BERLIN, 11. Januar. Die Sachsen wollen es wissen. Für 160 000 Mark wird demnächst eine erste Studie erstellt, in der die Austragung Olympischer Spiele im Großraum Leipzig, Dresden, Riesa und Chemnitz geprüft werden soll. Allein die Diskussion über die noch etwas diffusen Olympiapläne (für 2012 oder 2016) löst anderswo Schmunzeln aus. Und dies, obwohl Leipzig bereits über olympiataugliche Stätten verfügt, etwa in der Neuen Messe, in deren riesigen Hallen etliche Sportarten ausgetragen werden könnten. Dies auch, da die verkehrsgerechte Anbindung der Messestadt sehr wohl mit der des Olympia-Interessenten Stuttgart konkurrieren kann. Dass gern gelächelt wird, wenn der Name Leipzig fällt, liegt auch daran, dass es in der Stadt schon einmal eine Olympiadiskussion gegeben hat. Sogar eine Machbarkeitsstudie wurde erstellt im Winter 1988/89, kurz bevor die DDR das Zeitliche gesegnet hat.Sportpolitischer PikserIn Zeiten des Kalten Krieges wurde der Name Leipzig erstmals vom Klassenfeind ins Spiel gebracht. Kurz nach den Olympischen Spielen 1972 in München fluchte Friedel Schirmer, damals sportpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, über die Sportgenossen aus dem Arbeiter- und-Bauern-Staat: "Die können doch nicht immer nur Medaillen holen und selbst kein Sportfest ausrichten." Also dachte sich Schirmer eine Gemeinheit aus und brachte im SPD-Pressedienst Leipzig als Olympiastadt ins Spiel. "Es war einfach ein Pikser zur anderen Seite hin", sagte Schirmer Jahre später, "ich wollte denen da drüben ein bisschen wehtun."Die da drüben, die sich in der Medaillenjagd mit den Großmächten Sowjetunion und USA maßen, ließen sich nicht unter Druck setzen. Nicht von Schirmer, und Jahre später auch nicht von zahlreichen IOC-Mitgliedern, die eine Olympiabewerbung der DDR und Leipzigs befürwortet hatten. Das Thema wurde erst Ende der achtziger Jahre akut, als US-Präsident Ronald Reagan in Berlin von Gorbatschow nicht nur die Öffnung des Brandenburger Tores forderte ("Mister President, open this gate"), sondern die Amerikaner auch Olympische Spiele in beiden Teilen Berlins vorschlugen. Im Westteil der Stadt wurde umgehend an einer Machbarkeitsstudie gewerkelt, für die verbarrikadierte DDR-Führung war dies natürlich eine schreckliche Vision. Als dann Westberlins Regierender Bürgermeister Walter Momper im Juni 1989 im Schloss Niederschönhausen Erich Honecker die Idee antrug, reagierte der SED-Greis laut Protokoll so: "Die Durchführung der Olympischen Spiele in Berlin sei ein Einfall Reagans gewesen. Auch die DDR habe Ideen. So sei beabsichtigt, dass sich Leipzig um die Ausrichtung dieser Spiele im Jahre 2004 bewerbe. Ein solcher Vorschlag sei angesichts der Erfolge der DDR auf dem Gebiet des Sports ohne Zweifel zeitgemäß."Leipzig war ein untauglicher Rettungsversuch, das Spielzeug eines sportverrückten Narren. Dabei hatten die für Sport zuständigen Parteistellen doch schon ein halbes Jahr vorher in einer geheimen Studie die Möglichkeit einer Olympiaaustragung im Großraum Leipzig verworfen. Es existierten lediglich vier Exemplare dieses Papiers, das Honecker bis zum Gespräch mit Momper nicht gekannt haben soll: Eine Kopie lagerte bei Rudi Hellmann, Abteilungsleiter Sport im SED-Zentralkomitee; eine bei Egon Krenz, dem für Sport zuständigen Politbüromitglied; zwei Exemplare hatte Sport-Staatssekretär Günter Erbach in seinem Panzerschrank versteckt.Einen Investitionsbedarf von 25 Milliarden Ostmark war vom Leipziger "Wissenschaftlich-technischen Zentrum Sportbauten" errechnet worden: 10 Milliarden für ein überdachtes Hauptstadion (80 000 Zuschauer) sowie ein Dutzend Großsporthallen; 1,7 Milliarden für das Olympische Dorf und ein Gästehaus des IOC; 8,3 Milliarden für die technische Infrastruktur (u. a. Straßenbau), 5 Milliarden für die soziale Infrastruktur (Hotels, Gastronomie etc.).Für die DDR, die damals erstmals auch die Ausgaben im Leistungssporthaushalt kürzen musste, waren 25 Milliarden selbstverständlich zu viel. Krenz kannte die Zahlen seit März 1989. Honecker aber machte sich nichts daraus: Zwei Tage nach dem Momper-Gespräch überrumpelte er Krenz im SED-Zentralkomitee und gab den Befehl für eine Olympiabewerbung aus. Krenzens Jünger wie Klaus Eichler, Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes, funktionierten und wurden zu glühenden Verfechtern des Olympiaplans. Im Juli 1989 behauptete Krenz vor den Teilnehmern der DDR-Spartakiade in Berlin, Leipzig würde sich "zu gegebener Zeit" um die Spiele bewerben.Wie aus SED-Akten hervorgeht, hatten Krenz & Co. vor, mittels Olympischer Spiele die "nationale Identität" zu befördern, vom "nation building" wurde gefaselt. Es gab sogar schon eine olympische "Kader-Entwicklungskonzeption". Indes marschierten in Leipzig bald hunderttausende Menschen um den Ring. Die Zeit war nicht mehr gegeben, und im November 1989, kurz bevor Krenz, Eichler und all die anderen abdanken mussten, legte man schnell auch die Olympiapläne auf Eis."Als Pressezentrum stellen wir ein paar Container hin. Kein Problem. " DTSB-Präsident Klaus Eichler, 1989 ULLSTEIN Nationales Olympia: Zu den Turn- und Sportfesten der DDR im Leipziger Zentralstadion, als olympische Arena vorgesehen, gehörte auch der Lichtdom - wie einst bei Carl Diem.