KAIRO, im März. Es geschah am 11. März in Saudi-Arabien. In der Mädchen-Realschule Nummer 31 im Bezirk Mekka brach eine halbe Stunde nach Schulbeginn ein Feuer aus. Achthundert Mädchen waren an diesem Tag in der Schule, fünfzehn von ihnen starben in den Flammen, fünfzig wurden verletzt. Ein tragisches Unglück? Es war wohl mehr als das. Denn es geht um einen ungeheuren Vorwurf, wenn man der Debatte in der saudi-arabischen Presse folgt. Es heißt, die gefürchtete Religionspolizei soll für den Tod der Mädchen verantwortlich sein. Freiwillige Helfer und Mitglieder der Zivilverteidigung berichteten in den Tagen nach dem Brand, dass die Religionspolizisten die flüchtenden Mädchen am Eingang der Schule wieder zurück ins Feuer geschickt hätten - weil ihre Kleidung nicht den islamischen Vorschriften entsprach: In ihrer Panik hatten die Mädchen ihre Abaya, ihren schwarzen Umhang, vergessen und ihr Haar war zu sehen.Die Religionspolizei-Behörde "Mutawwaa" heißt offiziell "Kommission zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung von Lastern und Verderbtheit". Ihre vom Staat bezahlten Wächter streifen durch Straßen, Restaurants und Einkaufspassagen, um die islamischen Kleidervorschriften und die Trennung der Geschlechter durchzusetzen. Sie können jederzeit Menschen festnehmen, Strafen verhängen und vollziehen sowie Verdächtige einem Gericht überstellen. Mit Gewalt gegen die RetterGlaubt man den Aussagen der Zivilschützer, versuchten Mitglieder der Religionspolizei zu verhindern, dass männliche Helfer die Mädchen aus der brennenden Schule in Sicherheit brachten. "Sie haben uns behindert, die Mädchen zu evakuieren", sagte ein Mitglied des Zivilschutzes. "Wir haben ihnen erklärt, dass die Lage gefährlich ist. Dass dies nicht der Zeitpunkt ist, religiöse Belange zu diskutieren. Doch anstatt uns zu helfen, haben sie sich mit Gewalt gegen uns gewendet", wird ein Zivilschützer in saudi-arabischen Zeitungen zitiert. Die Berichte wurden inzwischen zwar vom Chef der Polizei in Mekka, Oberst Muhammad al-Harthi, bestätigt. Der Direktor der Religionspolizei Scheich Jaber Al-Hakmi aber weist die Beschuldigungen zurück. Die Berichte seien unwahr, erklärte auch Innenminister Prinz Nayef. Die Religionspolizei sei nur am Ort erschienen, um sicherzustellen, dass die Mädchen außerhalb der Schule richtig behandelt werden. Doch die Kritik verstummt nicht. Erstmals in der Geschichte Saudi-Arabiens gerät die Religionspolizei unter Druck. Auch aus dem Ausland: Amnesty International hat eine öffentliche Untersuchung des Schulbrandes gefordert.