"Ich bin schon zu früheren Zeiten unter Polizeischutz aus dem Studio nach Hause gebracht worden. Das ist nichts Neues für mich." Klaus Bednarz, Ikone des investigativen TV-Journalismus in Deutschland, gibt sich cool. Es passiere nicht das erste Mal, daß gegen ihn Stimmung gemacht werde. Auch Morddrohungen von alten und neuen Nazis habe er schon bekommen, so der WDR-Journalist. Die Kampagne, die die türkische Tageszeitung "Hürriyet" jetzt gegen ihn losgetreten hat, sei eher lästig, "aber damit muß man in diesem Job leben".Die "Hürriyet", weltweit verbreiteter Meinungsführer unter der türkischen Tagespresse, hatte in der vergangenen Woche ihre Leser aufgerufen, dem WDR-Journalisten Bednarz "eine Lektion zu erteilen". Der Phantasie ihrer Leser, wie diese Lektion aussehen sollte, legten die "Hürriyet"-Macher keine Grenzen an. Grund genug für deutsche Behörden, Klaus Bednarz einige Tage lang unter Polizeischutz zu stellen. Um Verständnis geworben Stein des Anstoßes war ein Kommentar des Journalisten in den "Tagesthemen". Darin hatte Bednarz zwar die gewalttätigen Ausschreitungen der Kurden vom vorvergangenen Wochenende verurteilt; gleichzeitig aber warb er um Verständnis für die Probleme der kurdischen Bevölkerung und warnte davor, alle in Deutschland lebenden Kurden mit einer Handvoll Gewalttäter in einen Topf zu werfen. Das allein hätte wohl schon den eifrigen "Hürriyet"-Ideologen die Tinte kochen lassen. Aber als Bednarz auch noch vom "völkermörderischen Krieg der türkischen Armee gegen das kurdische Volk" sprach und zu bedenken gab, daß so wie heute die PKK einst auch PLO und ANC nur als Terrorgruppen in der öffentlichen Meinung dargestellt worden seien, lief das Faß in Ankara über. Gleich viermal hintereinander machte das regierungstreue Blatt letzte Woche mit Anti-Bednarz-Artikeln auf. Schlagzeilen wie "Achtung, separatistische Lobby", "Das Klaus-Komplott" und "Erteilen wir den Kommentatoren des Fernsehens eine Lektion!" sollten die Stimmung unter den Lesern anheizen. Dem Kölner Journalisten warf das Blatt "ungeheure Respektlosigkeit, abscheuliche Irreführung und Sabotage" vor. Bednarz wurde in wütenden Kommentaren der offenen Unterstützung der kurdischen Arbeiterpartei beschuldigt und gar als "Cheerleader" der PKK bezeichnet. Es könne nicht tatenlos hingenommen werden, so die Zeitung, daß "die Einheit der Türken vom Bildschirmn aus so schwer angegriffen" werde. Unter Angabe der WDR-Telefon- und -FAX-Nummern rief "Hürriyet" schließlich die Türken im Ausland dazu auf, die Redaktion des "Monitor"-Chefs mit Protestschreiben und -anrufen lahmzulegen. Auch sollten die Türken in Deutschland den Sender boykottieren, der den Kommentar ausgestrahlt habe.Tatsächlich haben seit vergangener Woche Hunderte von Anrufen und Fax-Schreiben die "Monitor"-Redaktion erreicht. Der Inhalt der meisten aber dürfte die "Hürriyet"-Macher wenig entzücken. "Wir haben zehnmal mehr Zustimmung von den Lesern erhalten als Proteste", so Bednarz. Die Absender hätten sich nicht nur aus der Türkei und Deutschland gemeldet, sogar aus Australien, Schweden und Frankreich seien aufmunternde Schreiben eingegangen. "Die Aktion der ,Hürriyet' ist voll nach hinten losgegangen", freut sich Klaus Bednarz. Beschwerde wird geprüft Dennoch will der Westdeutsche Rundfunk über die Attacke aus der Türkei nicht so einfach hinweggehen. Wie Bednarz sagt, prüfe sein Sender derzeit Möglichkeiten, beim Deutschen Presserat vorstellig zu werden.Dort ist man bislang noch nicht sehr im Bilde über die "Hürriyet"-Aktion. Wie Lutz Tillmanns vom Presserat einräumte, habe man erst gestern eher beiläufig davon erfahren. Jetzt warte man auf eine Beschwerde des WDR, um tätig zu werden. Grundsätzlich sei es aber möglich, auch ausländische Zeitungen für solcherart Kampagnen zu rügen, so Tillmanns. Für die "Hürriyet" wäre es nicht das erste Mal. Vor zwei Jahren hatte sich die Zeitung Hannovers Oberbürgermeister Schmalstieg ausgeguckt und ihn in Artikeln wüst beschimpft. Anlaß war eine Rede des Bürgermeisters bei der Beerdigung eines kurdischen Jungen in Hannover. Der Deutsche Presserat hatte daraufhin dem Blatt eine strenge Rüge ausgesprochen. +++