BERLIN, im Dezember. Wahrscheinlich kann er schon hören, daß heute nacht Raketen am Himmel explodieren. Sehen wird er es noch nicht. Er muß warten. Obwohl gestern die vierzigste Woche angebrochen ist. Wenn die Ärzte recht behalten, wird sogar die einundvierzigste folgen. Erst dann wird der große Augenblick kommen. Der Tag seiner Geburt soll der 4. Januar 1998 sein.Wenn später einmal Soziologen erforschen wollen, wie sich die Menschen im neuen Deutschland näherkamen, dann werden sie froh sein, wenn sie auf die Geschichte dieses Kindes stoßen. Und auf die seiner Eltern.Es ist ein später Sonnabend abend im April 1996, als Brigitte Zeitlmann mit ein paar Sozialarbeiter-Kollegen am Tisch des Obdachlosencafés in der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain sitzt. Gemeinsam warten sie auf Thomas Krüger. Der Abgeordnete der SPD im Bundestag will der Selbsthilfegruppe in seinem Wahlkreis einen Besuch abstatten.Vom Chiemsee nach BerlinSie hegt keine großen Erwartungen an das Gespräch, als sich Thomas Krüger gegenüber an den Tisch setzt und den Obdachlosen zuhört. Mit Politikern kennt sie sich aus. Geboren ist Brigitte Zeitlmann in Bayern, und ihr Vater hat den gleichen Job wie Thomas Krüger. Nur für die CSU. Wolfgang Zeitlmann gehört zum Urgestein seiner Partei und ist seit 1987 in Bonn.Es war 1992, als Brigitte Zeitlmann mit 20 Jahren den Familiensitz am Chiemsee Richtung neuer Osten verließ. Damals wußte sie vor allem zwei Dinge. Erstens, daß sie Filmregie studieren wollte und zweitens, daß sie niemals einen Politiker zum Mann nehmen würde.In Berlin zog sie von Viertel zu Viertel, wohnte mal hier, jobbte mal da, und wenn sie frühmorgens mit der Straßenbahn durch den Prenzlauer Berg fuhr, hörte sie den Menschen dabei zu, wie sie sich über die neue Zeit ausließen. Mit der Filmregie hat es irgendwie nicht geklappt. Dafür begann sie, Theaterwissenschaften und Erziehungswissenschaften zu studieren. Im Prinzip ist ihr Leben das genaue Gegenteil von dem, was Thomas Krüger treibt. Er ist viel beschäftigt, immer präsent, ein Mann, den man kennt.Es ist schon nach Mitternacht in der Samariterkirche, als Krüger nach mehreren Betroffenengeschichten etwas Ablenkung in dem Café sucht. Seine Blicke wandern über die Anwesenden und bleiben dann hängen. "Immerhin ist sein Bart ab", denkt Brigitte Zeitlmann, als er sie anschaut. Anders als auf dem Wahlkampfplakat, das ihn bekannt gemacht hatte. Die Idee, als "ehrliche Haut" nackt zu posieren, fand sie lächerlich. Als er sie plötzlich anspricht, reagiert sie nicht besonders interessiert. Trotzdem setzt er sich neben sie und redet weiter.Nach ein paar Minuten unterbricht sie ihn mit der Frage, ob es ihm in Bonn gefällt. Danach fühlt sie sich an etwas erinnert: "Als Politikertochter hat man eben so seine Erfahrungen. Man bekommt selten wirklich Antworten." Sie probiert es noch ein paarmal, aber Thomas Krüger hat eigentlich gar keine Lust, um diese Zeit mit dieser Frau ausgerechnet über Bonn zu reden.Irgendwann ist das Treffen zu Ende, und an diesem Abend sind sich die beiden über ihre Begegnung noch nicht richtig im klaren.In den nächsten Tagen hat sie das Gefühl, daß sie nicht böse wäre, wenn er einfach mal anrufen würde. Er dagegen macht sich in Bonn Gedanken, wie er sie wiedertreffen könnte. Sie hatte ihm von ihren Plänen erzählt, Regie zu studieren. Also besorgt er Karten für die "Berlinale" und ruft sie an. Sie ziehen von Premiere zu Premiere, von Party zu Party, und als die Woche vorbei ist, sind sie sich sicher, daß es schön wäre, wenn es so weitergehen könnte.Ein alter SchwurKann es aber nicht. Als Politiker ist Thomas Krüger ständig überall, aber kaum in Berlin. Es gibt Tage, da denkt sie an den Schwur, niemals mit einem Politiker zusammenzuleben. Irgendwann verheiratet und trotzdem alleinerziehend zu sein wollte sie sich eigentlich ersparen.Für Thomas Krüger erscheint sie wie jemand von einem anderen Stern. Sie gehört zu der Generation, die nicht mehr so streng zwischen Beruf und Freizeit unterscheidet. Eigentlich findet er das ganz in Ordnung. "Arbeiten an der eigenen Biographie", nennt er das und erinnert sich an die Zeit, als er noch kein Politiker war und als spleeniger Theatermacher und Aktionskünstler in den Hinterhöfen der DDR die Kommunisten ärgerte. Als er mit Brigitte zusammenkommt, merkt er, daß davon nicht viel geblieben ist. "Man verliert einfach Bindungen, wenn man sich nur ab und zu mal für ·ne Stunde mit jemandem außerhalb der Politik treffen kann. Meistens am späten Abend, wenn man eigentlich schon ziemlich fertig ist."Daß sie solche Sätze kennt, weiß er, seitdem sie ihm gesagt hat, wer ihr Vater ist. Zu seiner Person mußte sie ihm nicht viel sagen.Ihr Vater und Thomas Krüger kennen sich. Als Abgeordnete ihrer Parteien treffen sie sich regelmäßig zu den Sitzungen des Innenausschusses des deutschen Bundestages. Wenn sie sich gegenübersitzen, denkt Thomas Krüger öfters daran, was der CSU-Abgeordnete Zeitlmann wohl sagen wird, wenn er erfährt, daß er sein Schwiegersohn werden könnte. Ein protestantischer Sozi aus dem Osten.Im Sommer fahren Brigitte und Thomas nach Südfrankreich. Alles ist wunderbar. Schöne Tage wechseln mit schönen Nächten. Danach steht fest: Es soll so sein.Der CSU-Abgeordnete Zeitlmann erhält einen Anruf von seiner Tochter. Brigitte kündigt ihm an, daß sie die geliehene Super-8-Kamera zurückschicken werde. Über einen persönlichen Kurier.Zur Übergabe ein paar Tage später in der Kantine des Bundestages erscheint Thomas Krüger. Er beichtet Wolfgang Zeitlmann, daß er schon eine ganze Weile mit seiner Tochter zusammen ist.Zeitlmann dämmert es. Hatte sie nicht einmal erwähnt, jemanden aus seinem Ausschuß zu kennen? "Daß die beiden zusammen sein könnten, hatte ich damals gar nicht kapiert", erinnert er sich. Zu Thomas Krüger sagt er damals nur: "Na dann sagen Sie mal einen schönen Gruß.«Heute kann es Wolfgang Zeitlmann immer noch nicht richtig glauben. "Da gibt es 80 Millionen Menschen in diesem Land, und meine Tochter fällt ausgerechnet an den, der mir im Innenausschuß gegenübersitzt." Barbara Zeitlmann wußte schon früh Bescheid. Natürlich. Schließlich ist sie die Mutter. Als Brigitte ihr das erste Mal davon erzählte, holten sie gleich das Handbuch über Bundestagsabgeordnete aus den Beständen des Vaters und schauten sich das Porträtfoto des ostdeutschen Politikers an. Einer mit Vollbart war zu sehen, Gründungsmitglied der Ost-SPD. Als gelernter Beruf stand da: Plast- und Elastfacharbeiter. Abschluß mit Abitur in einem Reifenwerk. Und studierter Theologe. Klang irgendwie nach Bürgerrechtler. "Täuscht aber", sagt Wolfgang Zeitlmann. Er hat sie alle miterlebt in Bonn. Die Neulinge aus dem Osten, die mit der Wende praktisch von der Straße in die Politik kamen und dachten, es geht so weiter. Thomas Krüger fiel ihm auf, weil er nicht so leidend wirkte, als er nach Bonn kam. Richtig kennengelernt hat er ihn da noch nicht.Als Brigitte ihn zum ersten Mal mit in das Familienanwesen am Chiemsee nimmt, hat die schöne Geschichte vom Sozi, der die Tochter des Schwarzen bekommt, schon die Runde gemacht. Aber Wolfgang Zeitlmann sieht das alles nicht dramatisch. Der Umgang mit einem politischen Gegner ist sein Alltag, und der lehrt ihn die Erfahrung: "Es kann auch zwischen verschiedenen Feldpostnummern gute Freundschaften geben."Außerdem ist noch Hoffnung. Immer hin hat der Stölzl vom Deutschen Historischen Museum mal zu ihm gesagt, daß der Krüger kein in der Wolle gefärbter Sozi sei.Und auch kein waschechter Politiker, wie Barbara Zeitlmann erleichtert feststellt, als sie sich bei dem ersten Treffen mit Thomas Krüger über sehr viel mehr als Politik unterhält. Sie empfindet den Familienzugang aus dem Osten als intellektuelle Bereicherung. Außerdem ist sie wie er protestantisch. Das verbindet in so einer Gegend.Als die außerparlamentarische Koalition der beiden politischen Gegner im Bonner Innenausschuß bekannt ist, wird Wolfgang Zeitlmann öfters auf die Beziehung seiner Tochter mit Thomas Krüger angesprochen. Die Geschichte ist einfach zu gut. Geheimdienstkoordinator Schmidbauer klopfte ihm auf die Schulter: "Sind Sie jetzt ein Sicherheitsrisiko?" Immerhin hat er gelacht dabei.Rotes TuchAls Siegfried und Christa Krüger von ihrem Sohn Thomas erfuhren, daß die zukünftigen Schwiegereltern aus Bayern kommen, war ihnen das erst einmal egal. Sie hatten die Hoffnung fast aufgegeben, daß ihr Ältester noch die Richtige findet. Dann zogen sie das Handbuch über Bundestagsabgeordnete aus dem Regal und schauten sich das Porträtfoto des zukünftigen Schwiegervaters an. "Na ja. CSU. Das war schon irgendwie ein rotes Tuch", erinnert sich Christa Krüger. Und natürlich ist er katholisch. "Aber wir haben es immer so gehalten, auch andere Meinungen zu akzeptieren."Siegfried Krüger kann da nur zustimmen. Er ist evangelischer Pfarrer. "Der katholische Glaube ist uns nicht so fremd. Ich habe früher in der DDR selber dreimal in der katholischen Gemeinde in Hoppegarten gepredigt."Mit dem Glauben des Vaters können sie zurechtkommen, aber mit dem Glauben der Tochter? Brigitte Zeitlmann hat sich vor drei Jahren entschieden, etwas ganz anderes zu machen. Sie wechselte zum Bahaismus über und ist seit dem ein Baha·i, ein "Lichtkind". Die Offenbarungsreligion hat weltweit sechs Millionen Anhänger, in Deutschland sind es etwa 5 000. Erreichen wollen sie die Versöhnung aller Religionen, Rassen und Nationen im Rahmen einer Weltfriedensordnung.Gespräch im GartenAls Brigitte Zeitlmann die Eltern von Thomas besuchte, nutzte Siegfried Krüger die Gelegenheit. Auf der Hollywoodschaukel in seinem Garten unterhielt er sich lange mit ihr: "Wenn es wenigstens ein christlicher Glaube wäre, aber ein unchristlicher?" Er fand zwar interessant, was sie erzählte, "aber überzeugt hat mich das alles nicht".Trotzdem freuten sich Christa und Siegfried Krüger im Sommer 1997 auf die Hochzeit von Thomas und Brigitte. Auch wenn der Trauung auf dem Standesamt noch eine Bahai-Zeremonie folgen sollte. Immerhin würden sie endlich die neuen Verwandten aus dem katholischen Bayern kennenlernen.Als die Sonne am Nachmittag des 6. September 1997 den Pohlesee wie Aluminiumfolie schimmern läßt und die Bäume am Ufer lange Schatten in den Garten des Wannseeforums werfen, sind Brigitte und Thomas endgültig ein Paar. Wolfgang Zeitlmann sieht in diesem Moment etwas nachdenklich aus. Er steht an der großen Flügeltür der alten Villa und blickt über die anwesende Gesellschaft: Bahais. Sozis. Protestanten. Wolfgang Thierse ist da, Walter Momper, Otto Schily. Trotzdem fühlt sich Wolfgang Zeitlmann nicht unwohl. Der erste Kontakt mit der Familie Krüger war durchaus sympathisch. Als die beiden Väter am späten Abend ihren Kindern ein paar Worte für die Zukunft mitgeben, klingt es ein Mal wie eine Bundestagsrede, das andere Mal wie eine Predigt. Danach erzählen sich die beiden Familien die ganze Nacht ihre Geschichten, und am Ende versprechen die Krügers: "Als nächstes werden wir mal Bayern heimsuchen." Schließlich sind sie dort noch nie gewesen.Vielleicht fährt Thomas Krüger dann mit. Zeit genug hat er bald. Wenn nächstes Jahr der neue Bundestag gewählt wird, ist er nicht mehr dabei. Zuviel hat sich seit jenem Augen-Blick mit Brigitte verändert. Also ist im Sommer 1998 Schluß. Er steigt aus und wird Vater. Dann ist er garantiert dabei, wenn ihr Sohn im nächsten Jahr sehen kann, wie die Raketen am Himmel explodieren.