Ganz am Ende der Sendung wollte Frank Plasberg wissen, bei welchem Gesprächspartner sich die Teilnehmer seiner Diskussionsrunde denn gerne einmal bedanken würden. "Bei niemandem", antwortete der Pädagoge Hans Scholten entnervt. Gerne hätte er mehr über seine Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen gesprochen, doch dazu habe er ja leider kaum Gelegenheit gehabt. Schon vorher hatte er angemerkt, dass er die gegenwärtige Debattenkultur - nicht die Debatte an sich - schlichtweg "zum Kotzen" finde. Und ja, man konnte Scholten gut verstehen."Jung, brutal und nicht von hier - was ist dran am Streit um Ausländergewalt?", lautete der seltsam krawallige Titel der jüngsten Ausgabe von "Hart aber fair". Hessens Ministerpräsident Roland Koch, der sich angesichts des Wahlkampfs in Hessen zuletzt mit Verve auf dieses Thema gestürzt hatte, konnte sich da gleich in seinem Element fühlen. Gefallen haben dürfte ihm auch ein Einspielfilm, in dem zwei Schauspielschüler mit Migrationshintergrund eine U-Bahn aufmischten. Hernach wurden die genervten Mitreisenden gefragt, warum sie denn nicht eingegriffen hätten. Vielleicht aus Angst? Mit deutschen Schauspielschülern wurde das Experiment nicht durchgeführt. So machen übel beleumdete Privatsender auch gerne Fernsehen.Die erste Hälfte der Sendung ging klar an Koch, die kritischen Fragen an ihn folgten erst später. Da hatte man allerdings längst den Eindruck gewonnen, der Berliner Grünen-Politiker Özcan Mutlu und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries wollten verbissen ein paar unbequeme Wahrheiten verschweigen, etwa über die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, und Koch sei tatsächlich die Stimme der schweigenden Mehrheit, als die er sich mit Vorliebe geriert.Glänzend ins Bild passte auch die Tatsache, dass der Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch auf Geheiß seines Vorgesetzten der Einladung Frank Plasbergs nicht hatte folgen dürfen. Reuschs Abteilung kümmert sich um jugendliche Intensivtäter. Nach einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel waren ihm weitere Stellungnahmen zu diesem Thema untersagt worden. Eine Spirale des Schweigens? Nein, Beamtenrecht, erklärte Brigitte Zypries lapidar. Zu lapidar?Anders ausgedrückt: Darf man von den ARD-Zuschauern erwarten, dass sie genau wissen, was Reusch im besagten Interview gesagt hat, welche Meinung er vertritt, warum sein Vorgesetzter ihn nicht mehr zu Wort kommen lassen will? In einem Einspielfilm der "Hart aber fair"-Redaktion standen Passanten recht ratlos vor der Kamera, als sie nach dem Strafmaß gefragt wurden, das im deutschen Recht für jugendliche Gewalttäter vorgesehen ist. Offenbar gibt es gerade beim sensiblen Thema Jugend- und Ausländerkriminalität trotz des enormen Medienechos gewaltige Informationsdefizite. Sachlichkeit statt Emotionalität täte der Debatte also ausgesprochen gut.Bei "Hart aber fair" wurden durchaus harte Zahlen genannt - und je nach Gesinnung ignoriert, uminterpretiert oder begeistert in ein fixes Gedankensystem einsortiert. Polemische Einspielfilme und süffisante Bemerkungen Plasbergs trugen da nicht wirklich zur Wahrheitsfindung bei. Streng genommen hätte man erst einmal eine Basis für diese Diskussionsrunde schaffen müssen, zum Beispiel mit einer Dokumentation, in der Praktiker wie Scholten und Reusch - wenn er denn mal wieder reden darf - ausführlich aus ihrem Alltag berichten und Statistiken schlüssig und ruhig analysiert und nicht verbogen werden. Kurzum: Der Zuschauer sollte in die Lage versetzt werden, die Argumente der allzu oft von Wahlkämpfen und Ideologien geleiteten Politiker auf ihre Stichhaltigkeit abzuklopfen.Wie weit manche Volkstreter bei ihrer Mission gehen, die Realität ihrem Weltbild anzupassen, wurde in dieser Sendung auf ausgesprochen denkwürdige Weise deutlich. Als ein ehemals gewalttätiger türkischer Jugendlicher erklärte, ihm fiele nichts ein, was der Staat für ihn hätte besser machen können, man müsse sich seine Möglichkeiten halt selber suchen, da flüsterte Frau Zypries Herrn Mutlu zu: "Wurde der gar nicht gebrieft?" "Doch", zischte Herr Mutlu. "Doch?", echote Frau Zypries fassungslos. Was für eine Debattenkultur.------------------------------So machen übel beleumdete Privatsender auch gerne Fernsehen.------------------------------Foto: Moderator Frank Plasberg (r.) in seiner Diskussionsrunde am Mittwoch