Der Kommunismus ist eine sehr bequeme Religion für Intellektuelle", resümiert, sinniert, reflektiert in seiner uckermärkischen Zurückgezogenheit der Landarbeiter, Traktorist, Philosophiestudent, Zeitschriftenredakteur, Chefdramaturg, Hochschullehrer, Schauspieler, Regisseur und Direktor des Berliner Ensembles, Fritz Marquardt. Marquardt, der heute 75 Jahre alt wird, kommt in dem Dokumentarfilm "Uckermark" von Volker Koepp zu Wort. Ein Gespräch mit dem ebenfalls porträtierten, älteren Herrn von Arnim, der wieder hier lebt, ganz in der Nähe von Marquardts Haus wohnt, ist schwer vorstellbar. Was hätten sich ein Neubauer, der ein theaterprägender DDR-Regisseur wurde, und ein Adeliger, der Künstler zur Unterhaltung braucht, mitzuteilen? Der Regisseur Fritz Marquardt kaut gern an jedem Wort, bis er spricht, kaut wie die beiden LPG-Bauern in Koepps Film, die stockend erzählen von Enteignung, Kollektivierung, Rückgabe. "Die Geschichte präsentiert sich mal als Komödie, mal als Tragödie, dann wieder als Tragikomödie", sagt Marquardt.Fritz Marquardts Inszenierungen hatten - er hat sich von der Bühne zurückzogen - stets inhaltlichen Belang. Die Szenen waren pointiert gearbeitet, die Mittel oft clownesk. Um die Wirklichkeit ging es, die Kunst sollte verändern. Marquardt war ein kongenialer Inszenator von Heiner Müllers Stücken. 1971 brachte er in der Volksbühne "Weiberkomödie" und 1975 "Die Bauern" heraus. 1989 inszenierte er, unter Manfred Wekwerths Intendanz, die Uraufführung von "Germania Tod in Berlin", bevor er dann gut zwei Jahre später altersgerecht Mitglied der glücklosen "Fünferbande" des Berliner Ensembles wurde. Marquardts wichtigste Inszenierung war seine mutigste. Sie fand 1980 in der Volksbühne statt, als Müllers Stück "Der Bau" schon fünfzehn Jahre alt war. Die "Partei" hatte von der Aufführung "abgeraten", der neue Intendant Rödel bewies Stehvermögen. Heiner Müller schreibt in seinen Memoiren darüber: "Von Marquardt haben sie Streichungen verlangt, zum Beispiel der Satz des Arbeiters Barka zum Bezirksfunktionär, der nach dem 13. August auf die Baustelle kommt. ,Hätt ich gewußt, daß ich mein eignes Gefängnis bau hier, jede Wand hätt ich mit Dynamit geladen. Marquardt hat sich geweigert, das zu streichen."Marquardt kannte seine Pappenheimer. Das Publikum verhielt sich bei der Premiere "klug", es hörte den Satz hellwach und schwieg dazu. Hätte es geklatscht, wäre die Aufführung verboten worden. Im Berliner Ensemble inszenierte er in den neunziger Jahren Barlachs "Der arme Vetter" und Georg Seidels "Villa Jugend", dann kam ihm der Widerstandsgeist abhanden. Der Stil blieb, die inhaltliche Wirkung verblasste. Unter Heiner Müllers Intendanz war Marquardt die gute Seele. Unter Suschkes Regie der "Bauern" stand er als Schauspieler wieder auf der Bühne. Nach dem Tod seines Freundes Heiner Müller meinte er, für kommende Zustände nicht zuständig zu sein.ULLSTEIN Landarbeiter und Theaterregisseur: Fritz Marquardt.