Vor 20 Jahren hat er sein Amt als Theaterintendant niedergelegt. Seine größte Zeit - es war wohl auch die größte Zeit des westdeutschen Theaters überhaupt - liegt nun schon 40 Jahre zurück. Am Dienstag ist der Theaterermöglicher Kurt Hübner 90-jährig gestorben.In den 60er-Jahren leitete er das Theater in Bremen. Da keimten in derselben Saatschale solche Regiemammutbäume wie Peter Zadek, Peter Stein, Klaus Michael Grüber und Rainer Werner Fassbinder; es spielten die späteren Stars Bruno Ganz, Vadim Glowna, Jutta Lampe, Edith Clever, Traugott Buhre oder Hannelore Hoger. Die Theaterkritik reiste an und verbreitete - weil sie so schnell keine Begriffe für diese neue Art Theater fand - raunend das Diktum vom "Bremer Stil".Kurt Hübner selbst hat es später treffender die "Bremer Stillosigkeit" genannt. Denn das entscheidende dieser Theaterzeit war ihr experimentierfreudig-revolutionärer Ansatz. Und Revolution hat nun einmal weniger mit Stil zu tun als mit dessen Abschaffung. Dazu kam, dass Zadek, Stein, Fassbinder und Grüber, aber auch der Bühnenbildner Wilfried Minks und Jürgen Rose Künstlerpersönlichkeiten waren, die - kaum entdeckt - schon auf der Suche nach der eigenen Ausdruckskraft waren und dabei sehr unterschiedliche Wege gingen. Manche brauchten ziemlich bald ein eigenes Theater, um sich verwirklichen - Peter Stein bekam 1970 die Schaubühne in Berlin, Peter Zadek ging zwei Jahre später nach Bochum.Auch Kurt Hübner führte Regie, aber dafür allein würde er vielleicht nicht in die Theatergeschichte eingehen. Bruno Ganz war Anfang 20, als Hübner ihn auf Empfehlung von Zadek vom Krankenbett aus nach Bremen engagierte und kurz danach als Hamlet besetzte. Ganz schreibt in dem Erinnerungsbuch "Kurt Hübner. Von der Leidenschaft eines Theatermenschen", das der vor wenigen Tagen ebenfalls gestorbene Kulturmanager und Theaterexperte Dietmar N. Schmidt zum 90. Geburtstag von Hübner herausbrachte: "Ich war noch nicht sehr weit, es war gerade, als das Fleisch anfing zu schmelzen." Das "allzu feste Fleisch", wie es bei Hamlet heißt. Ganz beschreibt Hübners Inszenierungsmethode, die nicht unbedingt geeignet scheint, einen jungen Schauspieler für seine Figur und eine Bühnensituation zu öffnen: Hübner soll während der Vorstellung im ersten Rang hinter Glas mit zwei Lichtern hantiert haben. "Ein grünes, das heißt: Ja, mach mal weiter, und ein rotes, das bedeutet: Das ist ziemlich katastrophal."Bruno Ganz' Hamlet fand Hübner wohl zumindest zwischendurch rotlichtwürdig, wie ein Brief an den Schauspieler verrät: "Lieber Ganz, Ihr Hamlet vom Montag hat mit Shakespeares Hamlet nicht das Geringste zu tun. Auf der Bühne zeigte sich ein leerer, strohdreschender, engagementloser, humorloser, sentimentaler Hohlkopf." So schlimm kann es dann aber doch nicht gewesen sein, denn ein Jahr später setzte Hübner Ganz schon der nächsten Herausforderung aus und ließ ihn Macbeth spielen.Gut zehn Jahre blieb Hübner in Bremen, und er nutzte die Zeit, um die Bürger, aber vor allem die um ihre Bürger besorgte Politik, namentlich den Kulturbeauftragten Moritz Thape, zu beunruhigen. Es grenzte an ein kleines Wunder, dass Kurt Hübners bis 1970 laufender Vertrag um drei Jahre verlängert wurde. Doch offenbar wussten die Stadtväter nicht, was für einen Glücksgriff sie mit dem Ensemblevater getan hatten. Das Klima kühlte sich weiter ab, so sehr, dass auch das Publikum Hübner nicht zu einer weiteren Vertragsverlängerung veranlassen konnte. Auch über 7 000 Unterschriften hielten ihn nicht in Bremen; mit der Spielzeit 1973/1974 ging er als Intendant an die Freie Volksbühne in Berlin. Was kein sehr glücklicher Schritt war.Der Etat in Berlin reichte für einen Repertoirebetrieb der Freien Volksbühne nicht aus. Gerade in der Ensemblearbeit aber bestand die Qualität von Hübner, der Talente nicht nur entdeckte, sondern, wie Zadek einmal sagte, "erfand". Für die Förderung von Talenten aber ist in einem Gastspielbetrieb kein Raum. Der Ensemblevater, der mit manchmal wohl auch streitlustiger Autorität für die Familie sorgte, war zum Theaterveranstalter geworden. Hübner vermochte jedoch einige seiner Bremer Leute für Gastinszenierungen nach Berlin zu holen, und es gelangen ihm noch so einige Paukenschläge wie Grübers Faust-Inszenierung mit Bernhard Minetti oder die von Thomas Schulte-Michels inszenierte Auschwitz-Revue nach Peter Weiss' "Die Ermittlung".1986, mit knapp 70 Jahren, verabschiedete sich der Intendant Kurt Hübner vom Theater, er arbeitete von nun an frei als Regisseur und trat ab und zu als Schauspieler auf. Für seinen Nachfolger, den jungen Regisseur Hans Neuenfels, hatte der Senat dann doch das für den Ensemblebetrieb nötige Geld, aber auch das ist ja schon eine Weile wieder Geschichte.------------------------------Foto: Er entdeckte Talente nicht nur, sondern erfand sie - hat Peter Zadek einmal über Kurt Hübner gesagt, der hier auf einer Fotografie von 1981 zu sehen ist.