Auf dem 18. Film des mikroverfilmten Nachlasses von Herbert Herzog ist ein Dokument zu sehen, das amerikanischer Herkunft ist und von einem "Thoms" im Auftrag des "Office of Military Government for Germany, United States" (Omgus) erarbeitet worden war. "Goldankauf ­ Diverse Barren" steht auf dem Deckblatt. Auf Seite 30 findet man folgende Eintragung: 20. Mai 1943: neun Barren; Source: Melmer; 22. Mai 1943: neun Barren: Destination: Deutsche Bank. Neun Goldbarren waren also aus der Quelle "Melmer" am 20. Mai 1943 in die Reichsbank geliefert und zwei Tage später zur Deutschen Bank weitergeleitet worden.Am 20. Juni 1943 gingen vier Barren von "Melmer" an die Reichsbank; am 8. Juli desselben Jahres wurden sie nach Rom verbracht. Am 22. August 1943 folgen die nächsten sechs "Melmer"-Barren, von denen vier an die Dresdner Bank nach Berlin gingen, der Rest kam in zwei Einzeltransporten zur Deutschen Bank. Diese Liste läßt sich fortsetzen. Unter dem Datum 5. Januar 1945 sind die letzten beiden "Melmer"-Goldankäufe der Reichsbank eingetragen. Je ein Barren wurde an die Reichsbank geliefert. Auschwitz und LublinHinter "Melmer" verbirgt sich eines der schaurigsten Kapitel der NS-Zeit. Unter diesem Namen wurde das von der SS in den Konzentrationslagern und Gettos geraubte Gold an die Reichsbank geliefert. Eine entsprechende Zuteilungsanweisung für Auschwitz und Lublin hatte SS-Brigadeführer August Frank, der Leiter des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes A (WVHA-A), im September 1942 erlassen: "Devisen, seltene Metalle, Juwelen, Edel- und Halbedelsteine, Perlen, Zahngold und Goldabfall sollten beim WVHA zur Weiterleitung an die Reichsbank abgeliefert werden" (der Historiker des Holocaust, Raul Hilberg)."Melmer" existierte leibhaftig. Hauptsturmführer Bruno Melmer war im WVHA tätig. Hilberg schreibt über ihn: "Die Lieferungen wurden vom Leiter des WVHA, A-II (Finanzen und Soldzahlungen), Hauptsturmführer Melmer, durchgeführt. Es wurden alles in allem sechsundsiebzig oder siebenundsiebzig Sendungen, je ein Lastwagen voll." Hilberg bezog diese Informationen aus einer Zeugenaussage (und einer zweiten Erklärung) des Reichsbankrates Albert Thoms im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß. Thoms leitete von 1922 bis 1945 die Goldabteilung der Reichsbank.Er wurde 1945 im Bergwerk Merkers von den Amerikanern festgenommen, wo diese 220 Tonnen Gold fanden. Thoms half ihnen sofort, noch weitere Goldbestände in Reichsbankfilialen sicherzustellen, bevor diese ausgeraubt und versteckt werden konnten. Bald danach wurde er Zivilangestellter der US-Army und half deren Finance-Devision bis 1948, sich einen Überblick über Herkunft und Eigentumsverhältnisse des von ihr eroberten Reichsbankgoldes zu gewinnen und Analysen anzufertigen.Das sogenannte "Melmer"-Gold lieferte immer wieder Anlaß zu Spekulationen. Der in London lebende Journalist Tom Bower schreibt etwa in seinem 1997 erschienenen Buch "Das Gold der Juden", die "in Beuteln angelieferten Zahnfüllungen und Ringe waren in Barren umgeschmolzen, mit falschen Stempeln versehen und in die Schweiz verkauft worden". Der Schweizer Autor Jean Ziegler behauptet in seinem Bestseller "Die Schweiz, das Gold und die Toten" ähnliches: "Diese Barren wurden in großer Zahl in die Schweiz verfrachtet, von der Schweizerischen Nationalbank quittiert, von Schweizer Privatbanken gelagert und auf dem Weltmarkt gegen Devisen verkauft."In dieser einen von Thoms erarbeiteten Aufstellung taucht die Schweiz allerdings nicht als Destination auf. Daß nicht, wie bisher spekuliert, hauptsächlich Schweizer, sondern deutsche Privatbanken Hauptabnehmer des KZ-Goldes gewesen sind, geht auch aus einer Untersuchung hervor, die der deutsche Soziologe und Historiker Hersch Fischler erst vor wenigen Wochen für die "Unabhängige Kommission ­ Schweiz, 2. Weltkrieg" abgeschlossen hat.Danach wurden mit Sicherheit­ 55 "Melmer"-Goldbarren an die Deutsche Bank (638,4 kg);­ 23 "Melmer"-Barren an die Dresdner Bank (261,6 kg);­ 17 "Melmer"-Barren nach Rom (211,6 kg; "Consorzio Italiano Exportazione Aeronautiche"), aber nur­ 3 "Melmer"-Barren (37,5 kg) an die Schweizer Nationalbank, Bern, geliefert.­ 6 Barren (59,8 kg) gingen an die Preußische Münze, ein Barren an das Asservat "Devisenreserve", drei "Melmer"-Barren blieben in der Reichsbank, neun Lieferungen konnten nicht entziffert werden.Die Lieferung der drei Barren an die Schweizer Nationalbank (die übrigens auch Herzog in seinen Dokumentationen festhielt), bedeutet aber nicht unbedingt zwangsweise, daß sie an diese auch verkauft wurden: "Die Bücher der Goldabteilung geben nur Depotstellen an, in welche die Barren gegangen sind" (Fischler).Die politische Bedeutung dieser Analyse ist beträchtlich. Zum einen steht nun fest, daß in der Schweiz von den Nazis Totengold ­ wenn auch nur in geringen Mengen ­ gela gert wurde. Zum anderen aber war die Zielrichtung der hauptsächlich anhand der Schweizer Verfehlungen geführten Debatte der vergangenen zwei Jahre falsch. Die "Melmer"-Bestände befanden sich zum Hauptteil in Deutschland, aber auch in Italien.Die US-Behörden wußten dies seit den ersten Nachkriegsjahren. Darüber hinaus kann nachgewiesen werden, daß wesentliche Teile der "Melmer"-Bestände von den USA offenbar nicht an die Erben der KZ-Opfer übergeben worden sind. Einzig der Erlös aus dem von den Nazis geraubten Zahn- und Bruchgold im Wert von 750 000 Dollar wurde an die "International Refugee Organisation" hauptsächlich zugunsten jüdischer Opfer weitergeleitet.Anhand der Omgus-Unterlagen und zweier mikroverfilmter Barrenbücher der Goldabteilung der Reichsbank konnte Fischler bei insgesamt 117 Barren mit einem Gewicht von 1,3 Tonnen die "Melmer"-Herkunft nachweisen. Fischler: Soweit es um Barren gegangen sei, hätten die Ablieferungen hauptsächlich güldische Barren (Gold mit höheren Anteilen anderer Metalle), Goldmünzen, Bruchgold, Zahngold und Gebrauchsgegenstände aus Gold und Schmuck enthalten.Die Reichsbank handelte mit Gold nur in Form standardisierter Barren und Goldmünzen. Entsprechend wurden die Goldmünzen von der Reichsbank direkt angekauft. Die von "Melmer" angelieferten Barren ließ die Reichsbank zu Barren mit höherwertigem Goldwert raffinieren. "Sonderbar ist, daß die daraus resultierenden Barren", so Fischler, nicht in die im internationalen Handel zwischen Nationalbanken akzeptierte Form gebracht wurden." Bruchgold und Gebrauchsgegenstände aus Gold und Schmuck übergab die Reichsbank der Zentralstelle bei der Städtischen Pfandleihe in Berlin. Diese ließ das meiste davon einschmelzen und als unter "Verschieden" registrierte Barren an die Reichsbank liefern.In den letzten beiden Kriegsjahren, 1944 und 1945, kamen Verwertung und Abrechnung der SS-Lieferungen ins Stocken. Als die Amerikaner Merkers eroberten, fanden sie 207 von Bruno Melmer gelieferte Behälter mit 18 Barren, Zahngold, Gold- und Silbergegenständen unbearbeitet vor.Fischler: "Es ist anzunehmen, daß die zirka 670 kg Münzen bei der Reichsbank verblieben, von den USA in Merkers erobert und von den Alliierten für den Goldpot der Tripartite Gold Commission verwendet wurden." 6 427 Goldmünzen seien in jedem Fall in den Goldpool gekommen, der später auf die Staats- und Nationalbanken jener Länder aufgeteilt wurde, deren Goldbestände von den Nazis nach Deutschland verschleppt worden waren. Das waren jene Münzen, die die US-Armee 1945 in Merkers gefunden hatten. Für Fischler war der Versuch, Umfang und Verbleib des "Melmer"-Goldes festzustellen, mühevoll. Die Sowjets hatten 1945 in Berlin die Akten der Goldunterabteilung der Devisenabteilung der Reichsbank erobert. Darin waren die letzten Käufer und Zahlungsmodalitäten festgehalten worden. Die russische Regierung hat bisher jede Einsichtnahme in die Akten verweigert.Verschwundene OrdnerDie US-Army wiederum hatte in Merkers und Magdeburg die Bücher der Goldabteilung und weitere wesentliche Dokumente beschlagnahmt. Das Finance Department der US-Army ­ Omgus ­ wertete "Melmer"-Lieferungen und -Abrechnungen aus und verfolgte anhand der Bücher der Goldabteilung den Weg der in die Reichsbank gelangten Goldbarren und -münzen.Die Originalbücher der Goldabteilung der Reichsbank sowie die Originale der in 26 Ordnern gesammelten "Melmer"-Abrechnungen wurden 1948 an die Bank deutscher Länder übergeben. Als Fischler im vergangenen Frühjahr für seine Recherche die Originale der Reichsbankbücher und Melmer-Abrechnungen im historischen Archiv der Bundesbank einsehen wollte, stellte er fest, daß "von den 26 Ordnern mit Melmer-Abrechnungen nichts mehr vorhanden ist. Von den Büchern der Reichsbank-Goldabteilung gibt es auch nur noch acht Bücher, die zumeist Vorgänge vor dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren."Immerhin, so Fischler, führte seine Nachfrage zu einer wesentlichen Entdeckung: Die USA hatten die Reichsbank-Akten vor deren Rückgabe 1948 verfilmt. Die Mikrofilme wurden in der US-"Treasury" in Washington gefunden. Die Bundesbank erhielt umgehend eine Kopie dieses Satzes. Allerdings fehlen zwei Bestände in den von den US-Behörden mikroverfilmten Akten: das Buch über die Goldabgaben der Reichsbank an private Personen ­ und ausgerechnet jene 26 Ordner, die die "Melmer"-Abrechnungen enthalten. Dennoch konnte Fischler seine Untersuchungen so weit durchführen, daß nun erstmals präzise Berechnungen über den Umfang der KZ-Goldlieferungen unter dem Tarnnamen "Melmer" vorliegen. Der für die Recherchen Herbert Herzogs mikroverfilmte Thoms-Bericht bestätigt Fischler Analysen.Herzogs Dokumentation war aber noch in anderer Hinsicht für den deutschen Soziologen bedeutsam: Herzog sei dahintergekommen, daß die USA die "Melmer"-Bestände in Form von Barren und Münzen widerrechtlich der von der Tripartite Gold Commission an die europäischen Staats- und Nationalbanken verteilten Goldmasse einverleibt haben.Recherche: Gabriele Anderl. Ende der Serie