Als sie gerade mal 35 Jahre alt ist, schreibt sie ihr Testament. Darin ist alles geregelt: Wer ihre Töchter Nadine und Salome erzieht und wohin die Dokumente Überlebender des Holocaust geschickt werden sollen.Anna Rosmus, die seit 15 Jahren die Nazi-Vergangenheit ihrer Heimatstadt Passau erforscht, lebt in jener Zeit gefährlich: "Ich glaube zwar nicht, daß heute etwas passiert, aber irgendwann sicher", sagt sie.Die Befürchtung der Amateurhistorikerin ist nicht aus der Luft gegriffen. Telefonterror, Entführungs- und Morddrohungen sind in Passau an der Tagesordnung. Sie wird auf der Straße angespuckt, die Post stellt Briefe mit der Adresse "Judengasse" zu, und auf Postkarten beschimpft man sie anonym mit Kraftausdrücken wie "Drecksau", "Judenhure" und "Nestbeschmutzerin". Anna Rosmus muß Polizeischutz anfordern. Zugang verweigert Seit August 1994 lebt die Tochter eines katholischen Schulleiters und einer Religionslehrerin in Amerika. Die alltägliche Bedrohung erleichterte ihr die Entscheidung, das Angebot von Michael Berenbaum, Direktor des Holocaust Museums in Washington, anzunehmen, im dortigen Research-Center weiterzuforschen: "Ich bin in Passau an einen Punkt angelangt, wo ich nicht mehr weiterkomme", sagt Anna Rosmus. "Mir wird der Zugang zu bestimmten Dokumenten verweigert. In Washington habe ich bessere Recherche-Möglichkeiten. Außerdem sind in Amerika die Überlebenden des Holocaust, die ich dort interviewen kann." Seit die Abiturientin Anna Rosmus 1980 einen Aufsatz-Wettbewerb über den Alltag in Passau während des Dritten Reiches gewinnt, versucht sie beharrlich, die NS-Zeit in ihrer Heimatstadt ans Tageslicht zu holen. Das ist nicht einfach, weil die Passauer die Vergangenheit lieber ruhen lassen möchten: Vater Rosmus wird nahegelegt, die "Fragerei" seiner Tochter zu unterbinden oder andernfalls sein Amt niederzulegen. Die frühere Klosterschülerin fühlt sich durch die Obstruktion erst richtig angestachelt. Sie setzt mit Hilfe ihres Onkels Dr. Walter Friedberger, eines katholischen Pfarrers, im Passau-nahen Pocking ein jüdisches Museum durch, erstreitet gegen den Widerstand von Behörden, Bürgermeistern, Kirchenoberen und Archivaren vor Gericht den Zugang auch zu den "heißen" Akten und stößt auf viel Widersprüchliches über die Vergangenheit.So hat ein längst verstorbener Dompropst, den die Kirche gern als Widerständler gegen die Nazi-Schreckensherrschaft darstellt, in Wirklichkeit regimegetreue Artikel im Passauer Bistumsblatt geschrieben. Als Anna Rosmus dies veröffentlicht, wird sie vom Bruder jenes längst verstorbenen Prälaten und Chefredakteur des kirchenfreundlichen Blattes "Passauer Neue Presse", wegen "Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener" angezeigt.Anna Rosmus stochert unbeirrt weiter in der braunen Vergangenheit ihrer Heimatstadt. In verschiedenen Rechtsstreitigkeiten kann sie sich behaupten.Im August 1993 - kurz nach Erscheinen ihres Buches "Wintergrün - Verdrängte Morde" über Zwangsabtreibungen im Krankenhaus Hutthurm während des Zweiten Weltkrieges - unterliegt sie allerdings vor dem Passauer Landgericht. Gegen Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 500 000 Mark oder sechs Monate Haft wird ihr untersagt, einen Mitte der sechziger Jahre gestorbenen Arzt aus der Gemeinde Hutthurm bei Passau zu bezichtigen, er habe in den letzten Jahren des Naziregimes auf grausame Weise Abtreibungen an "Ostarbeiterinnen" vorgenommen.Der Wandel vom Bürgerkind zum Bürgerschreck bringt für Anna Rosmus Verluste mit sich. Freunde wenden sich von ihr ab, ihrem Ehemann werden ihre Aktivitäten zuviel - er packt seine Sachen. Während Anna Rosmus in Niederbayern immer heftiger angefeindet wird, erhält sie internationale Auszeichnungen. 1984 bekommt sie den Geschwister-Scholl-Preis, 1987 die Totenmaske Kurt Tucholskys und 1992 den Holocaust Memorial Award der Jüdischen Gemeinde von New York.Der Regisseur Michael Verhoeven verklärt sie 1990 in seinem Film "Das schreckliche Mädchen" zu einer Heldin der Zeitgeschichte. Der Streifen machte sie weltbekannt. Hollywood-Regisseur Steven Spielberg ("Schindlers Liste") denkt über eine Fortsetzung nach. Große Wut Seit 13 Monaten lebt Anna Rosmus jetzt in Amerika - zusammen mit ihren beiden Kindern und ihrem neuen Lebenspartner, dem Gynäkologen Dr. Paulus Behnam. Der Schritt ist keine Flucht, sondern Neubeginn.Ihr Ziel ist es auch weiterhin, die Geschichte der Juden in Passau zu erforschen. Das Thema, sagt die junge Frau, ist erst erledigt, wenn alles Versteckte im Licht, alles Verdrängte aufgedeckt ist: "Ich habe noch große Wut in mir." +++