LEVERKUSEN. Wenn Arturo Vidal am Sonntag mit Bayer Leverkusen beim FC Bayern aufläuft, dann geht es ziemlich konkret um seine persönliche Zukunft. Allerdings nicht, weil er die Verantwortlichen des Rekordmeisters von seinen Fähigkeiten überzeugen muss, das ist ihm längst gelungen, die Bayern denken ernsthaft über eine Verpflichtung des Chilenen nach. Nein, wenn Leverkusen drei Punkte aus München mitnimmt, dann droht dem Rekordmeister wirklich ein Horrorjahr ohne Champions-League-Teilnahme. Für Vidal ginge ein Großteil der Anziehungskraft des FC Bayern verloren, denn der 23-Jährige verzehrt sich nach der Königsklasse, seit Bayer ihn vor vier Jahren für fünf Millionen Euro vom chilenischen Klub Colo Colo an den Rhein holte. Drei Mal hat er dieses Ziel mit Leverkusen nach guter erster Saisonhälfte verpasst, "im nächsten Jahr will ich endlich dabei sein", sagt er.Natürlich würde einer wie Vidal diese edelste aller Fußballligen bereichern, doch sein Vertrag endet 2012, nur in diesem Sommer könnte Leverkusen noch eine Ablöse erhalten. Deshalb ist die Sache mit München ziemlich heikel. Zumal Jupp Heynckes im Sommer bekanntlich zu den Bayern wechselt. Vidal hat während der vergangenen zwei Jahre ein ziemlich ungewöhnliches Verhältnis zu seinem Trainer entwickelt, "er ist sehr wichtig für mich, er spricht meine Sprache, es ist unglaublich, wie er sich kümmert und wie er sich sorgt, ob es meiner Familie gutgeht", schwärmt der Chilene von seinem Trainer. "Die Beziehung zu Heynckes ist schon besonders."Vidal ist nicht nur ein außergewöhnlicher Fußballer, er ist auch ein besonderer Mensch, der ein besonderes Leben führt. Anders als viele Kollegen von anderen Kontinenten hat er sich auch im fernen Europa einen südamerikanischen Alltag erschaffen. Klar, er hat seine Frau hier und seinen einjährigen Sohn, doch im Kölner Haus der Vidals halten sich meist noch jede Menge anderer Leute aus der fernen Heimat auf. Geschwister, Cousins und Freunde. "Der Begriff Familie geht bei mir sehr weit, die Leute helfen mir, mich hier heimisch zu fühlen, weil das Leben in Chile natürlich ein ganz anderes ist", erzählt er. Kein Wunder, dass Vidal nach fast vier Jahren so gut wie kein Wort Deutsch spricht. Wenn er das Klubgelände verlässt, taucht er unter in seinem Mikrokosmos.Vorwerfen mag ihm das niemand, "er ist eben ein Junge von der Straße, der sich auf seine Art durchschlägt", sagt der Halbspanier Gonzalo Castro, der in der Anfangszeit ein wichtiger Ansprechpartner für Vidal war. Bis heute fühlt sich der in einem Armenviertel von Santiago de Chile aufgewachsene Mittelfeldspieler ein bisschen wie ein Besucher. Nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt des Wohlstands und des Reichtums überhaupt. "Viele Freunde leben noch in unserem Viertel, auch ein großer Teil meiner Familie", erzählt er "und mein Sohn soll einmal sehen, wo wir herkommen, er soll sehen, aus welcher Situation heraus ich Fußballer geworden bin." Gerade erst produzierte das chilenischen Fernsehen eine erfolgreiche Doku-Soap über Vidals Traumkarriere und seine intakte Verbindung zum alten Leben.Die Wurzeln als AntriebskraftSeine Wurzeln empfindet er als große Antriebskraft, der Vater war früh verschwunden, die Mutter kümmerte sich um sechs Kinder, bis der kleine Arturo begann, Geld mit dem Fußball zu verdienen. Seither hängt das Wohl der ganzen Familie von ihm ab. "Das ist mein Schicksal, aber dadurch, dass ich die Verantwortung für die gesamte Familie trage, ist mein Reifeprozess vielleicht schneller verlaufen, als bei anderen, und ich glaube, diese Reife kommt auf dem Platz gut an", sagt er. Sogar Michael Ballack gerät ins Schwärmen, er sagt: "Arturo hat das gewisse Etwas, er hat die richtige Mentalität, hat Persönlichkeit, er ist ein Heißsporn, unberechenbar und genial."Vidal erobert Bälle, macht taktisch fast alles richtig, spielt fantastische Pässe und sorgt für Torgefahr, er ist ein echter Allrounder im Mittelfeld. Erstaunlich ist, dass er trotz der limitierten Deutsch-Kenntnisse zu einer Art Organisationschef im Spiel der Werkself geworden ist. "Seine Art zu spielen reißt mit", sagt Manuel Friedrich, diese Mischung aus organisatorischen Fähigkeiten, Kreativität und Dynamik machen Vidal zu einem der begehrtesten Spieler der Liga. Von den Bayern ist Vidal also nicht abhängig, "wir sind siegeshungrig, wollen in die Champions League und vielleicht auch noch mehr", sagt er. Mit einem Sieg in München könnten sie den Rückstand auf Borussia Dortmund zumindest für einige Stunden auf zwei Pünktchen schmelzen lassen. Vidal würde das gefallen.------------------------------Foto: Sogar Michael Ballack ist begeistert: Arturo Vidal, Mittelfeldspieler.