WIEN, im August. Es ist still in den Redaktionsräumen von "täglich Alles", denn der Chef ist da. Der Chef, dass ist Kurt Falk, der Herausgeber von "täglich Alles". Mürrisch sitzt er neben einer jungen Mitarbeiterin und blättert in einem Buch. Auf die Frage, ob er für ein kurzes Interview Zeit hätte, zischt er auf Wienerisch: "Na, gehn s bitte, i muss mei Oabat mochn". Immerhin schickt er den Besucher dann zum Chefredakteur.Im Nebenraum tuscheln die Mitarbeiter. Eine solche Abfuhr sei zu erwarten gewesen. Eine Redakteurin sagt: "Ich sah meinen Stuhl bereits wackeln, weil ich verantwortlich gemacht werden könnte, jemanden zu ihm durchgelassen zu haben." Kurt Falk ist bekannt für seine Launen und seine schnellen Entscheidungen. Vor zwei Wochen entschloss er sich, die viertgrößte Tageszeitung "täglich Alles" nur noch im Internet zu veröffentlichen. Etwa 400 000 Exemplare wurden bis dahin an Abonnenten geliefert und im Straßenverkauf angeboten. Auf dem Titelblatt der letzten gedruckten Ausgabe vom 14. August stand: www.papier-ade. Es lag was in der LuftRedakteure, die nicht an der Titelblattgestaltung beteiligt waren, wurden wie die Leser von der Nachricht in der eigenen Zeitung überrascht. "Wir glaubten aber nicht, dass dies nur ein Scherz ist, denn wochenlang lag was in der Luft. Ständig wurde so geheimnisvoll getan", sagt eine Redakteurin, die bittet, ihren Namen nicht zu nennen. Der Chef könnte es ja mitbekommen. Den Angestellten der Druckerei wurde freilich gekündigt. Das Redaktionsteam hatte Glück, bisher ist keiner von ihnen entbehrlich. "Wir brauchen die Leute, weil der Arbeitsaufwand sogar erheblich größer geworden ist", erklärt Oswald Hicker, der neue Chefredakteur. Sein Vorgänger wurde vom Herausgeber Falk entlassen, weil er angeblich auf ein Angebot eingehen und das finanziell angeschlagene Blatt mit Partnern übernehmen wollte. Nach der Entlassung hievte Kurt Falk den 26 Jahre jungen Oswald Hicker auf den Stuhl des Chefredakteurs. In der Branche wurde dies als typische Falk-Aktion gewertet, denn Hicker ist der weitaus jüngste Chefredakteur, den eine große Tageszeitung je gesehen haben dürfte. Stundenlang am TelefonAuf dem Schreibtisch von Hicker liegen noch alte Exemplare der eingestellten Zeitung. An der Türe kleben erinnerungswürdige Schlagzeilen des Boulevardblattes. Es sei keine spontane Entscheidung gewesen, behauptet der Chefredakteur. Die Söhne von Kurt Falk, Samuel und Noah, hätten ihrem Vater zu der Aktion geraten. Stolz zeigt Hicker dem Besucher, wie die Zeitung im Netz aussieht. Nichts habe sich zu dem einst gedruckten Blatt geändert. "Wir greifen, wie früher auch, Boulevardthemen auf und die Texte sind im Durchschnitt so lang wie früher", sagt Hicker und erinnert sich, wie entsetzt die Leserschaft reagiert hatte, als die www.papier-ade-Schlagzeile ausgeliefert wurde. "Tagelang riefen die Leser an und wollten wissen, warum es das Blatt nicht mehr gebe. Ich versuchte zu erklären, dass sie im Internet ihre Zeitung ja weiterhin lesen könnten", sagt Hicker und muss zugeben, dass gerade die ältere Klientel meist nicht mal einen Computer besitzt. Er selbst habe mehrere Stunden am Telefon mit den enttäuschten Lesern gesprochen, versichert Hicker. Mittlerweile klickten einige tausend Internetnutzer die Homepage von "täglich Alles" an. Ziel sei es, auf lange Sicht vor allem der Konkurrenz des öffentlich-rechtlichen Netzanbieters ORF Paroli bieten zu können. Wie dies allerdings gelingen soll, weiß Hicker noch nicht zu sagen. Die Macher des Boulevard-online-Blattes sind sich allerdings nicht zu schade, Jörg Haider mit einem Rap-Song auf ihrer Homepage ein Forum zu bieten. Der Leser kann das Mp3-Programm runterladen und ein Lied des Landeshauptmanns anhören. "Die Resonanz ist riesig", freut sich Hicker, der von sich behauptet, unpolitisch zu sein. Rund um die Uhr soll die Online-Zeitung aktualisiert werden. Gute Geschichten sollen länger auf der Homepage zu lesen sein, die Nachrichten werden stündlich auf den neuesten Stand gebracht, sagt Hicker. Für die Redakteure bedeutet dies den ganzen Tag Anspannung. "Es ist sehr viel anstrengender, plötzlich ein Online-Redakteur zu sein", stöhnen zwei Mitarbeiter. Ob "täglich Alles"-online ein Erfolg sein wird, darf bezweifelt werden. Billiger ist die Herstellung allemal. Angeblich verlor Herausgeber Kurt Falk mit jeder gedruckten Ausgabe von "täglich Alles" 35 000 Mark. "Wir haben es leider nie geschafft, die Kronen-Zeitung zu überholen", gibt Hicker resigniert zu. Der übermächtige Gegner zog die Anzeigenkunden auf seine Seite. Für den Herausforderer blieb mit der Zeit immer weniger vom lukrativen Anzeigenkuchen. Dies sei letztlich auch der Grund für den Rückzug ins Internet gewesen, heißt es in der österreichischen Medienbranche. Herbe NiederlageFür Kurt Falk, der einst mit Hans Dichand 1959 die berühmt-berüchtigte Kronen-Zeitung gründete, eine herbe Niederlage. Schon der Versuch der Etablierung eines zweiten großen Boulevardblatts im Jahre 1992 galt in der Branche als Kamikaze-Aktion. Gegen die beherrschende Marktstellung der Krone kam er nicht an. Als Mitbegründer hätte er dies wissen können, spötteln einige. Außerdem habe es seit längerem Schwierigkeiten mit Teilen der Druckereibelegschaft gegeben, weil sie unkündbar waren. "Der Herausgeber hat sich darüber schon des Öfteren beschwert", sagt Hicker. Mit der Einstellung des Drucks von "täglich Alles" konnte sich Falk der ungewollten Angestellten entledigen. Noch stehen vor dem Verlagsgebäude die alten Verkaufskästen für die "täglich Alles"-Ausgaben. Bald werden die überflüssig gewordenen Zeitungskästen entsorgt oder erhalten einen anderen Werbeaufkleber. Vielleicht liegen ja bald Kronen-Zeitungen darin.Boulevard im Internet // Kurt Falk gibt außer der Boulevard-Zeitung "täglich Alles" auch die österreichische Wochenzeitung: "Die ganze Woche" heraus.1959 gründete er mit Hans Dichand die "Kronen-Zeitung". 1987 trennte sich Kurt Falk von Hans Dichand.1992 versuchte Falk, mit "täglich Alles" der "Krone" Konkurrenz zu machen. Weil dieser Versuch misslang, erscheint "täglich Alles" seit Mitte August nur noch im Internet.täglich Alles im Internet unter: www. taonline. at