Die Knie von Marx und Engels sind blank gerieben von den Berührungen durch die Touristen. So wie der Fuß jener Statue des Apostels Petrus im Petersdom zu Rom, der schon mehrmals ersetzt werden musste, weil die Gläubigen ihn regelrecht abscheuerten. Das soll Glück bringen. Der Spottname "Säulenheilige des Sozialismus" erhält aus einer solchen Sicht eine ganz neue Bedeutung.Engels steht stramm, Marx sitzt steif in der vom Bildhauer Ludwig Engelhardt gestalteten Figurengruppe. Sie zeigen ganz und gar kein revolutionäres Aufbegehren, erinnern eher an ein patriarchalisches Familienporträt des 19. Jahrhunderts. Der Firmenchef und sein etwas verträumter Bruder, der das mühsam verdiente Geld verschleudert, aber doch irgendwie brillant genug ist, um durchgefüttert zu werden. Eine bürgerliche Denkmalpose, die unfreiwillig an die Geschichte des Ortes erinnert. Wo heute das Marx-Engels-Forum steht, war früher Alt-Berlin. Und weil Alt-Berlin heute nur eine weite zugige Fläche ist, gibt es in der Berliner Politik wieder einmal die Debatte, ob man sie nicht bebauen sollte.Zuletzt hat man im frühen Mittelalter so weit sehen können, damals, als auf der Cöllner Insel noch kein Schloss stand und auf dem heutigen Lustgarten die Ziegen weideten. Derzeit kann der Blick vom östlichen Ende der Straße Unter den Linden gut eineinhalb Kilometer schweifen, ohne große Behinderung geht er über Holzstege, Sandfelder über den Kellern des abgerissenen Palastes der Republik, über die Kais der Spree, das Grün des Marx-Engels-Forums bis hin zum namenlosen Platz um den neubarocken Neptunbrunnen und den modernistisch-spitzlig aufsteigenden Dächern der Ausstellungspavillons unter dem Fernsehturm. So viel Fernsicht gibt es nur in wenigen Städten der Welt. Man kann sich an die Mall in Washington, den Roten Platz in Moskau, den Tienanmen-Platz in Peking, die Plätze in Isfahan oder das Marsfeld in Paris erinnert fühlen. Mit Ausnahme des Pekinger Aufmarschfelds vor dem Mao-Mausoleum sind aber all das keine Orte, an denen sich einst ein historisches Stadtzentrum befand. Sie sind als Plätze entstanden und gestaltet worden. In Berlin hingegen ist die Fernsicht Folge einer seit zwei Jahrhunderten andauernden Manie zu zerstören, aufzubauen, wieder zu zerstören. Und zu vergessen.Benedikt Goebel ist Historiker, groß gewachsen, in seinen Bewegungen raumgreifend. Er kann ganz unakademisch wütend werden. Wenn er nämlich ansehen muss, wie undifferenziert in Berlin mit Begriffen wie Stadtgeschichte, Bürgertum, Erinnerung hantiert wird, um profane Zwecke durchzusetzen. Für ihn ist die von dem einstigen Senatsbaudirektor Hans Stimmann angestoßene Debatte über die Zukunft des Marx-Engels-Forums vor allem eine um Marktverteilung: "Die wollen planen und bauen und Geld verdienen." Die Planer und Architekten um Stimmann könnten "keinen Frieden mit der bestehenden Stadt machen". Goebel hat das Buch "Der Umbau Alt-Berlins zum modernen Stadtzentrum" geschrieben. Grundstücksgenau zeigt er darin die Zerstörung des alten Berlin seit dem frühen 19. Jahrhundert. Schuldig aber seien nicht, wie es etwa Stimmann immer wieder suggeriere, der Staat, Preußen, das Reich, die SED, auch nicht der Krieg, sondern Berlins eigene Bürger. "Die Stadtväter des 19. Jahrhunderts fanden die Innenstadt auch schon schäbig und wollten alles neu machen - dagegen waren nur die alten Adelsfamilien, die haben sich dafür eingesetzt, etwa die Gerichtslaube zu retten."Die Gerichtslaube war das Symbol städtischer Freiheit, die Berliner Stadtgewaltigen wollten sie dennoch auf den Müll befördern - Kaiser Wilhelm I. rettete sie, ließ den Bau abtragen und in Babelsberg als Gartenpavillon wieder aufbauen. Ironischer Weise ließ dann ausgerechnet die DDR, in der städtische Freiheiten bekanntlich kaum eine Rolle spielten, im Nikolaiviertel eine Kopie der Gerichtslaube bauen. Nicht am originalen Ort, sondern an der Poststraße, wo sie viel malerischer aussehen konnte.Man vergisst in dieser Stadt so schnell. Auch deswegen wurde schon im 19. Jahrhundert vom Vorläufer der heutigen Stiftung Stadtmuseum ein Fotograf eigens angestellt, um die alten Stadtbilder noch schnell auf Glasplatte zu bannen, bevor sie der neuen Zeit zum Opfer fielen. Wer sich diese Fotografien ansieht, bemerkt erstaunt, dass die Altstadt Berlins noch bis in die 1880er-Jahre hinein von mittelalterlicher Enge war, mit Häusern, die im Wesentlichen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert errichtet worden waren oder in diesen Jahrzehnten eine neue Fassade erhalten hatten. Schon zwanzig Jahre später zeigen die Fotografien fast nur noch Gebäude in Neurenaissance- und Neubarockformen, große Geschäftshäuser, Verwaltungs- und Bürobauten.Vor allem die durch das Gassengewirr gebrochene Kaiser-Wilhelm-Straße - auf der Trasse der heutigen Karl-Liebknecht-Straße - sollte den großen Umbau Berlins zur modernen, hygienischen, sozial bereinigten bürgerlichen Stadt einleiten. Nach Goebels Recherchen fanden alleine in diesem, von Stadtbahntrasse und Spree eingefassten Gebiet zwischen 1848 und 1940 an die 1 000 Abrisse und Neubauten statt. Das heißt, praktisch jede Hausnummer wurde einmal neu bebaut, vor allem aber wurden die Grundstücke zu immer größeren Einheiten zusammengefasst, um ein repräsentatives Zentrum zu schaffen.Sogar das Schloss musste leiden - lange vor dem Abriss der Ruine durch die DDR musste Kaiser Wilhelm I. zustimmen, den Apothekerflügel zugunsten des Baues der großen Straßentrasse teilweise abzureißen. Alleine in den zum Slum heruntergekommenen Randgebieten der Altstadt am Krögel, am Großen Jüdenhof, auf der Fischerinsel zeigte sich Alt-Berlin noch alt. Auch deswegen, weil der Staat etwa den Krögel am Molkenmarkt 1860 aufgekauft und systematisch hatte verrotten lassen, um das Gelände einmal für die Erweiterung des Polizeipräsidiums nutzen zu können.Solche Radikalmodernisierung von Altstädten war in ganz Europa üblich, spätestens seit dem Ausbau von Paris im Dritten Kaiserreich waren breite Boulevards, große Geschäftshäuser, Markthallen und prachtvolle Mietwohnungspaläste, weite Plätze und üppig begrünte öffentliche Gärten oder Parkanlagen das Signum für die moderne Stadt schlechthin. Das Prager Ghetto, die Hamburger Altstadt, Leipzigs Innenstadt zeugen bis heute davon. Aber nirgends wurde so Tabula Rasa gemacht wie in Berlin: Schon um 1900 stand kaum noch ein Gebäude des Lokalheroen Karl Friedrich Schinkel halbwegs unbeschädigt, gab es fast keine barocken Häuser mehr, hatte das Bürgertum als Hauseigentümer und Hausnutzer seine eigene Altstadt fast völlig aufgegeben. In den Zwanzigerjahren wurde der Totalabriss der Altstadt vorgeschlagen und ihr Ersatz durch große Hochhäuser, die umgeben sein sollten von Parkanlagen. Die Nazis planten vor dem Stadthaus ein neues kommunales Forum, für dessen Gestaltung der Molkenmarkt ausgeweitet wurde. Die Straßenblöcke auf der dem Dom gegenüberliegenden Seite der Spree wurden freigeräumt für den Neubau einer Industrie- und Handelskammer. Gegenüber dem Roten Rathaus sollte eine Kunsthalle entstehen. Der Krieg verhinderte alle diese Planungen, dennoch befanden sich 1950 schließlich nach Recherchen von Benedikt Goebel zwei Drittel aller Altstadt-Grundstücke im Besitz des Staates, staatlicher oder kommunaler Institutionen. Die DDR übernahm nach und nach den Rest, 1990 waren noch ganze drei Parzellen in der Rosenstraße in Privatbesitz. Und auch dies nur, weil die Stasi sie nutzte und keiner daran gedacht hatte, den Eigentumstitel zu verändern. Heute sind nach Angaben des Katasteramts des Bezirks Mitte 100 Prozent der Grundstücke zwischen Rathausstraße und Karl-Liebknecht-Straße in staatlicher Hand.Doch die um 1840 begonnene Neuverteilung von Eigentumsrechten fand ihren Höhepunkt nicht erst zu DDR-Zeiten, sondern schon in der Nazizeit mit der Enteignung von Hausbesitzern, die als Juden verfolgt wurden. Wer über das Gelände des Marx-Engels-Forums wandelt, denkt sicher kaum daran, aber nach Goebels Forschungen erstreckt sich die Denkmal- und Parkanlage über achtzehn Parzellen, die zwischen 1933 und 1945 ihren Eigentümern geraubt worden sind. Die großzügige Neuplanung des Stadtzentrums zu DDR-Zeiten nach modernistischen Ideen war nur möglich, weil die Grundstücke umstandslos zur Verfügung standen. Denn selbst im Arbeiter- und Bauernstaat wurden Eigentumsgrenzen im Grundsatz geachtet - in Berlins Altstadt gab es sie jedoch nicht mehr.Auch nach 1990 wurde das Unrecht der Nazizeit nicht bereinigt. Zwischen Rathaus- und Karl-Liebknecht-Straße haben Alteigentümer im Zentrum Berlins alle Prozesse auf Rückgabe ihrer Grundstücke verloren, sind mit - am Marktwert gemessen - lächerlichen Summen entschädigt worden. Durch den Einigungsvertrag sind nämlich Gelände, die wie der Platz vor dem Rathaus oder das Marx-Engels-Forum öffentlich und grundstücksübergreifend genutzt werden, von der Rückgabe ausgenommen. Berlin als Stadt, die Berliner als Bürger profitieren so bis heute von den Enteignungen der Nazi-Zeit.Das Projekt von Kulturstaatssekretär Andre Schmitz, mit dem Bildhauer Micha Ullmann ein Denkmal für das Haus Spandauer Straße 68 zu errichten, erscheint da nur wie ein hilfloser Entschuldigungsversuch. Hier wohnte einst der Philosoph und Aufklärer Moses Mendelsohn. Benedikt Goebel fordert, präzis zu sein: "Das Haus stand auf der heutigen Straße. Wenn man sich erinnern will, dann muss das auch am originalen Ort geschehen, dann muss die Parzellengröße, die Hausbreite deutlich werden." All dies sei Teil der Identität Berlins. Für ihn ist nur eine Schlussfolgerung möglich: "Man darf nie wieder eine ganze Schicht der Stadtgeschichte einfach auslöschen." Und dazu gehört eben nicht nur die Erinnerung an die Stadt des 19. Jahrhunderts, sondern auch an die DDR-Stadt zwischen Alexanderplatz und Spree. "Jede Zerstörung gebiert neue Zerstörungen", sagt Goebel. Diesen Kreislauf Berlins gelte es zu durchbrechen.Aber tut denn das umstrittene Planwerk Innenstadt des ehemaligen Baudirektors Hans Stimmann nicht genau dies? Nimmt es nicht den alten Stadtgrundriss wieder auf? Rekonstruiert es nicht die verlorene bürgerliche Stadt?Goebel ist Stimmanns Planung zu abstrakt. Da werde nur auf den ersten Blick der alte Stadtgrundriss neu interpretiert: "Sehen Sie sich die Planungen für den Molkenmarkt an. Kaum eine Linie, die historisch schon war, und darüber wird ein abstraktes, gleichmäßiges Raster von Grundstücksgrenzen gelegt." Das sei beliebig. Und wenn dann noch mit den üblichen Berliner Architekten aus dem weiteren Umkreis Stimmanns gebaut werde, so Goebel, komme eben wieder eine Anlage wie das Dom-Aquaree heraus. Da sei auch irgendwie der Grundriss der alten Stadt beschworen worden, aber eben nur irgendwie und nicht konkret.Goebel sieht als Vorbild das alte Rom mit seinen schier unendlich vielen, gleich den Texten auf einer alten, immer wieder abgeschabten Pergamenthandschrift übereinander liegenden Geschichtsebenen: "Da nehmen noch die Häuser des 19. Jahrhunderts die Grenzen der mittelalterlichen Häuser auf, die in ihrer Form bestimmt wurden durch die antiken Theater, auf denen sie gebaut wurden." Rom mit seiner ununterbrochenen, die Jahrhunderte und inzwischen Jahrtausende übergreifenden Beschwörung der eigenen Geschichte als Vorbild für jenes Berlin, das seine Geschichte auch ohne Not mit Inbrunst immer wieder zerstört hat? Eine Utopie, die spätestens an der von Stimmann geprägten Berliner Bauverwaltung zerschellen muss, die vor allem auf einfache, standardisierbare Regeln achtet, denen jedes städtebauliche Problem, vor allem aber auch jede Architektur Berlins unterworfen werden kann.Aber was macht man dann mit dem Marx-Engels-Forum und dem namenlosen Gelände vor dem Roten Rathaus? Die Unzufriedenheit ist allgemein, selbst der einstige Kultursenator Thomas Flierl von der Linkspartei kritisiert die Freifläche, denkt über Bebauungen wenigstens an ihrem Rand nach. Seit der Palast der Republik weg ist, erscheint die ganze große, seit den 60er-Jahren entstandene städtebauliche Konzeption zwischen Alexanderplatz und Spree mit den Wohnhochhäusern, der schmählich im Erdboden eingesenkten Marienkirche, den Brunnenanlagen und eben dem Denkmalpark regelrecht ihres ästhetischen Rückgrats beraubt.Das Humboldt-Forum mit den Schlossfassaden wird diese städtebauliche Funktion nicht übernehmen können. Es ist nach den Planungen von Franco Stella viel schmaler als der einst breit an der Spree gelagerte Palast, zumal der Apothekenflügel des Schlosses nicht rekonstruiert werden soll. Immerhin: Der Platz vor dem Rathaus funktioniert wenigstens im Sommer, da freuen sich die Leute auf den Wasserterrassen der Fernsehturmpavillons und am Gesprudel des Neptun-Brunnens. Auf den Bänken des Marx-Engels-Forums aber sitzt kaum jemand, man eilt nur unter den lichten Bäumen von der Nord- zur Südseite der Riesenfläche, die einst Altstadt war. Nicht einmal Huren oder Drogenhändler, die doch sonst zentral gelegene, mit Rückzugsgelegenheiten ausgestattete Gelände gerne für ihre Zwecke erobern - siehe Monbijou- oder Weinbergspark - haben diese Anlage für sich entdeckt. Das Marx-Engels-Forum ist als Parkanlage, man kann es nicht anders sagen, gescheitert.Klaus Wowereit sprach im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses dennoch von einer möglichen "Rekonstruktion" der Berliner Altstadt. Aber was könnten die Vorbilder sein? Egal, wie man zu dem Neubau des Dresdner Neumarkts steht, ob man sie als gelungene Wiedergewinnung alter städtebaulicher Bilder oder als blanke, die realen Nutzungen und Wirtschaftsverhältnisse nur kaschierenden Kitsch betrachtet: Berlin war nie so schön wie Dresden. Hier gab es keine solch theatralischen Stadtinszenierungen, die es wert wären, wieder hergestellt zu werden. Auch das Beispiel Warschaus verfehlt sein Ziel. Dessen Altstadt entstand als Nationaldenkmal wortwörtlich auf den Fundamenten der alten, von den Deutschen barbarisch zerstörten Altstadt neu. Selbst der leidenschaftlichste Berliner wird Berlins Altstadt nicht als Nationaldenkmal verteidigen. Und ein simpler Wiederaufbau auf den alten Stadtkanten würde genau den Fehler wieder machen, der Berlins Stadtgeschichte seit zweihundert Jahren prägt: Die Zerstörung der Vorgängerstadt mit der unbedingten Selbstgewissheit, nun endlich den Stein der Weisen erfinden zu können.Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sieht die Sache eher nüchtern: "Selbstverständlich gibt es Diskussionsbedarf, und gerade über die Zukunft der Mitte Berlins sollte man immer streiten. Aber ich bin der Meinung, verbindliche Planungen sollte man erst machen, wenn es eine gewisse Chance auf Realisierung gibt." Nach den aktuellen Planungen würde das gesamte Gelände bis 2017 für den U-Bahnbau beeinträchtigt werden. Zurzeit, so Lüscher, entwickeln Landschafts- und Lichtplaner Ideen, wie man die übrigen Flächen gut nutzen kann. Die Aufstellung eines Bebauungsplans dauere drei, vier Jahre. Wer also um 2012 politische Richtungsentscheidungen fällt, hat immer noch viel Planungszeit: "Um diese Entscheidung und darauffolgende städtebauliche Verfahren vorzubereiten, werden wir anhand von Analysen und Vergleichen mit anderen europäischen und außereuropäischen Plätzen die Diskussion über diesen Ort ebenso selbstverständlich fortführen."Genau diese sehr schweizerische Nüchternheit hat der Ex-Züricherin im utopieverliebten Berlin wieder einmal heftige Kritik eingebracht. Dabei hat sie ja recht mit dem Hinweis auf den politischen Auftrag des Koalitionsvertrages, in dem das Gelände als Freifläche definiert ist, und auch mit ihrem Hinweis darauf, dass man nicht nur das heutige Marx-Engels-Forum alleine betrachten kann. Und sinnvoll wird eine Planung für die einstige Altstadt Berlins wirklich nur, wenn sie ihre gesamte Fläche beachtet, von der Jannowitzbrücke über den Molkenmarkt, bis zu den chaotisch bebauten Regionen hinter dem Riegel an der Nordseite der Karl-Liebknecht-Straße.Immerhin schälen sich einige Eckmarken für die künftige Planung heraus: Wer das Stadtzentrum wieder gewinnen will, darf die DDR-Planung nicht ignorieren und sollte doch auch an deren reale Vorgeschichte erinnern. Schon aus stadtökonomischen und sozialen Gründen sollte Berlin nicht noch einmal den Fehler machen, wie am Potsdamer Platz, an der Friedrichstraße oder am Dom-Aquaree einige Großinvestoren bauen zu lassen, die einheitlich planen und im Zweifelsfall ihre kommerziellen Interessen gegen die der Stadt durchsetzen. Und das vordringliche Interesse der Stadt ist, die Altstadt wieder zu bevölkern. Die letzten Wohnungsneubauten, die Menschen im Stadtzentrum Berlins ansiedelten, entstanden zu DDR-Zeiten mit den gewaltigen (und bis heute gerne bewohnten) Riegeln an der Rathaus-, der Spandauer und an der Karl-Liebknecht-Straße, dem Nikolaiviertel.Jeder, der über eine Belebung des Stadtzentrums nachdenkt, muss vor allem über ein Thema nachdenken: Wohnungsbau. Und zwar nicht für ein paar Gutverdienende, wie er auf dem Friedrichswerder mit den bunten Townhäusern entstand, sondern Massenwohnungsbau, der erschwinglich ist wenigstens für Familien der Mittelklasse. Aber kann man dazu einen alten Parzellenplan einfach so wiederbeleben, oder sollte man nicht doch ganz von vorne beginnen? Auch deswegen ist die Neuplanung dieses Geländes so schwierig. Hier könnten handfeste soziale und wirtschaftliche Verteilungskonflikte aufbrechen, die halbwegs ihrer Sinne mächtige Politiker lieber nicht provozieren. Kaum verwunderlich, dass sie die geplante Teilbebauung des Marx-Engels-Forums aus dem Stimmannschen Planwerk Innenstadt systematisch strichen.Und schließlich: Neubauten, wie sie an der Ecke Unter den Linden oder jetzt südlich des Hackeschen Markts entstanden sind, würden die Altstadt Berlins stilistisch nicht anders aussehen lassen als die Fußgängerzonen irgendwo. Anders ausgedrückt: Wer auf die in den vergangenen 15 Jahren Stimmannscher Herrschaft in Berlin entstandenen Architektennetzwerke setzt, um diese Quartiere neu zu gestalten, wird der Stadt einen Tort antun, von dem sie sich auf Generationen nicht erholen kann.Das kann Berlin sich nicht leisten, nicht kulturell, aber auch nicht ökonomisch. Denn die Debatte um die Neubebauung oder Rekonstruktion der einstigen Berliner Altstadt enthüllt den großen inneren Widerspruch Berlins: Die Stadt sehnt sich einerseits danach, historisch so reputierlich zu sein wie Lübeck, Köln, Dresden oder München. Sie will Würde auch aus ihrer Geschichte ziehen, und zur Geschichte einer Stadt gehört im europäischen Verständnis eine Altstadt, die als solche erkennbar ist. Deswegen wurden in den 80er-Jahren das Nikolaiviertel in Ost-Berlin und die Spandauer Altstadt in West-Berlin zu so großen Publikumserfolgen, zu Ankern einer verunsicherten urbanen Identität.Auf der anderen Seite ist Berlin aber, und dieser Widerspruch ist kaum aufzulösen, erst groß geworden dadurch, dass es sich immer wieder seiner Geschichte entledigt hat. Gerade die von Historikern wie Benedikt Goebel oder Stadtpolitikern wie Andre Schmitz und Klaus Wowereit beklagte Lust am Vergessen und Neuanfangen ist ein tief in der DNA dieser Stadt verankertes Identitätsmerkmal. Diese Lust erst unterscheidet Berlin von Paris, London, Amsterdam oder selbst Moskau. Sie ist es, die Berlin so amerikanisch erscheinen lässt - und damit attraktiv macht für alle diejenigen, die eben nicht zurücksehen, die das Neue wagen wollen.Die Frage ist also: Braucht Berlin überhaupt eine Altstadt?------------------------------Foto (2) :Das Marx-Engels-Forum nach Entwürfen desBildhauers Ludwig Engelhardt wurde 1986 eingeweiht. Engels steht stramm, Marx sitzt steif.Luftaufnahme von 1920: Nördlich des Schlosses liegt die eng bebaute Innenstadt, mitten darin das Rote Rathaus und die Marienkirche.