Liebe Mutter", schreibt ein russischer Soldat aus dem umkämpften Berlin nach Hause; es ist der 28. April 1945, die sowjetische Armee erobert gerade Kreuzberg, Wilmersdorf und Spandau. "Dieser Brief ist in Berlin entstanden. Ja, das ist kein Traum, keine Fantasterei, sondern die allerrealste Wirklichkeit, in Berlin. Ich kann stolz darauf sein, dass die ersten Wegweiser in russischer Sprache in Berlin von mir geschrieben sind. Nicht irgendwo in Arschbackenhausen, sondern in Berlin. " Es schadet nicht, an dieses Staunen eines einfachen Soldaten zu denken, wenn nun wieder die Diskussion um die russischen Graffiti im Reichstag losgeht. Die Unionsabgeordneten Johannes Singhammer und Horst Günther fordern eine weitgehende Entfernung dieser Inschriften, die 1945 an die Wände des eroberten Gebäudes geschrieben wurden. Sie sollen nur noch in "historisch gerechtfertigtem Umfang" dokumentiert werden, das heißt reduziert auf einen zentralen Ort."Mehr als 95 Prozent der Graffiti sind ausschließlich Namen ohne weitere Hinweise", heißt es im Antrag. "Der historische Wert von Namenswiederholungen auf über 100 Meter Innenwand des Reichstagsgebäudes ist gering". Das erklärt natürlich noch nicht, warum man die Inschriften auch entfernen muss; sie scheinen nicht nur überflüssig zu sein, sondern zu stören. Und was an ihnen stört, werden in erster Linie Sätze sein wie "Die Russen waren hier und haben die Deutschen immer geschlagen".Die Diskussion ist nicht neu. Als die Graffiti vor sechs Jahren während der Umbauarbeiten freigelegt wurden, wurde bereits über die Erhaltung debattiert. Die Baukommission des Bundestages beschloss, die Inschriften grundsätzlich zu erhalten; tatsächlich wurden jedoch weit mehr Inschriften freigelegt als geplant, offensichtlich auf Druck des Landeskonservators. Nun, da man das renovierte Gebäude wieder bewohne, stelle sich die Frage nach der Erhaltung neu, sagt Singhammer. Einen Zusammenhang mit der Nationalstolz-Debatte gebe es nicht.Kein Besucher verstehe die Graffiti, weil eine Übersetzung oder Erklärung im Gebäude fehle, ist Singhammers vorsichtig formuliertes Hauptargument. Das aber ist wohl das eigentlich irritierende: Dass niemand im Bundestag so recht weiss, an was für Inschriften er täglich vorbeiläuft. Es kursieren Gerüchte über Obszönitäten, über herabsetzende Graffiti, die in Absprache mit der russischen Botschaft gesäubert wurden. Eine vollständige Dokumentation mit Übersetzungen der Graffiti, auch der nicht mehr sichtbaren, fehlt; aus der Pressestelle des Bundestages erfährt man, dass eine solche Dokumentation vor mehreren Monaten beim Landesdenkmalpfleger bestellt worden sei, aber immer noch nicht vorliege. So ist man auf eine vom Architektenbüro Norman Foster 1996 erstellte unvollständige Dokumentation angewiesen oder auf den eigenen Augenschein.Dabei kann man zweierlei feststellen: Erstens wurden schon einzelne Sprüche ausdrücklich wegen ihres Inhalts gesäubert. Zweitens aber würde eine Reduktion auf einen repräsentativen Ausschnitt, wie sie Singhammer und Günther fordern, einen ebenso unnötigen wie unsinnigen Verlust bedeuten.Fast alle der erhaltenen Graffiti sind an drei Stellen zu finden: Im Umgang auf der Plenarsaalebene einerseits, im menschenleeren Erdgeschoss und einem der vier Ecktreppenhäuser andererseits. Es ist das Treppenhaus im Südwesten, das auf der Fraktionsebene zu den Räumen von PDS und Grünen führt - praktischerweise, muss man sagen, denn deren Abgeordnete werden sich wohl am wenigsten stören an Inschriften wie "Geschieht ihnen recht, Hundesöhne!" Dennoch wurde hier zumindest eine störende Inschrift entfernt. In der Dokumentation des Büro Foster steht hier nämlich verzeichnet: "Einen Scheiß kriegt ihr, Faschisten, nicht Russland! S. Solowkin und Alexejew, Tjurin und Tschernow" mit dem Zusatz des Übersetzers: "Drastischer und zotiger Ausdruck, direkte Übersetzung ins Deutsche nicht möglich". Heute liest man nur noch die vier Namen, seltsamerweise gefolgt von vielen Ausrufezeichen. Das russische "Faschistam ch. ", auf der Fotografie zu erkennen, ist gelöscht, die Steine leuchten hell und rein.So müssen manche derben Sprüche der Säuberung zum Opfer gefallen sein. Nach der Freilegung der Graffiti hat es eine Begehung des Gebäudes mit Vertretern der russischen Botschaft gegeben. In Absprache mit dem Botschafter seien anstößige Sprüche entfernt worden, sagt Peter Jahn, Leiter des Kapitulationsmuseums in Karlshorst, der gelegentlich Führungen zu den Graffiti veranstaltet.Die Sprüche störten das Bild der deutsch-russischen Freundschaft. So wurde jedenfalls damals für die Entfernung argumentiert. Dasselbe Argument wurde und wird aber auch im umgekehrten Sinn verwendet: Nein, die Entfernung von sowjetischen Graffiti belaste das Verhältnis zu Russland, schließlich handele es sich beim Reichstag um ein russisches Nationalsymbol. Auf jedem russischen Soldatenfriedhof könne man den Reichstag sehen, sang ja Wladimir Wysotzki: "Im ewigen Feuer siehst Du einen explodierten Panzer / brennende russische Hütten / das brennende Smolensk und den brennenden Reichstag / und das brennende Herz des Soldaten. " Kurz: man will sich jene historischen Spuren heraussuchen, die man haben will. Natürlich gehören Obszönitäten zum uralten Genre der Wandinschriften, genauso wie Hohn (und glücklicherweise hat sich im Reichstag ein klitzekleines "Ich f. Hitler in den A. " in der südöstlichen Wandelhalle erhalten). Als die deutschen Landsknechte 1527 Rom plünderten, da hinterließen sie das gleiche wie die russischen Soldaten vier Jahrhunderte später in Berlin. "Babilonia", schmierten die Deutschen damals an römische Wände, "Hitlers Nest" die Russen 1945 an deutsche Wände. "Was sol ich schreibenn und nit lachen/Die lansknecht habenn den babst louffenn machen" kritzelte ein Landsknecht auf die Frührenaissance-Fresken des Farnesina-Palastes; und weil der historische Abstand reicht, kann auch der heutige Leser nit anders als lachen.Den, der die Kritzeleien der sowjetischen Soldaten im Reichstag mit Offenheit und Neugier betrachtet, erfreut eines: Wie unideologisch die meisten Inschriften sind. Und da sind wir beim "historischen Wert" der 95 Prozent Namensnennungen, den Singhammer und Günther abstreiten. Es sind nur wenige großtönende Politparolen zu finden (meist in größerer Höhe, weil die Politoffiziere erst kamen, als die Wände unten schon voll gekritzelt waren, erklärt Jahn). Die einfachen Soldaten aber wollten wirklich nur dies sagen: Ich war hier. Es ist dasselbe zutiefst menschliche Bedürfnis, das uns Fotoapparate in den Urlaub mitnehmen und Stückchen aus der Berliner Mauer schlagen lässt."Ein Traum ist in Erfüllung gegangen" hat ein Afanassjew auf eine Treppenhauswand des Reichstags geschrieben. Sein Name und die der anderen, die hier waren - es sind oft jüdische, zum Teil auch deutsche Namen, es sind Inschriften von Baschkiren in arabischer Schrift, aus Grosnyj, aus Taschkent, es sind sogar ganze Familien - diese Namen sollten bleiben.YOUNG, NIGEL/FOSTER & PARTNERS FRONTISPIZ "Was man sät, wird man ernten": Inschrift in der nordöstlichen Wandelhalle, umgeben von Namen. / Was sol ich schreibenn und nit lachen / Die lansknecht habenn den babst louffenn machen.