Ein frühes Familienfoto zeigt Hilde Benjamin als kleines Mädchen, mit der Mutter und ihren zwei kleineren Geschwistern auf einer Wiese lagernd; ein rundes volles Gesicht mit glücklich gelösten Zügen, das mittelgescheitelte Haar in dicke Zöpfe geflochten. Die Familie wohnte in Bernburg an der Saale, wo der Vater Walter Lange in den Solvay-Werken eine angesehene Position als kaufmännischer Angestellter einnahm. In dieser Stadt war Hilde am 5. Februar 1902 geboren worden. Die Familie zog wenige Jahre darauf nach Berlin. Die zierliche Hilde machte 1921 das Abitur am Kaiserin Auguste Viktoria-Lyzeum in Steglitz. Eine Tochter aus gutem Hause schien auf ihrem vorbestimmten Weg.Ein knappes halbes Jahrhundert später kommt sie an ihren Geburtsort zurück, und es gibt neue Bilder: Als Vorsitzende des 1. Strafsenats des Obersten Gerichts der DDR betritt Hilde Benjamin geb. Lange im Dezember 1950 die Bühne des Theaters Bernburg. Vor herbeizitierten Werktätigen im Saal rechnet sie gnadenlos mit zehn Leitern der Solvay-Werke ab, die einst Wirkungsplatz ihres Vaters waren. Die Männer sind der Sabotage und Schieberei bezichtigt, als Enteignungsgegner sollen sie mit dem Klassenfeind im Westen gekungelt haben. Hilde Benjamin verhört die Angeklagten gewandt, aggressiv und darauf bedacht, sie herabzuwürdigen. Ihr Gesicht ist hart, alle Sanftheit ist daraus gewichen. Sie trägt noch immer Mittelscheitel, die dünner gewordenen Zöpfe sind darüber altmodisch streng zum Kranz gesteckt - das Erkennungszeichen der Furcht einflößenden Machtfrau. Die Richterin hat sich nach dem Vorbild von Stalins Chefankläger in den Schauprozessen der 30er-Jahre, des von ihr bewunderten Andrej Wyschinski gekleidet (einer der "klügsten, leidenschaftlichsten, erfahrensten Kämpfer für den Frieden"): schwarzes Kostüm, blütenweiße Bluse, schwarzer Schlips.Es war bereits ihr dritter großer Prozess gegen "Feinde des Sozialismus" und "des Weltfriedens", in dem sie erbarmungslos hohe und höchste Zuchthausstrafen durchsetzte. Die sowjetischen Besatzer und die SED-Führung hatten die Urteile vorgegeben. Vorangegangen waren Tribunale gegen Chefpersonal der Deutschen Conti-Gas- Gesellschaft, auf gleiche Weise inszeniert im Dessauer Theater, und gegen Mitglieder der Religionsgemeinschaft "Zeugen Jehovas". Bald sollte ein drakonisches Strafgericht gegen freiheitlich denkende Studenten vom "Widerstandskreis der Jugend der Sowjetzone" folgen. Von 1949 bis 1953 verhängte Hilde Benjamin in 13 großen politischen Prozessen 15-mal lebenslänglich und weitere rund 550 Jahre Zuchthaus, gegen Mitglieder der aus West-Berlin dirigierten "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" zweimal die Todesstrafe.Wie kam das Mädchen aus dem freidenkerisch liberalen Elternhaus zu der Härte und dem Fanatismus der "roten Hilde", von westlichen Medien drastischer noch die "Bluthilde" oder "rote Guillotine" genannt? Fasziniert von ihrer Lebensgeschichte, ihrer Klugheit und Energie, und zugleich abgestoßen von ihrem bösen, "ungeheuerlichen Dogmatismus" haben ihre Biografinnen Marianne Brentzel und Andrea Feth in den 90er-Jahren nach Antworten gesucht. Hilde Lange drängte in revolutionärer Novemberzeit wie so viele ihrer Generation heraus aus bürgerlichen Bindungen, kam von den unpolitischen Wandervögeln zu den Sozialisten, wagte sich aus Gerechtigkeitsstreben in die Männerdomäne des Jurastudiums, begründete hernach eine Anwaltspraxis für die Belange der Arbeiter - als die "rote Hilde vom Wedding", was damals noch Anerkennung bedeutete.Hilde Lange verliebte sich in den sozial engagierten jüdischen Arzt und Kommunisten Georg Benjamin, den Bruder des Philosophen und Essayisten Walter Benjamin. Sie heiratete Georg, trat unter seinem Einfluss 1927 der KPD bei. Sohn Michael kam. Aber das Familienglück währte nur kurz. Die Nazis erteilten Hilde Benjamin Berufsverbot, Georg Benjamin durchlitt verschiedene Lager und wurde 1942 im KZ Mauthausen umgebracht. Die Biografen mutmaßen, dass sich Hilde Benjamin nach diesem Schlag "total verhärtet" haben muss. Mit Hilfe ihrer Eltern rettete sie sich und ihren Sohn über die nationalsozialistischen Jahre, um sich hernach als Parteisoldatin in den Dienst der kommunistischen Heilsmission zu stellen. "Jetzt steht die Partei in meinem Leben an erster Stelle", schrieb sie nach 1945 in einem Lebenslauf. "Es gibt keine Bindung, keine Beziehung, die dem vorginge." Es war die tragische und schuldhafte Verstrickung der Hilde Benjamin, dass sie aus dem erfahrenen Naziterror nicht demokratische, sondern diktatorische Konsequenzen zog, und sie steht damit für einen fatalen Grundirrtum des 20. Jahrhunderts. Mit dämonischer Leidenschaft arbeitete sie nach dem Krieg dafür, die unabhängige Rechtsprechung in Ostdeutschland zu zerschlagen. "Strikte Parteilichkeit der Justiz" hieß ihr Prinzip - ob als ausübende Staatsanwältin, als Kaderchefin der Zentralverwaltung für Justiz, die die Schnellausbildung neuer "Volksrichter" betrieb, als Oberste Richterin und ab 1953 als Justizministerin. Sie trat an die Stelle des nach dem 17. Juni verhafteten Ministers Max Fechner, der in einem dubios an die Öffentlichkeit gebrachten Zeitungsinterview streikenden Arbeitern Straffreiheit versprochen hatte und dafür eines versöhnlerischen "Sozialdemokratismus" geziehen wurde, mit besonderem Nachdruck von Hilde Benjamin. Nach dem Prinzip einer "parteilichen Justiz" ließ sie schließlich auch von den Gesetzgebungskommissionen, die sie von 1949 bis 1967 leitete, das Gerichtsverfassungsgesetz, das Jugendgerichtsgesetz und die Strafprozessordnung kommunistisch ausrichten. 1967 erzwang Ulbricht ihren Rücktritt vom Amt des Justizministers. Die Machtbeflissene, die der Politbüro-Riege nie ganz geheuer war, stand gewollten Arrangements mit dem Westen im Wege. Doch sie fiel weich. Als Lehrstuhlleiterin der Potsdamer Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften kam sie schließlich auch noch in die Position, ihr Lebenswerk "wissenschaftlich" zu feiern: Unter ihrer Leitung entstand eine apologetische dreibändige "Geschichte der Rechtspflege in der DDR". Zu ihrem 80. Geburtstag vor zwanzig Jahren fügte die Frauenzeitschrift "Für Dich" aus Aussagen engster Mitarbeiter ein Sammelporträt der Jubilarin. Vor allem die Frauen um sie waren bemüht, neben der strengen, ungebärdigen, oft "vor Empörung zitternden" Hilde, mit der "nicht gut Kirschen essen" sei, auch die zweifellos verdienstvolle Streiterin für ein modernes Familienrecht, für die Gleichberechtigung der Frau hervorzuheben. Die Porträtisten würdigten die gute Mutter und Großmutter, die Musikliebhaberin und Sprachbegabte, die Hegerin des Brieselanger Gartens, der den Benjamins während der Nazizeit eine Zuflucht war.In der Tat: Führen alte Filmaufnahmen sie in diesen Metiers vor, haben ihre Stimme und ihr Blick wieder etwas von der Wärme der frühen Bilder. Ihr ehemaliger persönlicher Referent aber wollte in dem Geburtstagsporträt keine Nicht-Parteisoldatin Hilde dulden: "Es wäre grundverkehrt, nach ihren verschiedenen Gesichtern oder unterschiedlichen Begabungen zu suchen", wandte er ein. Hilde Benjamin habe "in jeder Funktion diszipliniert Parteibeschlüsse erfüllt. Uns jungen Juristen hat Genossin Benjamin gezeigt, wie man das Recht als Waffe gebraucht", sagte der Mann ohne eine Spur von Bedenken. 1988 luden die Kollegen des Obersten Gerichts ihre einstige Vizepräsidentin noch einmal zu sich ein. Sie berichteten ihr, dass man jetzt versuche, auch Strafen ohne Freiheitsentzug anzuwenden und erzieherisch auf junge Straffällige einzuwirken. Einer, der dabei war, erinnert sich, dass die alte Dame, die schon gestützt werden musste, über den Tisch zischelte: Warum so milde, Genossen? Es war ihr letzter öffentlicher Auftritt. Ein Jahr später, im April 1989, ist sie gestorben, sieben Monate vor der todesstarren DDR, von der sie keine reale Wahrnehmung mehr hatte. Diesen Untergang zu erleben hat ihr die Geschichte erspart. Zum Thema: Marianne Brentzel: Die Machtfrau. Hilde Benjamin, 1902 - 1989. Ch. Links Verlag Berlin 1997, 398 S., 24 Euro. Andrea Feth: Hilde Benjamin. Eine Biografie. Berlin Verlag 1997, 278 S., 28 Euro. Die rote Hilde. Dokumentarfilm des Senders Freies Berlin, 1998."Man muss im Leben eine Spur hinterlassen." Hilde Benjamin.ARCHIV BERLINER VERLAG Hilde Benjamin im Jahre 1967, kurz vor dem unfreiwilligen Ende ihrer Amtszeit als Justizministerin der DDR