GLAU. Kühe sind keine Hunde. So viel ist sicher. Trotzdem will Gerd Kauert die 70 Kühe seiner Herde zu sich rufen. Die dösen hundert Meter entfernt unter Bäumen. Der Bauer betritt die Weide am Rande des Dorfes Glau bei Trebbin (Teltow-Fläming) und ruft mit tiefer Stimme: "Muh. Kommt her! Muuhh." Sogleich stehen einige der liegenden Kühe auf, ein Bulle wendet sein Haupt zum Chef und muht laut zurück. Kauert ruft: "Luise. Steht auf! Zeigt euch. Luise." Die Tiere setzen sich in Bewegung und traben in Richtung des Bauern. Nur Luise fehlt und beweist, dass Kühe keine Hunde sind. "Sie ist wohl mit ihrem Kalb am anderen Ende der Weide und hat nichts gehört", sagt er.Kauert, 45, ist stolz auf seine Tiere. Als Bauer hat er ein pragmatisches Verhältnis zum lieben Vieh: Das Fleisch sichert sein Einkommen. "Aber nicht um jeden Preis", sagt er. Deshalb hat er sich ein Geschäftsmodell ausgedacht, das in der Landwirtschaft ganz selten ist: Kuh-Leasing. "Ich will gutes Fleisch produzieren, also mache ich Bio", erklärt er. "Aber ich muss es auch loswerden, und das ist schwer."Vor allem will er die Kälber nicht an Großmastbetriebe weiterverkaufen müssen oder sie über Hunderte Kilometer in Lastern zu Schlachthöfen transportieren lassen. "Als ich mir ein Auto geleast habe, dachte ich: Das geht auch mit Kühen. Dann können die von Anfang bis Ende bei mir bleiben." Auf der grünen Wiese in Glau.Das Modell ist simpel. Interessenten zahlen ihm ein Jahr lang für ein Kalb monatlich 50 Euro bis zur Schlachtreife von 14 Monaten. "Da die Kälber am Anfang schon acht Wochen alt sind, zahlen die Leute nur zwölf Monate." Zu diesen 600 Euro Leasing-Gebühr muss der Kunde noch 200 Euro an den Fleischer zahlen. Der bereitet dann die Salami zu, verpackt Rouladen, Filets, Schmorbraten und Gulasch portionsweise. "Meine Kunden brauchen eine ordentliche Kühltruhe", räumt Bauer Kauert ein. Aber das Problem ließe sich leicht lösen, wenn mehrere Familienangehörige oder Freunde sich zusammentun und das Kalb gemeinsam leasen. "Am Ende gibt es etwa 140 Kilo Fleisch für 800 Euro. Das sind nicht einmal sechs Euro pro Kilo. Und das für Biofleisch. Das gibt's nirgends, das gibt's nur beim Kauert." Sagt Kauert.Der kleine Mann, der ein wunderbares Brandenburgerisch spricht, reibt sich über seinen runden Bauch: "Der hier zeigt, wie gut mein Fleisch ist. Ich ess und koche gern."Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau findet die Idee der Vorab-Zahlung "unheimlich sympathisch". Bislang ist diese Kaufvariante vor allem bei Weihnachtsgänsen üblich. "Es ist auch eine Form der Erlebnispädagogik, den Leuten - vor allem den Großstädtern - wieder nahezubringen, woher ihre Rouladen kommen." Zwar sei Essen ein fundamentales Bedürfnis, aber gerade in einer extrem arbeitsteiligen Überflussgesellschaft wisse kaum jemand Bescheid über sein Essen. "Einerseits haben immer mehr Leute keine Beziehung mehr zur Landwirtschaft", sagt er. Andererseits gebe es einen Gegentrend, ein wachsendes Interesse an naturnahem Leben und Bio-Landwirtschaft. Zwar würden manche Großstädter dabei das Landleben etwas romantisch verklären. "Aber die Richtung stimmt", sagt er. "Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass Vegetarismus-Bücher zu Bestsellern werden und dass es um die Massentierhaltung endlich eine gesellschaftliche Grundsatzdiskussion gibt."Auch Kauert kann den Trend bestätigen. Seine Leasing-Idee hatte er bereits 1996 angeboten, doch kaum jemand sprang an. Nur zwei, drei Leute machten pro Jahr mit. "Doch in diesem Jahr hab ich schon 17 Kälber verleast. Ich hab nur noch 15 zu vergeben", sagt er. "Die Leute sagen mir: Ich hab die Schnauze voll, mir im Supermarkt Fleisch zu kaufen, bei dem ich nicht weiß, wie viel Gift drin ist." Kauert verspricht Bio-Qualität. Bei ihm gibt es kein Kraftfutter, das das Fleisch wässrig macht und in der Pfanne schrumpfen lässt. Seine Rinder sind das ganze Jahr auf der Weide, fressen im Sommer nur Grünzeug, im Winter nur Grassilage und Stroh.Kauert wollte selbst immer Tiere halten, fütterte schon als Kind die 300 Karnickel, vier Schweine und vier Rinder der Familie. "Für das Jugendweihe-Geld wollte ich kein Tonband, sondern ein Pferd. Durfte aber nicht." So kaufte er sich zwei Ferkel für je 100 Mark, fütterte sie dick und rund und verkaufte sie für je 1500 Mark. "Das war der Anfang." Später arbeitete er als Bauschlosser in der Gärtnereigenossenschaft. Im Mai 1990 machte er sich als erster im Dorf selbstständig als Bauer. Heute verdient er sein Geld hauptsächlich damit, dass er die 40 Pferde betreut, die die Halter auf seinem Reiterhof untergestellt haben.Ohne NamenBeim Kuh-Leasing hat er immer zwei Tipps für alle Interessenten parat. Erstens: Keine Kinder mitbringen. "Die finden die Kälber so niedlich, dass sie nie geschlachtet werden können." Zweitens: Dem Kalb keinen Namen geben. "Ein Tier, das einen Namen hat, schlachtet man auch nicht." Das weiß er aus eigener Erfahrung. Als eine Kuh vor acht Jahren ein Neugeborenes verstieß und er das Kalb wimmernd im Gras fand, zog er es mit der Flasche auf. "Das ist Knochenarbeit: Alle zwei Stunden die Flasche, Tag und Nacht." Es ist das einzige Rind, dem Kauert einen Namen gab, alle anderen haben nur Nummern. "Nummer 79632 heißt Luise", sagt er. "Und Luise wird nie geschlachtet."-----------------------Mehr Informationen unter: www.pferdehof-kauert.de------------------------------"Es ist eine Form der Erlebnispädagogik, den Leuten wieder nahezubringen, woher ihre Rouladen kommen." Michael Wimmer, Fördergemeinschaft Ökologischer LandbauFoto: Glückliche Kühe, glücklicher Bauer: Gerd Kauert bietet seine Tiere zu einer Art Mietkauf an. 140 Kilogramm Fleisch und Wurst warten auf die Kunden.

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