POTSDAM. Es ist ein bisschen wie verkehrte Welt, was sich seit gestern vor dem Landgericht in Potsdam abspielt. Es geht um die Protagonisten in diesem Strafverfahren, ein 43-jähriger Richter und ein 52-jähriger Oberstaatsanwalt. Richter und Staatsanwalt sind normal in einem Gerichtssaal. Wäre da nicht der Umstand, dass beide Juristen auf der für sie ungewohnten Seite sitzen: der Anklagebank. Sie müssen sich wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung verantworten - erstmals in Brandenburgs Justizgeschichte. Bisher saßen nur frühere DDR-Richter und -Staatsanwälte wegen dieses Vorwurfs vor Gericht.Vor vier Jahren sollen die beiden Juristen nach Ansicht der Potsdamer Staatsanwaltschaft vorsätzlich das Recht gebeugt haben. Am 7. April 2005 erließ Christoph M. als Vorsitzender Richter in einem Untreue-Prozess vor dem Amtsgericht in Eisenhüttenstadt drei Haftbefehle. Noch im Gerichtssaal wurden der angeklagte Nachlassverwalter Andre A., der 437 000 Euro veruntreut haben soll, sowie sein Anwalt Lars-Peter R. verhaftet. Wenig später klickten in einer Kita, in der die Ehefrau des Angeklagten arbeitete, ebenfalls die Handschellen. Auch sie kam in Untersuchungshaft.Die Haftbefehle begründeten Richter M. und Oberstaatsanwalt Harald P., der damals in dem Untreue-Prozess die Anklage vertrat, mit dem dringenden Tatverdacht, mit Verdunklungs- und Fluchtgefahr, der "Verschleierung der Herkunft von veruntreuten Geldern" sowie uneidlicher Falschaussage.Die Anordnung der Untersuchungshaft sei ein Willkürakt gewesen, findet die Staatsanwaltschaft. "Es gab keinerlei Haftgründe", sagt Lars-Uwe Kurz, der Vertreter der Anklagebehörde. Zudem sei Christoph M. kein Ermittlungsrichter und somit gar nicht befugt gewesen, die Haftbefehle zu erlassen. Er habe gewusst, dass ein Ermittlungsrichter die Haftbefehle niemals unterschrieben hätte. Offenbar wollten Christoph M. und Harald P. den Angeklagten und dessen Anwalt unter Druck setzen, um die Wahrheit über einen Autokaufvertrag zu erfahren. Der Rechtsanwalt des Angeklagten hatte in dem Prozess den Kaufvertrag über einen BMW präsentiert. Richter und Oberstaatsanwalt hielten das Dokument für eine Fälschung, mit dem der Verbleib veruntreuten Geldes verschleiert werden sollte.Über eine Woche saßen das Ehepaar und ihr Anwalt in Haft. Erst einem anderen Staatsanwalt fielen die offenbar unberechtigt erlassenen Haftbefehle auf. Gegen Christoph M. und Oberstaatsanwalt Harald P. wurden schließlich Disziplinarverfahren eingeleitet, die Staatsanwaltschaft ermittelte.Bis zu dem Prozess gegen die beiden Juristen war es jedoch ein langer Weg. Zunächst lehnte das Landgericht Frankfurt (Oder) die Eröffnung der Hauptverhandlung ab. Es liege kein hinreichender Tatverdacht gegen Christoph M. und Harald P. vor, hieß es. Auch das Richterdienstgericht in Cottbus wies den Antrag des Justizministeriums auf Dienstenthebung des Richters zurück. Erst das Oberlandesgericht entschied, die Anklage müsse zugelassen und die Hauptverhandlung eröffnet werden.Alexander Ignor, der Anwalt von Christoph M., sagt, nicht jeder Rechtsverstoß eines Richters sei als Rechtsbeugung anzusehen. Eine falsche Rechtsanwendung fände vor Gericht häufig statt. "Deswegen werden Urteile auch aufgehoben", sagt der Professor, der auch Vorsitzender des Strafrechtsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer ist. Richter M. habe durchaus das Recht gehabt, die Haftbefehle im Gerichtssaal zu erlassen.Hartmut Sinapius, der Anwalt von Nachlassverwalter Andre A., sagt, der dringende Tatverdacht gegen seinen Mandanten und die Haftgründe seien nur ein Fantasiegebilde eines wegen Rechtsbeugung angeklagten Richters. Sein Mandant sei noch nicht rechtskräftig verurteilt. "Das Geld, das mein Mandant veruntreut haben soll, ist da", sagt Sinapius. Andre A. war im Juni 2005 von Richter Christoph M. wegen gewerbsmäßiger Veruntreuung in sechs Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Dagegen hat der Nachlassverwalter Berufung eingelegt. Einen Termin für die neue Verhandlung gibt es noch nicht.Dem Richter und dem Oberstaatsanwalt drohen bei einer Verurteilung Haftstrafen von bis zu fünf Jahren - sowie das Ende ihrer Karrieren.------------------------------"Nicht jeder Rechtsverstoß ist auch eine Rechtsbeugung."Alexander Ignor, Anwalt