Warum RTL eine nagelneue Serie diskret im Sommerloch versenkt: Snobs im Plattenbau

Geld allein macht zwar nicht glücklich, weiß der Volksmund. Aber es beruhigt ungemein. Die Hotelierfamilie Rafael, Mittelpunkt der RTL-Serie "Arme Millionäre", hatte offenbar ein wenig zu viel Geld. Oder etwas zu starke Nerven. Oder beides. Jedenfalls zog es Vater Paul (Sky du Mond) monatelang vor, alle Warnungen seiner Finanzberater konsequent zu überhören. Bis eines Tages die schlimmsten Befürchtungen seiner Buchhalter grausame Wirklichkeit werden: Die Hotelkette, die den Rafaels über drei Generationen ein sorgloses Leben im Luxus beschert hat, ist durch eine feindliche Übernahme von einem machtgierigen Konkurrenten geschluckt worden.Über Nacht stehen die Rafaels vor dem Nichts, sind aus den versnobten Multimillionären abgebrannte Obdachlose geworden, die sich sogar noch dafür bedanken müssen, dass sie ihr ehemaliger Chauffeur Fritz (Ludger Pastor) vorübergehend in seiner Sozialwohnung aufnimmt. Als schließlich herauskommt, dass auch diese öde Bleibe von einer Räumungsklage bedroht ist, hilft kein Jammern und Wehklagen mehr. Die Rafaels müssen sich zu etwas durchringen, was sie noch nie in ihrem Leben getan haben: Arbeiten!In die Produktion der vierteiligen Miniserie hat RTL im letzten Jahr viel Geld und noch mehr Hoffnung gesteckt. So ist das Prestigeprojekt mit Andrea Sawatzki, Sky du Mont, Marvie Hörbiger und Ludger Pistor hochkarätig besetzt. Und auch im Look der Serie - angefangen von der Auswahl der luxuriösen Spielorte bis hin zur technischen Auflösung - wurden weder Kosten noch Mühen gescheut. Das neue Genre "Dramody", also eine Mischung aus Komödie und TV-Drama, galt in der letzten Saison in vielen TV-Redaktionen als Geheimwaffe gegen den Quotenschwund. Dass RTL, nach diversen Serienflops (wie "Die Spielerfrauen" oder "Schulmädchen") ohnehin gerade nicht besonders gut aufgestellt, die teure Serie lieblos in zwei Doppelfolgen programmiert und ausgerechnet im August, dem quotenschwächsten Fernsehmonat des Jahres, wegsendet, verwundert zunächst.Wer sich freilich die Serie ansieht, bekommt schnell eine Ahnung, warum der Familiensender RTL das perfekt inszenierte Stück möglichst diskret im Sommerprogramm entsorgt: Bei aller Spielfreude, die vor allem Andrea Sawatzki und Marvie Hörbiger an den Tag legen - angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen bleibt einem bei "Arme Millionäre" doch das Lachen im Halse stecken. Unübersehbar ist die Zeit über das Thema der Serie hinweggefegt. Hartz IV und die Agenda 2010 haben aus dem schrillen Plot eine hochnotpeinliche Geschichte gemacht. Denn jene triste Welt, in die die Rafaels nach ihrem sozialen Absturz fallen, ist für das Gros der RTL-Zuschauer ihre ureigenste soziale Wirklichkeit. Und dass sich die versnobte Serienhelden zwischen Plattenbau und Pfennigfuchserei nur mühsam an ihren neuen Alltag gewöhnen können, gehört zur Angstfantasie jener verunsicherten oberen Schichten, die längst nicht mehr an eine finanziell abgesicherte Zukunft glauben mögen.Wenn sich also Frau Rafael aus Geldnot mit Pornoproduzenten einlässt und ihre Tochter ausgerechnet in dem Sushi-Lieferservice als Aushilfe anfängt, bei dem sie in besseren Tagen für ihre Freundinnen einen Snack bestellte, dann stellt sich nur noch die Frage, wer über die skurrilen Nöte der armen Millionäre eigentlich lachen soll.Arme Millionäre, 20.15 Uhr, RTL------------------------------Jene triste Welt, in die die Rafaels nach ihrem sozialen Absturz fallen, ist für das Gros der RTL-Zuschauer ihre ureigenste soziale Wirklichkeit.------------------------------Foto: Hotelbesitzer Paul Rafael (Sky du Mont) begreift, dass es vorbei ist mit dem Luxusleben.