen gezogen. Es waren die Ur-Ur- und Urgroßväter der jetzigen "Golfgeneration", deren prominentester Repräsentant Florian Illies den Namen Preußen "nun mit Mut ans Licht holen" will. Der Urheber der Idee, Potsdams Sozialminister Alwin Ziel (SPD), der ein fusioniertes Bundesland Berlin-Brandenburg "Preußen" nennen will, und seine Hand voll Fürsprecher haben nun sicherlich nicht das "alte Preußen" Wilhelm I. im Sinn. Preußen hat in veränderter Gestalt noch ein Schattendasein im Deutschen Reich und in der Weimarer Republik geführt. Es war auch nicht nur ein staatsrechtliches Gebilde in verschiedener Gestalt und mit wechselndem Territorium, sondern immer auch eine Idee. Es war nicht ein einheitlicher Stammesstaat, sondern ein multiethnisches dynastisches Kunstgebilde, das durch eine "Ideologie" zusammengehalten werden musste. Aber die ist nun auch schon seit langem eine fromme Legende, und was sie der Fun-Gesellschaft heute zu bieten hätte, können selbst die jungen Spaßvögel nicht von den Dächern pfeifen. Die Frage, welches Preußen es denn sein darf, stellt sich aber gar nicht erst. Preußen ist tot, mausetot - das friderizianische wie das wilhelminische und auch das virtuelle des Dienens, der Demut, des kategorischen Imperativs, der Pflichterfüllung und verwandter Tugenden, Sekundärtugenden wie Disziplin, Fleiß, Ordnungsliebe und Sparsamkeit. Außer in Sonntagsreden über den Werteverfall kommt das alles kaum noch vor. Die Ur-Ur- und Urenkel der Sieger von Sedan haben keinen Begriff mehr von Preußen und dem, was man je nach Alter und Liberalität seine Tugenden oder Untugenden nennt. Preußen liegt tief im Urgrund der Geschichte. Offensichtlich auch für die Nachbarn in Polen und Frankreich, die sich früher schon bei der Nennung des Namens Preußen bedroht gefühlt hätten. Diesmal haben sie kaum noch reagiert. Warum sollten sie auch? Was die Preußen-Lobby vorschlägt, ist eine Art historisches Legoland zur Ankurbelung des Tourismus. So oder so ähnlich hatte es Ziel wohl gedacht. Potsdam hat mit Schloss Sanssouci immerhin noch eine Erinnerung an den Alten Fritz und ein europäisches Kulturdenkmal. Aber sonst? In Berlin gibt es nicht einmal mehr ein Schloss. Es fängt schon damit an, dass man den Geburtsort Preußens in Berlin-Brandenburg nicht besichtigen könnte. Er liegt in Königsberg, das einst den Prussen gehörte und nun von den Russen verwaltet wird. Nur dort, weil ihm das Herzogtum der Prussen oder Preußen durch Erbschaft zugefallen war und es im Deutschen Reich neben dem deutschen König, der auch der Kaiser war, keinen anderen König geben durfte, konnte sich Kurfürst Friedrich III. selbst - gegen den Willen des Papstes - die Königskrone aufs Haupt setzen. Brandenburg-Preußen war nun deutsche und sogar europäische Großmacht. Seine Herrschaft reichte vom westlichen Westfalen (Kleve und Jülich) bis nach Ostpreußen. Es war aber ein sehr wackeliges Königreich. Und so sah sich sein Enkel Friedrich, später der Große, angeblich genötigt, gemeinsam mit den Russen Polen zu teilen und gegen die Kaiserin Maria Theresia Krieg um Schlesien zu führen. Hätte er nicht mehr Kriegsglück als Verstand gehabt, und der war schon beträchtlich, hätte er beinahe alles verloren. Sicherer hat das Preußen nicht gemacht. Es blieb innerlich und äußerlich bedroht und musste als Mittelmacht bis ans Ende seiner Tage zwischen Frankreich und Russland lavieren. Ein Bundesland Berlin-Brandenburg hätte mit Preußen, auch wenn es diesen Namen trüge, wenig zu tun. Brandenburg, eines der alten Kurfürstentümer des Deutschen Reichs, hatte, in Provinzen aufgestückelt, seine Identität unter Preußen verloren, und Preußen ist schließlich im Deutschen Reich auf- und untergegangen. "In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs", heißt es in Kleists "Prinz von Homburg" nach dem Sieg über die Schweden 1675 bei Fehrbellin. Von Preußen war keine Rede. Und Brandenburgs Hymne "Steige auf du roter Adler" hätte in einem Bundesland Preußen keinen Sinn mehr. Es kommt darin überhaupt nicht vor. Nur der "märkische Sand", eine Erinnerung an Brandenburgs Ruf als "Streusandbüchse" des Heiligen Römischen Reiches und an seine notorische Armut. Arm ist Brandenburg auch heute noch, und Berlin ist es inzwischen wieder. Auch Preußen war während des größten Teils seiner Geschichte bitterarm. Von "dem spartanischen, schmalen, blanken Preußen, dem Lande von König, Ritter und Untertan", schreibt Golo Mann in seiner "Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts". Preußen lebte immer über seine Verhältnisse. Politisch als europäische Großmacht im ewigen Kampf mit Frankreich, Russland und dem Habsburger Reich; geistig als Vernunftstaat, der im Innern die lobenswerten Ansätze der Aufklärung, der Reformen und der Rechtsstaatlichkeit nicht durchhalten konnte, und materiell, weil es im Wesentlichen ein Agrarstaat blieb. Leicht war das Leben im alten Preußen nicht. Es wirkte immer angestrengt, durch den Zwang zur Disziplin, durch die allgegenwärtige Verwaltung und die übermächtige Militärkaste. Zu etwas Wohlstand kam Preußen erst mit dem Beginn der Industrialisierung kurz vor der Reichsgründung. Den neuen Reichtum verdankte es aber nicht seinen Kernlanden, sondern dem ihm nach dem Wiener Kongress zugefallenen Rhein- und Ruhrland, in dem nun die Schlote der Kohlengruben, Eisen- und Stahlschmieden rauchten. Sie lieferten auch den Stoff für den Aufstieg Berlins zur größten Industriestadt Europas vor dem 1. Weltkrieg. Die Rheinländer mochten die neuen Herren aus Preußen nicht. Von Heinrich Heine bis zu den katholischen Bischöfen, gegen die sich Berlin in den "Kulturkampf" einließ, regte sich Widerstand gegen die preußische Illiberalität. Der antipreußische Affekt sei heute nur noch ein Karnevalsjux, heißt es jetzt in einigen Feuilletons. Er ist aber immer noch stärker als der vieler Bayern, die mit Preußen nie direkt zu tun hatten. Und er hat bis heute starke Nachwirkungen. Die Bundesrepublik (West) hat sich immer als antipreußische Neugründung empfunden, die bewusst mit vielen Traditionen Preußens gebrochen hat, zuvörderst mit der antiwestlichen "Wacht am Rhein". Ihr mächtigster Gründervater Konrad Adenauer mochte Preußen und Berlin nicht. Für ihn begann hinter der Elbe Sibirien. Niemand würde das heute so sagen. Aber die Sympathie für Berlin und Brandenburg würde sofort aufhören, wenn es darum ginge, ein Stück der nach dem Kriege erworbenen politischen und wirtschaftlichen Macht aus den Rhein-Ruhr-Zentren wie Düsseldorf und Köln nach Berlin-Brandenburg zurückzuverlagern. Der Hauptstadtkampf zwischen Bonn und Berlin ist vielleicht an der Spree vergessen, nicht aber am Rhein. Und was für Düsseldorf und Köln gilt, ist ebenso wahr für die übrigen westdeutschen Metropolen, für Frankfurt, Stuttgart oder München.Ebenso wie die Ostdeutschen lassen sich auch die Westdeutschen ihre Geschichte der fünfundvierzig Jahre bis zur Wende nicht nehmen. Sie überspringen zu wollen, indem man das Geschichtsbuch hundert oder zweihundert Jahre zurückblättert und ein neues künstliches Gebilde Preußen schafft, wäre ein Akt unglaublicher Naivität. Er würde weder Berlin noch Brandenburg helfen. Auch wenn man der Meinung ist, dass der Alte Fritz kein Vorläufer Hitlers war und der preußische Militarismus nicht allein für den Untergang des Reiches verantwortlich gemacht werden kann, ist mit Preußen kein Staat mehr zu machen. Es gab nicht nur das "böse", es gab auch das "gute" Preußen, aber am Ende der Geschichte ändert das nichts. Den Streit beschließt man am besten, indem man Preußen da lässt, wo es hingehört - in der Geschichte. Theodor Fontane, der wieder in Mode gekommene Nostalgie-Zeuge, ist nicht durch Preußen gewandert, sondern durch die Mark Brandenburg. Seine Schilderungen rühren das Herz, mit dem er denken konnte. Das Gleiche gilt für seine Romane, in denen er als ironischer Beobachter die ehrpusselig-verkrustete preußisch-deutsche Gesellschaft seiner Zeit, des späten 19. Jahrhunderts, und ihren Zerfall schildert. Am ergreifendsten sind seine Frauengestalten, die einen furchtbaren Preis zahlen mussten, wenn sie sich gegen die traditionellen Rollenbilder aufbäumten. Preußen ist an sich selbst zu Grunde gegangen, auch an seiner Landgier, die Großpreußen schließlich in das Reich und ins Verderben trieb. Das "alte Preußen", dem Wilhelm I. nachweinte, war schon dem Tode geweiht, als er die Kaiserkrone annahm. Fontane hat es wie kein anderer geahnt. Im "Stechlin" lässt er es in einer kleinen Szene von zarter Symbolik anklingen. Dubslav, der alte Stechlin, sitzt an einem schönen Oktobertag Pfeife paffend vor seinem Schloss und sieht auf ein Rondell mit der Fahnenstange, an der die preußische Flagge weht, "schwarz-weiß, alles schon ziemlich verschlissen". Vor wenigen Tagen erst hatte sein alter Diener Engelke einen roten Streifen an die Fahne nähen wollen, Dubslav aber hatte abgewehrt: "Laß, ich bin nicht dafür. Das alte Schwarz und Weiß hält gerade noch; aber wenn du was Rotes drannähst, dann reißt es gewiß." Rot war die Farbe, die Bismarck der alten Preußenfahne vor der Reichsgründung hinzugefügt hatte, weil er Schwarz-Rot-Gold als "Farben des Aufruhrs" für das Reich ablehnte. Sie waren von der revolutionären Bewegung der Studenten und des Vormärz verwendet worden. "Alles in der Welt ist Torheit, nur nicht die Heiterkeit", hatte der distanziert-scharfsinnige Friedrich der Große einmal gesagt. In die Abteilung Torheit könnte der Versuch der FAZ fallen, das Preußen-Revival zum Gegenstand einer nationalen Debatte zu machen. Er ist schon nach drei Tagen zusammengebrochen. Für Heiterkeit könnte man sorgen, wenn man nun den Preußenfarben noch das PDS-Rot anheftet. Doch das ist, um mit Fontane zu reden, "ein weites Feld".Was die Preußen-Lobby vorschlägt, ist eine Art historisches Legoland zur Ankurbelung des Tourismus.BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF, CHRISTIAN SCHULZ Preußische Silhouetten - Bismarck und Goldelse am Großen Stern.