BERLIN, 14. Dezember. Regen fällt auf das unscheinbare Fundament, das sich an der Ecke Schützenstraße/Jerusalemer Straße erstreckt. Aus dem grauen Beton ragen zwei Metallstäbe hervor. Hier stand bis vor wenigen Jahren das Denkmal für Reinhold Huhn, einem DDR-Gefreiten, der 1962 bei einem Grenzzwischenfall getötet wurde. Nur zwei rote Nelken und die Worte "Reinhold-Huhn-Denkmal", die auf den Boden gepinselt wurden, erinnern noch an die Vergangenheit.Die Geschehnisse jenes 18. Juni 1962, bei denen der 20jährige Huhn starb, werden seit gestern im Saal 820 des Berliner Landgerichts wieder aufgerollt. Vor den Richtern muß sich erstmals ein westdeutscher Fluchthelfer, der heute 67jährige Rudolf M., wegen Todesschüssen an der Grenze verantworten. Mord, heimtückisch begangen, wirft die Anklage ihm vor.Vor Gericht durchleuchtet wird ein Todesfall, der zehn Monate nach dem Mauerbau vom Westen wie vom Osten gleichermaßen propagandistisch ausgeschlachtet wurde. "Schießwütige Vopos töteten eigenen Grenzposten" lauteten damals die Schlagzeilen in den Westzeitungen. Das Zentralorgan der SED, das "Neue Deutschland", wiederum titelte: "Frontstadt-Banditen ermordeten Grenzsoldaten". Was war geschehen?Rudolf M., der heutige Angeklagte, lebte damals in Berlin-Kreuzberg, an der Nostitzstraße 42. Der einstige Wachtmeister aus Berlin-Weißensee hatte bewegte Jahre hinter sich. 1953 hatte er erstmals die DDR verlassen, war dann aber in seine Heimat zurückgekehrt. Wegen Verrats von Dienstgeheimnissen wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Heirat 1956 meldete sich M. zur Fremdenlegion, deren Dienst er alsbald quittierte. Der FluchttunnelAm 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, setzte er sich endgültig in den Westen ab. Frau und Söhne blieben in der DDR zurück. Seither war M. offenbar von dem Gedanken beseelt, seine Familie in den Westen zu holen. Ein Fluchttunnel schien ihm die Lösung. Im Mai 1962 begannen die Arbeiten. Ausgehend vom Gelände des Axel-Springer-Verlages an der Westberliner Kochstraße grub eine siebenköpfige Gruppe einen etwa 22 Meter langen Stollen unter der Mauer hindurch zum alleinstehenden Haus Zimmermannstraße 56. Nach derzeitigem Ermittlungsstand der Berliner Staatsanwaltschaft traf sich M. am frühen Abend des 18. Juni 1962 mit seiner Frau und seinen Söhnen in Ostberlin und brachte sie in den Grenzbereich, in dem an diesem Abend der Gefreite Huhn seinen Dienst versah. Der Grenzer forderte die Familie auf, die Ausweise zu zeigen. Rudolf M. griff in die linke Seitentasche seines Jacketts. Doch statt nach seinem Ausweis griff er der Anklage zufolge nach einer Pistole und schoß auf den 20jährigen Gefreiten. Als Huhn zu Boden stürzte, soll M. erneut einen Schuß abgegeben haben. Diesmal in den Rükken des Verletzten. M. und seiner Familie gelang die Flucht in den Westen eine Propaganda-Schlacht des Kalten Krieges begann. Im Westen wurde M. als unerschrockener Helfer gefeiert, der wagemutig DDR-Bürgern zur Flucht verhalf. Eine Pressekonferenz, die M. nur kurz nach der Aktion im Springer-Haus gab, nährte damals den Verdacht, daß Springer oder seine Mitarbeiter das Fluchtunternehmen unterstützt hatten, zumindest aber darüber informiert gewesen seien. Laut einem Spiegel-Artikel aus jener Zeit gab M. damals auf Fangfragen der Journalisten zu, "einmal" auf Huhn geschossen zu haben. "Der Mann fiel sofort um", wurde M. zitiert. Offiziell allerdings wurde eine andere Version verbreitet. Der Grenzsoldat sei im Kugelhagel seiner Kollegen getötet worden, teilte Egon Bahr, Pressechef des Berliner Senats, mit. Innensenator Albertz erklärte der "Welt" vom 21. Juni 1962 zufolge, daß nicht festgestellt werden konnte, "daß der Fluchthelfer zur fraglichen Zeit eine Schußwaffe besaß". Die Westberliner Polizei ließ Sandsackbarrieren als "Kugelschutz für die Polizei" errichten. Im Ostteil der Stadt wurde Huhn als Held gefeiert, "meuchlings ermordet während seines treuen Dienstes für den Arbeiter-und-Bauern-Staat, für den Frieden in Deutschland". M. avancierte zum Agenten, dessen Aktion von langer Hand geplant gewesen sei. Politisch wurde der Tod Huhns in Verbindung gebracht mit einer Rede des damaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin Willy Brandt. Er hatte auf der Flucht abgegebene Schüsse auf DDR-Grenzer als "Notwehr" bezeichnet. Auf "die Mordhetze" sei nun die Bluttat gefolgt, hieß es im "Neuen Deutschland". Eine Kampagne gegen Axel Springer folgte, dessen Verlag ein "Mördernest" genannt wurde.In Westberlin stellte die Staatsanwaltschaft schließlich im Dezember 1962 das Ermittlungsverfahren gegen M. ein. Aus den damaligen Veröffentlichungen geht hervor, daß es unter den Alliierten unterschiedliche Einschätzungen über den Sachverhalt gab. Die Briten und Franzosen gingen davon aus, daß M. geschossen hatte, werteten dies aber als Notwehr. Sie wollten dennoch den Fluchthelfer vor Gericht stellen, um die Vorwürfe zu klären. Die Amerikaner folgten der Unschulds-Version. Sie setzten sich durch. M. und seine Familie wurden in den Westen geflogen.Heute lebt der 67jährige in Hessen. Zu den Vorwürfen hat er sich noch nicht geäußert. Dafür aber ließ er am Montag über seinen Anwalt wissen, daß er das Gericht für befangen hält. Die Wortwahl in dem gegen ihn erlassenen Haftbefehl und in der Anklage mißfällt ihm. In beiden heißt es, "der 20 Jahre junge Reinhold Huhn starb bald an den Folgen des herzzerfetzenden Brustschusses". Dies sei eine "maßlose Übersteigerung" und lege die Annahme nahe, daß die Richter Mitgefühl mit dem Opfer haben, meint M. Andere Richter prüfen nun, wer sich in der Wortwahl vergriffen hat.