VENTIMIGLIA DI SICILIA, im Juli. Verdorrt liegen die steinigen Hügel Nordsiziliens unter der Mittagssonne. Die Gassen des Orts sind verwaist, nur ein paar Arbeiter zimmern schwitzend eine Tribüne zusammen. "Täglich Trinkwasser - gestern ein Traum, heute Wirklichkeit" steht auf dem Transparent hinter dem Rednerpult. Ventimiglia, 35 Kilometer vor den Toren Palermos gelegen, hat sich in eigener Initiative von einem sizilianischen Albtraum befreit. Das gilt es zu feiern.Feste dieser Art gibt es auf der Insel selten. Das erklärt, warum hochrangige Politiker unter den Gästen sind. Der Regionspräsident fährt im Audi vor, und aus Rom ist sogar ein wichtiger Senator gekommen. "Ich feiere lieber vorhandenes Wasser, als dass ich Sitzungen über fehlendes Wasser leite", scherzt Toto Cuffaro, der Präsident.Vor zwei Monaten erst hatten erboste Palermitaner die Straßen ihrer Stadt blockiert, weil die Wasserhähne wieder einmal trocken geblieben waren. In Ventimiglia ist man das gewöhnt. Alle sechs, manchmal alle zehn Tage kam für 20 Minuten etwas aus der Leitung. Der Vorrat in den blauen Plastiktonnen auf den Dächern musste dann reichen bis zum nächsten Mal.Es reicht nicht für alle"Con l acqua non si beve, pero si mangia", sagt ein sizilianisches Sprichwort. Frei übertragen heißt der Spruch: Wasser trinkt man nicht, man macht damit Geschäfte. Die örtlichen Geschäftspraktiken haben aber einen Nachteil: Der Konsument bekommt seine Ware nur verspätet, auf umständlichen Wegen und gegen viel Geld.Wer nach dem chronischen Wassermangel auf Sizilien fragt, hört immer die gleiche Antwort: "L acqua c e" - Wasser gibt es genug. Die Statistik bestätigt diese Behauptung, und trotzdem reicht es nicht für alle. Warum das so ist, erklärt ein knapp 30 Seiten starker Bericht, der im Frühjahr an die Regierung in Rom erging. Der Autor heißt Roberto Jucci und ist pensionierter General der Carabinieri. Pedantisch listet er auf, was alles in den 31 Staubecken Siziliens an Wasser Platz hätte und wie viel tatsächlich drin ist. Mehr als ein Drittel des Fassungsvermögens ist es selten. Und ein volles Becken bedeutet noch lange nicht, dass das Wasser die Bedürftigen erreicht. "Es gibt vier große Aquädukte", schreibt Jucci. "Sie alle müssten vollständig erneuert werden." Selbst wenn das Wasser in die Städte gelangt, versickert es dort. "Im Durchschnitt verschwinden 35 Prozent des Wassers auf diese Weise", sagt Franco Piro, Koordinator der Oppositionspartei Margherita in Sizilien. In manchen Städten ist es sogar die Hälfte, weil das Rohrnetz nie gewartet wird. Wer es richten wollte, müsste die Rohre erst einmal finden. "Eine Karte, die das Netz verzeichnet, gibt es im Regelfall nicht", schreibt General Jucci."Wasser ist ein Instrument der Macht und eine Einkunftsquelle für die Mafia", erläutert Franco Piro. 473 verschiedene Gesellschaften machen sich an der lebenswichtigen Ressource zu schaffen, stehen einander im Weg und behindern sachgerechtes Management. Mehrere Tausend Mitarbeiter leben davon, öffentliche Gelder anzuzapfen, ohne die Lage zu verbessern.Weil der Staat de facto unfähig ist, genügend Wasser zur Verfügung zu stellen, springen Private ein. Als Beispiel erzählt Piro vom Brunnen des Giovanni Brusca. Der Mann stammt aus der Mafia-Hochburg San Giuseppe Jato und sitzt lebenslänglich in Haft. Er hatte vor zehn Jahren den Richter Giovanni Falcone in die Luft gesprengt. In Bruscas Garten fanden die Carabinieri eine Quelle. 50 Liter sprudeln hier pro Sekunde aus der Erde. Seit Bruscas Verhaftung ist das Wasserproblem in San Giuseppe Jato gelöst.Giovanni Brusca ist kein Einzelfall. Wie viele private Brunnen es gibt, deren Besitzer öffentliches Gut zur Handelsware machen, verrät jedoch keine Statistik. Fest steht: Die Tankwagen, die der Autoverleih "Lo Piccolo" und andere im Branchenverzeichnis Palermos im Dutzend anbieten, sind sofort zur Stelle, wenn es gilt, den Ausfall des städtischen Netzes zu kompensieren. Woher das Wasser kommt und ob es überhaupt trinkbar ist, erfährt der Käufer nicht.Ventimiglia musste sich jahrzehntelang mit Tankwagen versorgen. "Wir gehen in Pension", steht nun auf dem Transparent, das der Bürgermeister auf die Tanker seiner Gemeinde binden ließ. Piero Longi gelang, was andere vor ihm nicht einmal versuchten. Er ließ in nur 55 Tagen einen dreizehn Kilometer langen Graben zum Nachbardorf schaufeln, ein Rohr hineinlegen und den "privaten" Brunnen dort anzapfen. "Das ist ein historischer Tag", schreit er nun ins Mikrofon.Eine Provinz, eine GesellschaftSein wichtigster Gast ist Toto Cuffaro, der Präsident der Region. Der populäre Mann, der Silvio Berlusconis Koalition in Sizilien eine erdrückende Mehrheit erkämpfte, preist Ventimiglia als "Modellfall für die Synergien zwischen öffentlich und privat". Auch die EAS - jene Gesellschaft also, die in Sizilien für das Wasserdebakel verantwortlich ist - werde nun teilprivatisiert, schwärmt Cuffaro, der auch als Kommissar für Wasserfragen fungiert. Bis zum Jahresende will er den Augiasstall der 473 Wassergesellschaften ausmisten. Jede Provinz soll nicht mehr als eine haben. Das wären acht Gesellschaften insgesamt und eine übergeordnete für die Region. So verlangt es das Gesetz längst.Desolate Leitungen, dunkle Kanäle // Der Mangel an Trinkwasser ist in Sizilien fast schon legendär. Nicht nur im Hochsommer bleiben in vielen Gemeinden die Wasserhähne trocken. Dabei wird die Insel von der Natur eigentlich ausreichend mit Wasser versorgt.Laut Statistik fallen auf Sizilien jährlich zwischen neun und 15 Milliarden Kubikmeter Regen. Der Bedarf der Inselbewohner liegt nur bei einem Bruchteil dieser Menge. Mit 700 Millionen Kubikmetern pro Jahr wären alle Einwohner versorgt.Die Ursachen für die Wasserknappheit liegen zum einen in dem desolaten Leitungssystem der Insel, das teilweise bis zur Hälfte des Wassers ins Erdreich versickern lässt. Zum anderen herrscht in Siziliens Behörden ein riesiger Kompetenz-Wirrwarr. 473 verschiedene Gesellschaften sind zur Zeit damit beauftragt, das Wasser gerecht zu verteilen. Sie blockieren sich jedoch zum größten Teil gegenseitig, nicht zuletzt, weil sich mit dem privaten Wasserverkauf gute Geschäfte machen lassen.Die Bewohner der Insel haben sich an das Dilemma beinahe gewöhnt. Nur selten kommt es wie gestern in Palermo zu Protesten und noch seltener zu gezielten Aktionen gegen die zwielichtigen Wassergeschäfte. Allerdings hat der Kommissar für Wasserangelegenheiten in der Region, Toto Cuffaro, jetzt angekündigt, bis zum Jahresende Ordnung zu schaffen.