Peking, vier Stunden vor der Vernissage. Der Maler Jörg Immendorff sitzt an einem Tisch vor dem Souvenirstand der Kunsthalle. Er sieht müde aus und verrät: "Für diese Ausstellung habe ich sechs Jahre gekämpft!" Gezeigt werden 72 seiner Bilder von 1964 bis 2002. Formeller Anlass: 30 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen China und Deutschland. Titel: "Wenn das Bild zum Berg kommt"."China ist der Berg. Ich bin das Bild", erklärt der 57-Jährige und führt dann aus, wie sein Kulturexport es über die chinesische Mauer schaffte: Freundschaft zu Pekinger Künstlern, beharrliche Verhandlungen mit Kulturfunktionären sowie das in China wohl Entscheidende: Teilnahme an der Asienreise des Bundeskanzlers im November 2001. Schon sind wir mitten in diplomatisch schwer vermintem Gelände. Immendorff erhebt die Stimme: "Einer ihrer Kollegen in Schanghai unterstellte, ich würde hier nur deshalb ausstellen, weil ich ein Freund Schröders sei. Solch Häme bringt uns nicht weiter. Sicher bemüht sich erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ein Kanzler nicht nur um Literaten, sondern auch um andere kulturelle Ebenen. Das ist äußerst erfreulich. Bedeutet aber noch lange nicht, dass ich mich, seitdem ich Schröder kenne, mit dem Gedanken trage, in die SPD einzutreten. " Immendorff durchbohrt mich mit Blicken. Ich möchte ihm etwas Nettes sagen. Leider fällt mir nur die Phrase vom "Malerfürsten" ein. Er ärgert sich nur noch mehr: "Dieses Gerede geht mir fürchterlich auf den Zeiger. Ich bin Künstler und lege keinen Wert auf solche Titel. Zum anderen ist die Bezeichnung wenig schmeichelhaft. Ein Fürst ist in der Rangfolge der Aristokratie nichts Tolles. " Danach reden wir über Wesentlicheres - seine Bilder. 1992 konnte Immendorff schon einmal in Peking ausstellen: "Damals ging ein Sturm durch die chinesischen Ateliers. Ich bin sehr gespannt, wie die Reaktionen zehn Jahre später ausfallen. " Bevor jedoch das Publikum reagieren kann, entscheiden sich die Medien. So stellte das staatliche chinesische Fernsehen CCTV Immendorff für einen Werbeblock vor Werke aus den 70ern. "Die Kunst gehört dem Volk" heißt es auf einer 1974 bemalten Leinwand. Anderswo werben Agitatoren mit aufgekrempelten Ärmeln für den "Kampf des Proletariats". So etwas kommt in der Volksrepublik China gut an. "Entschlackt von ideologischer Enge halte ich manches weiter für zeitgemäß. In der Substanz male ich fürs Volk", bekundet Immendorff. Aber wohl nicht nur: "Gestern waren chinesische Künstlerfreunde in der Ausstellung", sagt er, kurz bevor wir uns verabschieden. "Was hier hängt, meinten sie, bereite ihnen Gänsehaut. Es sei böse und frech. " Nach der Eröffnungsgala mit dem chinesischen Vizekulturminister und dem Deutschen Botschafter streife ich also auf der Suche nach "böse und frech" durch die Säle. Es dauert ein wenig. Der amtliche Tross zerstreut sich, die Kamerateams packen ein. Ich bemerke, dass die Chinesen vor zwei Bildern länger verweilen. Beide sind von 2002, haben keinen Titel und zeigen ein großes rotes Etwas mit einem Loch. "Was ist das?", tuschelt jemand und kichert. Das frage ich mich auch. Kunstauslegung ist eine schwierige Sache.Also rufe ich den Schöpfer am nächsten Tag an. Er sitzt im Taxi und ist auf dem Weg zu einem Vortrag in der Pekinger Kunstakademie. Er teilt mit: "Meine Symbole interpretiere ich nicht", will aber wissen, was es für mich sei. "Nun ja", druckse ich, "mit den fünf Rundungen könnte es ein geschmolzener roter Stern sein. Aber wegen des Lochs in der Mitte und dieser typischen Falten würde ich denken, es ist ein . " Zögern. Pause. Schwitzen. Doch was soll die Zurückhaltung, ich rede mit einem Künstler und wage zu formulieren: "Herr Immendorff, für mich ist das ein After. " Die Antwort kommt schnell: "Einen After mit nur fünf Falten gibt es nicht. Auf diesem Niveau diskutiere ich nicht weiter über meine Kunst. " Ende.Am Abend lege ich den Katalog mit den beiden Bildern noch fünf Personen vor, darunter die Pekinger Sachverständige der Galerie Chinese Contemporary (London). Ohne mein Zutun entscheiden sich vier für diese Deutung. Sollte dem Künstler, der übrigens einige ideologisch missverständliche Bilder in China nicht zeigen darf, doch noch eine Schlitzohrigkeit gelungen sein? Wie auch immer. Aufschlussreich jedenfalls ist, wie Chinas Offizielle den Maler Jörg Immendorff beurteilen. Zitat aus dem Grußwort: "Sein ungewöhnlicher Erfolg hat ihn international berühmt gemacht. "