POTSDAM. Auf einen alten Toilettenpapier-Halter ist die junge Bauforscherin Claudia Mohn besonders stolz. Schließlich stammt das originale Stück aus einem Haus, das der weltberühmte Architekt Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969) entworfen hat. In einem Schuttcontainer vor einer Babelsberger Villa fand die Wissenschaftlerin den Klopapierhalter - zwischen Stücken von Villeroy-&-Boch-Fliesen und Parkett. "Mit Presslufthammer und Kreissäge" sei das Haus in der Karl-Marx-Straße renoviert worden. Das Entsetzen spricht aus ihren Sätzen und ihrem Gesicht. Mies-Villa ist zu verkaufenDenn die Mies-Villa hatte die Jahre relativ gut überstanden - obwohl sie nach dem Mauerbau im Sperrbezirk an der Sektorengrenze lag, dann als Kinderkrankenhaus und schließlich als Behinderten-Wohnheim genutzt wurde. "70 bis 80 Prozent der originalen Innenausstattung wären bis zum Sommer 2000 rettbar gewesen", sagt Mohn. Inzwischen hat die Berliner Baufirma, die die klassische Villa so radikal zu ihrem Firmensitz umgestalten wollte, das Projekt aber aufgegeben. Jetzt steht das Haus Mosler zum Verkauf. "4,6 Millionen Mark will Gerd Mosler dafür haben", sagt die Maklerin Heidrun Schütt. Gerd Mosler ist der Enkel des Berliner Bankiers, für den Mies van der Rohe das herrschaftliche Haus entwarf.Die 1924 bis 1926 gebaute Villa wird in der Ausstellung über Mies van der Rohe, die seit Mitte Dezember im Alten Museum in Berlin zu sehen ist, nicht erwähnt. Die drei anderen Brandenburger Häuser des Architekten sind es aber. Haus Wolf entstand als einer der ersten auch nach außen hin demonstrativ modernen Bauten in einem heute zu Polen gehörenden Stadtteil von Guben. Errichtet wurde es 1926/27 auf einer Anhöhe über der Neiße für den Textilfabrikanten Erich Wolf. Erstmals entwarf der Architekt ein Gebäude aus verschachtelten, klaren Kuben mit großen Glasfronten. Dieser Stil war wegweisend für die Architektur. Doch von dem Klinkerbau ist nichts geblieben. Die Familie Wolf floh 1945, kurz darauf brannte das Haus aus. Die Ruine musste bis in die sechziger Jahre als Quelle für Baumaterial herhalten. Wo früher das Haus Wolf stand, ist heute ein Park.Villenfundamente ausgegrabenIm Sommer gruben Studenten der Cottbuser Universität Teile des Fundaments aus. Gegenwärtig überlegen Wissenschaftler, wie man der ersten modernen Villa von Mies am besten ein Andenken setzen kann. Eine Idee ist, mit Pflanzen ihren Grundriss zu markieren. Nicht nur Mies van der Rohes erstes modernes Gebäude stand in Brandenburg, hier errichtete er auch sein erstes Haus überhaupt: das "Haus Riehl" in Potsdam-Babelsberg. Es liegt auf einer Anhöhe über dem Griebnitzsee, schräg gegenüber vom "Haus Mosler". Im Gegensatz zu diesem ist es heute liebevoll renoviert und wird bewohnt. Ludwig Mies, der sich erst von 1921 an mit dem Mädchennamen seiner Mutter "Rohe" schmückte und mit dem "van der" selbst adelte, entwarf das Haus 1907 für den Berliner Philosophieprofessor Alois Riehl. Später distanzierte sich der Architekt von seinem Erstlingswerk. Das Haus in der Spitzweggasse ist klassisch-herrschaftlich: Grüne Fensterläden rahmen die weißen Sprossenfenster, die im gelb angestrichenen Haus sitzen. Das spitze Ziegeldach prägt eine große Gaube. Eine Extravaganz ist eine steile Mauer, die den oberen, ebenerdigen Garten vom unteren, steil zum See abfallenden trennt. Lange stand das Haus leer, das zu DDR-Zeiten die Filmhochschule nutzte. Für 1,7 Millionen Mark wurde das Gebäude 1997 feilgeboten. Vor drei Jahren kauften es Franz und Margit Kleber und ließen es aufwändig restaurieren. Im Sommer 1999 zog das aus Bayern stammende Ehepaar - sie Lehrerin, er ärztlicher Direktor - mit seinen zwei Kindern ein. "Die Innenausstattung war noch zu drei Vierteln erhalten", sagt der mit der Renovierung beauftragte Architekt. Er behob nur einige Macken des Hauses: den zu niedrigen Durchgang im Treppenhaus oder die sich nach außen öffnende Eingangstür. In der ließ sich Ludwig Mies auch als junger Mann fotografieren. Das Bild steht am Beginn des Museum-Rundganges durch seine "Berliner Jahre 1907 bis 1938".Atelier wurde geschleiftDie Berliner Jahre verbrachte er allerdings zeitweise ganz am Rande der Großstadt. Denn Ludwig Mies arbeitete von 1908 bis 1912 mit Unterbrechungen im Büro des Architekten Peter Behrens, das sich direkt an der Grenze zu Neubabelsberg befand. Das Atelier in der Rote-Kreuz-Straße, den so genannten Erdmannshof, gibt es nicht mehr. Das Haus verfiel nach dem Zweiten Weltkrieg - später lag es im Sperrgebiet zwischen Zehlendorf und Potsdam. Vor gut einem Jahr wurde die Ruine gegen den Widerstand einer Bürgerinitiative geschleift.Nur wenige hundert Meter vom Erdmannshof entfernt liegt "Haus Urbig", das zwischen 1915 und 1917 entstand - nach van der Rohes Plänen. Doch das vermutet der Laie kaum. Es ist ein sehr traditionell anmutendes Gebäude. Über den Fenstertüren rechts und links des Eingangs ranken sich steinerne Obst- und Gemüse-Girlanden. Im Inneren finden sich klassische Säulen, die nur Zierrat sind.Film-Firmen im Haus Urbig 1945 residierte hier während der Potsdamer Verhandlungen der britische Premier Winston Churchill, zu DDR-Zeiten wurde das Gebäude als Hochschul-Gästehaus genutzt. Die Nachkommen des Bankiers Urbig, für den das Haus gebaut wurde, ließen das Gebäude zwischen 1992 und 1994 sanieren. "Der Bauzustand war schlecht", sagt Architekt Werner Brenne. Nach der aufwändigen Renovierung glänzt das kunstvolle Parkett im Gartensaal wieder. In den Wandspiegeln reflektieren die Landschaftsgemälde, die die anderen Wände zieren. Mit Blick über die Terrasse auf den Griebnitzsee konferieren hier die Mitarbeiter einer Filmproduktionsfirma.Fast wäre Mies van der Rohe sogar Brandenburger geworden. Er kaufte sich 1913 ein Grundstück in Werder. Er fertigte auch Skizzen für sein Haus. Gebaut wurde es nie.Ausstellung noch bis zum 10. März // Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) gilt als Wegbereiter der klassischen Moderne in der Baukunst.Seine bekanntesten Bauten sind: Haus Tugendhat in Brno (1928), Deutscher Pavillon zur Weltausstellung in Barcelona (1929), Neue Nationalgalerie in Berlin (1968).In Neubabelsberg stehen drei von ihm entworfene Villen: Haus Riehl (Spitzweggasse 3), Mosler (Karl-Marx-Str. 28/29) und Urbig (Virchowstr. 23). Sie sind nicht öffentlich zugänglich.Das "Haus Wolf" in Guben/Gubin, die Urvilla des modernen Klassizismus, ist komplett abgerissen.Die Ausstellung "Mies van der Rohe. Die Berliner Jahre" ist im Alten Museum Berlin noch bis zum 10. März zu sehen (Montag geschlossen).BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Blick von der Terrasse der Neubabelsberger Villa Mosler, die nach Plänen von Mies van der Rohe 1924 bis 1926 gebaut wurde. Das Haus ist zu verkaufen.KATALOG ZU AUSSTELLUNG "MIES IN BERLIN"(2) Das Haus Wolf in Guben/Gubin, die Urvilla der klassischen Moderne, wurde im Krieg zerstört.Ludwig Mies van der Rohe als junger Mann.BERLINER ZEITUNG/LUKAS PUSCH Mies Villen in Neubabelsberg sind nur wenige hundert Meter voneinander entfernt.