Hans-Peter Dürr packte allerlei Gerät auf den Tisch des Hauses. Zuerst befestigte er ein Stativ, an dessen Spitze sich ein Kugellager befand, auf der Tischplatte; dann montierte er eine Stange an dem Lager, so dass sie wie ein Pendel hin und her schwingen konnte; schließlich schraubte er an das untere, also längere Ende der Stange ein weiteres Pendel, an dessen wiederum längeren Ende sich eine rot leuchtende Diode befand. Dann konnte Dürr mit dem mündlichen Teil seines Vortrags beginnen. Das Einstein Forum in Potsdam nämlich hatte den Elementarteilchenphysiker geladen, um die Frage zu beantworten, ob Biologie und Medizin, also Wissenschaften, die sich mit dem Leben beschäftigen, auf Physik reduzierbar sind. Dürrs Antwort war ein klares Ja, allerdings mit einem großen Aber hinten dran. Von diesem Aber sollte sein Vortrag handeln - und fing deshalb mit einigen erkenntnis- und wissenschaftskritischen Vorbemerkungen an.BuchstabensuppeGemeinhin werden unter dem Titel Wissenschaftlichkeit all diejenigen Arbeitsweisen zusammengefasst, deren Methoden analytisch sind, die also im strengen Sinne des Wortes etwas zerlegen. Hier entsteht die Frage, so Dürr, ob man tatsächlich alles auf diese Weise behandeln und damit auch verstehen kann. Vor allem aber ist zu fragen, wie man das einmal Zerlegte wieder zusammensetzen soll: "Aus einer losen Anzahl von Buchstaben entsteht noch lange kein Gedicht." Worauf es demgegenüber ankommt, sind die Zusammenhänge, die Muster, in denen sich die verschiedenen Dinge oder Phänomene anordnen und in denen sie uns überhaupt nur begegnen oder erscheinen können. Nichts steht einfach nur isoliert herum. Damit war Dürr bei seinem Thema angekommen.Wenn es nun um die wissenschaftliche Erkundung unserer Welt geht, wird in der Regel so verfahren: Die Soziologie analysiert die Gesellschaft im Allgemeinen, muss aber feststellen, dass sie das Individuum nicht begreifen kann; die Psychologie analysiert das Individuum, beschränkt sich aber nur auf dessen mentale oder psychische Aspekte; die Medizin analysiert die physiologischen Funktionen, macht aber Halt vor der Frage nach dem Sinn des Lebendigen; die Biologie analysiert das Lebendige, aber weiß nur wenig von den stofflichen Vorgängen, die ihnen zugrunde liegen; die Chemie analysiert eben diese Vorgänge, kümmert sich aber kaum um die in ihnen wirkenden Kräfte; die Physik schließlich analysiert Kräfteverhältnisse und insofern auch, was das Stoffliche oder die Materie ist, aber das nützt ihr solange nicht allzu viel, als sie dem "mechanistischen Weltbild des 19.Jahrhunderts" verpflichtet bleibt.Aus dieser "analytischen Reihe", so Dürr, lässt sich nicht der Schluss ziehen, dass vom Grunde der Physik aus alle anderen Disziplinen sich erklären lassen. Denn ein Problem bleibt ungelöst: Auf der einen Seite sollen die mechanistisch verstandenen Naturgesetze gelten, auf der anderen Seite sprechen wir uns als vernünftige Wesen Freiheit zu und wähnen uns den Zwängen der Natur enthoben. Genau diese "Arroganz gegenüber der Natur", erläutert Dürr jetzt ideologiekritisch, "ist unbegründet, wir stehen nicht außerhalb der Natur". Vielmehr kommt es auf ein "neues Verständnis der Wirklichkeit" an, alles hängt insofern von der Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Materie ab: Was also ist reine Materie ?Hier gilt es auf die Erkenntnisse der Quantenmechanik zurückzugreifen. Sie lehrt uns etwas Paradoxes, nämlich dass wir "am Grunde der Materie die Form finden, das heißt, energetische Konzentrationen und Intensitäten". Elementarteilchen und Elektronen schwirren überall, sie haben keinen genau bestimmbaren Aufenthaltsort; sie konzentrieren sich in Energiefeldern, sie verdichten sich also zu Intensitäten, die als Flugbahnen nur statistisch, also im Sinne der Wahrscheinlichkeit zu beschreiben sind. Wie aber finden wir von dieser elementaren Erkenntnis zum Begriff des Lebens zurück?Augenblick der EntscheidungMit der Frage steuerte der Vortrag Dürrs auf den Höhepunkt zu: Er ließ sein zuvor montiertes Pendel schwingen, nicht einfach hin und her, sondern von einem "Intelligenzpunkt" aus. Dabei hielt er das längere Ende des starren Pendels senkrecht nach oben, so dass es entweder zur rechten oder zur linken Seite in Bewegung geraten konnte: In diesem "Augenblick der Entscheidung" kommuniziert das Pendel mit der ganzen Welt. Zu welcher Seite es ausschlägt, hängt von unendlich vielen Faktoren ab, davon, ob die Straßenbahn gerade vorbeikommt, eine Fliege mit ihren Flügeln schlägt oder ein Photon den Raum durchquert. Wenn man nun das zweite, an das große montierte kleinere Pendel mitschwingen lässt, dann "entsteht eine chaotische Bewegung mit mehreren Intelligenzpunkten." Werden jetzt noch mehrere chaotische Systeme dieser Art miteinander verkoppelt, "bekommen wir interessanterweise kein Superchaos, sondern ein komplexes System, dessen Ordnung in Begriffen der Wahrscheinlichkeit beschrieben werden kann". Und das, so Dürr, gibt uns eine Ahnung davon, was das Leben ist - eine rot leuchtende Diode, die an den langen Hebeln der Mechanik wild umherkreist, bis sie die Schwerkraft ganz wieder hat und wie tot baumeln lässt. Toll, in Potsdam ergriff das gebannte Publikum eine menschheitsalte Wahrheit: Das Leben schlägt in seinem unermüdlichen Kampf Purzelbäume gegen die Gesetze der Erdanziehung.CINETEXT Buster Keaton beim vergeblichen Kampf des Lebens gegen die Schwerkraft.