Was der Architekt des Humboldt-Forums Franco Stella von der Baukunst will, offenbart sein Buch: Kälte als Programm

Wer ist Franco Stella? Das wurde allgemein gefragt, als der italienische Architekt 2008 den Wettbewerb für das Humboldt-Forum gewann. Das wird bis heute gefragt, denn Stella hält sich bedeckt mit Informationen über Leben und Werk. Seine letzte größere Ausstellung fand 1991 statt, die letzte Monografie erschien 2005 in italienischer Sprache. Gestern nun wurde im Kronprinzenpalais die erste deutsche Stella-Monografie vorgestellt, in der ihn sein Verlag mutig als einen der "wichtigsten Architekten Deutschlands" bezeichnet. Nach all den Querelen, ob sein Büro überhaupt groß genug war für diesen Wettbewerb, soll das Buch Stella als Künstler vorstellen, dem man den teuersten Kulturneubau Deutschlands beruhigt in die Hände legen kann.Das gelingt nicht. Vor uns liegen zwei schmale Bücher mit dicken Einbänden und kräftigem Schuber. Der Band "Ausgewählte Schriften und Entwürfe" ist gedruckt in großer Schrift und mit viel Platz um die matten Schwarz-Weiß-Fotos, Fassadenzeichnungen und Grundrisse. Auch durch das schwere Papier wird der Eindruck vermieden, nur ein 94-Seiten-Heft in der Hand zu halten. Der Essay des Kunsthistorikers Peter Stephan über Schlüters Schlossbau und Stellas Wiedergewinnungspläne hingegen wurde auf superdünnem Papier gedruckt, sodass die 184 reich illustrierten Seiten so viel Stellplatz einnehmen wie Stellas Band.Man muss auf solche Details achten bei der Selbstdarstellung dieses so sympathisch zurückhaltenden, fast naiv wirkenden Architekten. Denn Stella, 67, ist bei aller demonstrativen Bescheidenheit ein Mann mit Standing, er kämpft mit allen Mitteln darum, als legitimer Architekt des Humboldt-Forums zu gelten, der die Oberhand in der Partnerschaft mit den viel größeren deutschen Partnerbüros in München und Hamburg behaupten kann. Also umfasst das Schriftenverzeichnis selbst einzelne Zeitungsartikel Stellas. Das Verzeichnis der Schriften über ihn aber enthält fast nur Texte, die ihn wie sein Freund und Förderer Hans Stimmann, als "herausragend" loben. Dass dies nur die Reaktion auf einen Vorwurf war, der den Entwurf in die Nähe zur rationalistischen Moderne des faschistischen Italiens rückte, wird so verdeckt. Was für einen freien Architekten akzeptabel wäre, zeigt kein gutes Bild vom wissenschaftlichen Ethos des seit 1990 amtierenden Professors.Trotz der Platzfülle fehlt auch eine knappe Werkliste. Sie hätte dem Publikum ermöglicht, die ausgewählten Arbeiten einzuordnen. Warum zeigt er einen winzigen Bibliotheksraum, der aussieht wie eine trockene Etüde zum Thema Klassizismus, nicht aber seinen im Wettbewerb 1994 unterlegenen Entwurf für das Kanzleramt? Warum dürfen wir die Ansichten für die - abgelehnte - Erweiterung der Stockholmer Stadtbibliothek sehen, nicht aber den Entwurf für die Naumburger Nietzsche-Gedenkstätte? Könnte es sein, weil die Arbeiten für Berlin und Naumburg mit ihrer Achsen- und Pfeilerseligkeit allzu ungute Erinnerungen an jenen kalten Neuklassizismus wecken könnten, wie er seit 1910 von den zutiefst antidemokratischen Konservativen der Kaiserzeit und der Weimarer Republik bevorzugt wurde? Dass Stella sich mit ihren Traditionen intensiv auseinander gesetzt hat, belegen seine in den 1970er-Jahren entstandenen, gegen allen damaligen Zeitgeist ästhetisch superkargen Schulen im Veneto.In Stellas eigenen kurzen Texten geht es ausschließlich um die Verteidigung der Architektur als autonome Kunst. Das Trauma vieler Architekten seiner Generation, die seit den 1970er-Jahren mit Ökonomen, Soziologen, Verkehrsplanern, gar Bürgerinitiativen oder Ökologen kämpfen müssen, drückt sich in seiner gewagten Herleitung griechischer Säulenarchitektur aus jungsteinzeitlichen Dreisteinkonstruktionen aus.Peter Stephan hingegen zeigt uns Stellas harte Rationalität mit all der bombastischen Vergleichslust der deutschen Kunstgeschichtsschreibung als legitimen Erben von Schlüters barocker "römischer Imperialarchitektur". Stephans Vergleiche aber überzeugen oft auch beim zweiten Blick nicht, seine behaupteten Alternativlosigkeiten sind keine, nein, oft können seine Argumente auch für das Gegenteil eingesetzt werden: Die Kontinuität der Geschichte hätte auch den Weiterbestand des Palasts der Republik begründet. Letztlich dreht es sich bei Stephan nur darum, weitere Rekonstruktionen von Schlossteilen zu legitimieren, bis hin zu den langen Fluchten der Paradekammern. Dafür reduziert er die Architekturformen Stellas auf einen angeblich unpolitischen Ästhetizismus.Doch Architektur ist politische Kunst, auch in Stellas Buch lässt sich ein gesellschaftliches Programm ablesen. Es kreist um die Sehnsucht nach einer hierarisch aufgebauten, stabilen, vor allem aber eurozentrischen Welt. Und so verlieren weder der Architekt noch sein Apologet mehr als kurze Nebensätze über die Funktion des Hauses hinter den Schlossfassaden, also das Humboldt-Forum. Fordert doch die geplante Kombination aus Sammlungen außereuropäischer Kulturen, Bibliotheken, Forschungsinstituten und Veranstaltungszentren kulturelles Chaos, um interessant zu sein. Doch wie will man angesichts japanischer Teehäuser noch von der Allgültigkeit griechischer Säulen schwärmen? Also wird die Globalisierung bei Stella ausgeblendet, sind die Grundrisse des Humboldt-Forums bis heute skandalös disfunktional - sie sollen ja reine Kunst sein, nicht Museen, Bibliotheken und Veranstaltungsaum.Der Doppelband beruhigt also ganz und gar nicht. Er zeigt in aller Deutlichkeit, dass der Architekt des Humboldt-Forums kaum Erfahrungen hat im realen Bauen mit all seinen notwendigen Kompromissen, dass er außerdem bemerkenswert weltfremd ist und sich nur am Rand für den Sinn seiner Kunstwerke interessiert.-----------------------Franco Stella, Ausgewählte Schriften und Entwürfe. DOM Publishers, 48 Euro.------------------------------Foto: Auch ein Schwimmbad kann zur Architekturdoktrin werden: der Pool in der Villa Thiene.Foto: Franco Stella