Vor mehr als dreitausend Jahren schütteten Menschen in der kargen Ebene Zentralanatoliens einen hohen Erdwall auf und verkleideten ihn mit weißen Steinen. Der Wall befand sich am Südrand der Stadt Hattuscha, einst Hauptstadt des antiken Hethiterreiches. Hattuscha ist heute ein geheimnisvoller Ort. Vom Leben seiner Bewohner künden nur noch spärliche Überbleibsel - zum Beispiel ein zweihundertfünfzig Meter langes Reststück des ehemals mächtigen Erdwalls.Auf der Krone des Walls erhebt sich eine Stadtmauer, die von einem Tor durchbrochen wird. "Vielleicht diente der achtzig Meter breite Wall als Prozessionsweg, der von den umliegenden Tempeln in die Stadt führte", sagt Andreas Schachner vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI). Der 41-Jährige leitet das türkisch-deutsche Grabungsprojekt in Hattuscha.Hattuscha war einst eine florierende Metropole mit fünfzehntausend Einwohnern. Von dieser Stadt aus wurde ein Reich verwaltet, das im 14. und 13. Jahrhundert vor Christus neben Ägypten die zweite Großmacht im östlichen Mittelmeerraum darstellte. Seit 1907 erforschen Archäologen des DAI in Hattuscha das Erbe der Hethiter. Aber noch wissen die Altertumswissenschaftler über das Land viel weniger als über das benachbarte Pharaonenreich.Von den Hethitern sind die ältesten Schriftzeugnisse in einer indoeuropäischen Sprache überliefert; dafür nutzten sie aber verschiedene Schriftarten. Diplomatische Texte und Aufzeichnungen für die Palastarchive wurden in der assyrischen Keilschrift verfasst, andere Texte mit Hieroglyphen.Einer dieser Texte ist weltberühmt geworden. Er gilt als der erste schriftliche Vertrag der Menschheit, in dem zwei ebenbürtige Mächte nach jahrelangem Krieg einen gleichberechtigten Frieden miteinander schließen. Der Pakt regelt das Verhältnis zum benachbarten Pharaonenreich nach der Schlacht von Kadesch. Im Jahr 1275 vor Christus war es bei der Stadt im heutigen Syrien zum Kampf zwischen den Heeren beider Reiche gekommen, in dem es weder dem Hethiter-König Hatuschili III. noch dem ägyptischen Pharao Ramses II. gelang, den Sieg zu erringen. Die Herrscher einigten sich nach langwierigen Verhandlungen schließlich im Jahr 1259 vor Christus auf einen Vertrag, der von hethitischen Handwerkern in Silber gegossen und an Ramses übergeben worden sein soll. Ein solches Verfahren war damals durchaus üblich: Die Vorlage wurde in Tontafeln geritzt, die Reinschrift eines wichtigen Dokuments in einem dauerhaften Edelmetall ausgeführt.Die Silberplatte wurde nie gefunden. In Hattuscha aber haben Archäologen im Jahr 1906 eine Tontafel mit dem Text des Vertrages ausgegraben. Diese Tafel liegt nun im Archäologischen Museum von Istanbul. Eine Kopie ist im Gebäude der Vereinten Nationen in New York ausgestellt.Hinter der Stadtmauer von Hattuscha ragen heute nur noch Ruinen aus dem steinigen Boden. Dort stoßen Archäologen immer wieder auf spektakuläre Dinge. In diesem Sommer wurden zum Beispiel Keramikgefäße zwischen den Mauerresten einer Patriziervilla ausgegraben. Offenbar handelt es sich um das komplette, siebzigteilige Festservice eines Adligen."Das Geschirr kann uns wichtige Hinweise auf die Lebenswelt der einstigen Hochkultur geben", sagt Schachner. Die Teller, Schalen und Schüsseln seien außergewöhnlich gut erhalten. Insbesondere gelte dies für eine kunstvoll gefertigte, bauchige Amphore mit einem Zinnenrand (siehe kleines Foto) sowie für eine mannshohe Vase (rechts).Restauratoren der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin haben die Keramik aus etwa 350 Scherben zusammengesetzt. "Im Verbreitungsgebiet der Hethiter wurde bislang nichts Vergleichbares gefunden", berichtet Schachner.Das Gefäß ist am oberen Ende wie ein Stierkopf geformt (großes Foto). Das Tier symbolisiert den hethitischen Wettergott Teschup. Schachner nimmt an, dass die Vase nur bei religiösen Festen zu Ehren des Gottes benutzt wurde, denn für den Alltagsgebrauch ist sie einfach zu schwer. Ohne Inhalt wiegt das Gefäß 35 Kilogramm. Gefüllt bringt es mehr als 100 Kilogramm auf die Waage. Um den Inhalt ausschütten zu können, müssen mehrere Menschen die Vase festgehalten haben. Vielleicht hing die Vase aber auch in einer speziellen Kippvorrichtung aus Seilen oder Holz.Reste einer solchen Konstruktion haben die Archäologen nicht gefunden. Denn im Boden von Hattuscha ist organisches Material in der Regel schnell zerfallen. Immerhin fanden sich noch Reste von verkohltem Getreide und verschmorten Tierknochen. Diese Funde werden derzeit von Botanikern der Universität Kiel und von Veterinärmedizinern der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität untersucht. Sie sollen feststellen, um welche Getreidesorte es sich handelt und wie alt die Körner sind. Außerdem will man herausfinden, von welchem Tier die Knochen stammen.In Berlin geht es unterdessen um zwei Scherben der beiden großen Vasen. Mitarbeiter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wollen herausfinden, was vor dreitausend Jahren in den Gefäßen gelagert wurde. War es Olivenöl, Wein, Getreide oder ein anderes Nahrungsmittel? Klären lässt sich diese Frage mithilfe eines Rasterelektronenmikroskops, das derzeit zur Analyse von Speiseresten an den Innenseiten der Scherben eingesetzt wird.Vor gut 3 200 Jahren gaben die Hethiter wegen politischer Unruhen und Missernten ihre Hauptstadt auf. Das Reich zerfiel und nur einige kleine Fürstentümer im Osten und Süden Anatoliens blieben übrig. Aus der einstigen Metropole nahmen die Bewohner fast alles mit, was ihnen wichtig war. "Deshalb finden wir heute in Hattuscha meistens nur Scherben von Gefäßen und zerbrochene Tontafeln mit Keilschrifttexten", sagt Schachner.Die Texttafeln von Hattuscha berichten zum Beispiel von religiösen Riten, die mehrere Tage dauerten. Über das Wirtschafts- und Alltagsleben in der Stadt ist jedoch nur wenig bekannt, weil die Hethiter darüber kaum Aufzeichnungen hinterlassen haben. Deshalb konzentrieren sich die Hoffnungen der Berliner Archäologen nun auf das Haus, in dem die Gefäße gefunden wurden.Es wurde im späten 15. Jahrhundert vor Christus gebaut und ist größer als die normalen Wohnhäuser der Stadt. Das Gebäude bildet gewissermaßen ein eigenes Zentrum im Stadtviertel. Schachner glaubt, dass der hethitische Hausherr regelmäßig Feste veranstaltet hat. Zur Ausrichtung solcher Feierlichkeiten sei der Patrizier wahrscheinlich verpflichtet gewesen - aus Verantwortung gegenüber Mitgliedern seiner Großfamilie oder Menschen, die von ihm wirtschaftlich abhängig waren.Möglicherweise habe der adlige Hausbesitzer für seine Gruppe rituelle Pflichten übernehmen müssen. "So ist es auch von den Königen der Hethiter überliefert, die diese Verantwortung für das ganze Volk tragen mussten", sagt Schachner. Denn Hattuscha war ebenso die politische Hauptstadt wie auch religiöses Zentrum des Reiches; der König war gleichzeitig Staatsoberhaupt und oberster Priester. Und Religion hatte für die Hethiter eine große Bedeutung - sie selbst nannten ihr Reich das Land der tausend Götter.Das Haus des Adligen stand in der Oberstadt, in der auch der König residierte. Das Gebäude wurde am Übergang zwischen zwei Stadtvierteln errichtet, von denen eines als das zentrale Tempelviertel gilt. Das könnte ebenfalls ein Hinweis auf die religiöse Funktion des Adligen sein.In der Umgebung der Patriziervilla graben die deutschen und türkischen Archäologen seit acht Jahren. "Wir versprechen uns noch viele aufschlussreiche Entdeckungen", sagt Schachner. "Und mit jedem Fundstück lüften wir ein weiteres Geheimnis der Hethiter."------------------------------Karte:Vor mehr als dreitausend Jahren war das Reich der Hethiter eine Großmacht am östlichen Mittelmeer.------------------------------Foto (2) :Die Vase mit dem Zinnenrand stammt aus der hethitischen Metropole Hattuscha.Die Scherben dieser Vase mit Stierkopf wurden von deutschen Archäologen in den Überresten einer Villa in Hattuscha gefunden. Das rekonstruierte Gefäß ist mannshoch. Vermutlich benutzten es die Hethiter bei religiösen Riten, denn der Stierkopf ist Symbol des Wettergottes Teschup.