Am Anfang stand ein Fußballfan, der beruflich Internetberatung betrieb. Internet und Fußball, dachte sich Matthias Seidel, das könne er auch zusammenbringen. So gründete der Werder-Bremen-Anhänger im Mai 2000 Transfermarkt.de. Dort stellte er ein paar Agenturmeldungen zusammen - und eröffnete eine Gerüchteküche sowie eine Diskussionsrunde. Zunächst tauschten sich auf beiden Foren nur ein paar Fußballverrückte aus, die irgendwie auf die Seite aufmerksam geworden waren. Werbung, sagt Seidel, habe er gar keine gemacht. Überhaupt: "Transfermarkt.de hatte nie einen konkreten Business-Plan." Dafür aber viel Mundpropaganda. Der Kreis derer, die Gerüchte besprechen wollten, wuchs rasant. Ein Übriges zur Popularisierung tat die Datenbank, die Seidel einrichtete. In der wird erfasst, was sich über Fußballer, Trainer, Schiedsrichter erfassen lässt: Leistungsbilanzen, Karrierestationen, Verletzungen und, weil es ja auch um Transfers geht, Informationen zu Marktwert und Beratern der Spieler. Das Portal ist das Paradies für jeden durchschnittlich manisch von seiner Leidenschaft infizierten Fußballfan, eine Art virtueller Kneipentresen: Mit Zugriff auf Daten und Statistiken und Listen in ständig wachsender Zahl darf gefachsimpelt werden, was das Zeug hält.Im August dieses Jahres zählte Transfermarkt.de laut Erhebungen der IVW, die neben Zeitungsauflagen auch die Reichweite von Onlinemedien misst, 14 Millionen Besucher und 168 Millionen Seitenaufrufe. Es ist damit nicht das größte Fußballportal im Lande, aber es spielt in der Liga von Kicker online, Sport1 und dem Fußballangebot des Online-Riesen Bild.de. Längst ist für Seidel aus dem Hobby Beruf geworden, er beschäftigt eine Handvoll Mitarbeiter.Dem Eigner von Bild und Sportbild, dem Springer-Verlag, ist die Erfolgsgeschichte der kleinen Firma aus Hamburg nicht entgangen. Und weil das Unternehmen in seiner Online-Strategie gerade die Schwerpunkte Spiele, Sport und Regionales setzt, hat es sich jetzt bei Transfermarkt.de eingekauft. Genauer gesagt mit 51 Prozent die Mehrheit übernommen. Der Konzern schweigt über den Kaufpreis, widerspricht allerdings dem kolportierten einstelligen Millionenbetrag nicht. Beide Seiten betonen, Seidel behalte die redaktionelle Kontrolle. "Die Eigenständigkeit bleibt," sagt Christian Garrels, Springers Unternehmenssprecher für Digitale Medien, "es wäre fatal, da mit Konzernstrukturen reinzugehen, der Spirit der Community wäre weg."Denn was der Großverlag gekauft hat, ist eine inzwischen auf zigtausende Spieler angewachsene Datenbank - und der Zugang zu einer aktiven Gemeinde. Die produziert ihr Wissen in einem ausgeklügelten System. Nicht jeder darf einfach schreiben, was ihm gerade einfällt. Auch ein Gerücht muss eine Quelle haben, ein Neuling darf gar keine Gerüchte verbreiten. Mit der Zeit kann man aufsteigen, bekommt zum Beispiel den Experten-Status und besondere Rechte. Diese Regeln scheinen die Qualität und die Attraktivität des Angebots zu fördern. Kein anderes der großen Fußball-Portale kommt annähernd an den Anteil von "user generated content", also dem von den Nutzern eingestellten Inhalt, heran, den Transfermarkt.de erreicht.Jüngst ging es unter den Nutzern auch um die eigene Sache. Die Übernahme durch einen Konzern ist schließlich keine Kleinigkeit. Also eröffnete Mitte September eine Diskussionsrunde, um Vor- und Nachteile des Springer-Einstiegs zu erörtern. Der Tenor lässt sich mit verhaltener Skepsis beschreiben, gepaart mit Vorfreude auf neue Möglichkeiten.Bei Springer spricht man etwas vage von Synergien zwischen Transfermarkt.de und bereits bestehenden Websites. Seidel betont die technischen Verbesserungen, die der neue Partner ermöglicht. Transfermarkt.de hat eine Neigung abzustürzen, das soll ein Ende haben. Inhaltlich will Seidel derzeit "am Konzept nicht mehr viel verändern". Sein Fokus liegt auf dem internationalen Markt. Eine österreichische und eine Schweizer Version des Portals gibt es bereits, England soll folgen. Zudem will Seidel ins Printgeschäft und Sonderhefte auf den Markt bringen. Die Verwirklichung dieses Traums wäre ohne großen Verlag im Hintergrund kaum möglich. Vielleicht hat Springer-Sprecher Garrels also recht, wenn er sagt, die Kooperation sei "eine schöne Win-Win-Situation". Falls nicht, kann auf Transfermarkt.de immer noch eine neue Diskussionsrunde in eigener Sache eröffnet werden.------------------------------Nicht jeder darf einfach schreiben, was ihm gerade einfällt. Auch ein Gerücht muss eine Quelle haben, ein Neuling darf gar keine Gerüchte verbreiten.------------------------------Foto: Nur nicht drängeln: Transfermarkt.de bietet die größte Spielerdatenbank im deutschen Internet.