BERLIN, 12. Januar. Das Foto auf der Internetseite zeigt einen etwas dicklichen Mann mit Brille und verzwirbeltem Haarschopf. Er sitzt an einem Tisch, hinter einem Mikrofon. Der Mann auf dem Foto heißt Olaf Wunderlich. Er ist ein Mörder. Oder nicht? "Ich bin unschuldig inhaftiert", beteuert der 35-Jährige, der aus dem sächsischen Schwarzenberg stammt, auf seiner Internet-Seite "www.mordfall-krampe.de". Es ist ein Novum in der deutschen Kriminalgeschichte: Ein verurteilter Straftäter präsentiert aus seiner Gefängniszelle heraus einen eigenen Internetauftritt. Sein Ziel: Zeugen zu finden, die ihn vom Mordvorwurf entlasten. "Helfen Sie mir, meine Unschuld zu beweisen und die wirklichen Täter zu überführen!", fleht Wunderlich im Internet.Der Mord, um den es geht, liegt über zehn Jahre zurück. Am 3. April 1994, es ist Ostersonntag, findet ein Spaziergänger im österreichischen Vorarlberg die Leiche eines Mannes. Wenige Tage später steht fest, dass es sich bei dem Toten um den 63-jährigen Kaufmann Helmut Krampe handelt. Er ist mit einem Dutzend Messerstiche in Hals und Brust getötet und dann in einem Waldstück abgelegt worden. Krampe agierte in dieser Zeit in der schwer durchschaubaren Händlerszene, in der mit "Waren aller Art" gedealt wird. Halbseidene Kaufleute finden sich hier, gewerbsmäßige Betrüger und Hehler, Stasi-Leute und V-Männer der Polizei. Sie kaufen und verkaufen Gold und Silber, Schmuck, Waffen und Falschgeld. Selbst radioaktive Materialien, wie das sagenumwobene Red Mercury, werden feilgeboten, obwohl kaum einer dieser Leute wirklich Zugriff auf diese gefährlichen Stoffe hat. Es wird getrickst und betrogen. Krampe weiß um die Gefährlichkeit seiner Geschäfte. Wie Olaf Wunderlich, der auch in der Szene aktiv ist und mehrmals mit Krampe zusammen auf Geschäftsreise geht. Auf ihn konzentrieren sich auch bald die Ermittlungen der Vorarlberger Polizei. Die Ehefrau des Opfers hatte angegeben, dass ihr Mann am 30. März mit seinem Wohnmobil nach Zürich aufgebrochen war, um Wunderlich dort zu treffen. Drei Tage nach dem Fund der Leiche, am 6. April 1994, wird Krampes Fahrzeug an der tschechischen Grenze gestoppt. Die Insassen, zwei Tschechen, geben an, Wunderlich habe ihnen das Wohnmobil übergeben. Am 7. April stürmt eine Spezialeinheit der tschechischen Polizei das Zimmer 909 im Hotel "Moskau" in Zlin. Wunderlich wird verhaftet und im August 1994 nach Österreich ausgeliefert.Der Fall scheint gelöst, zumal Wunderlich vor den österreichischen Ermittlern Aussagen macht, die diese als Geständnis werten. Aber der Mann hat zu diesem Zeitpunkt 81 Tage Hungerstreik hinter sich, mit dem er die Auslieferung aus Tschechien erzwingen wollte. In Österreich werden ihm Medikamente verabreicht - all das führt dazu, dass das angebliche Geständnis, das Widersprüche aufweist, nicht anerkannt wird.Im Prozess, der 1995 vor einem österreichischen Geschworenengericht beginnt, treten noch andere fragwürdige Ermittlungsergebnisse zu Tage, wie später die Berliner Privatdetektei S.E.K.A. herausfindet, die mit Wunderlichs Anwalt Mario H. Seydel zusammenarbeitet. So wurden in Krampes Wohnmobil keine Blutspuren gefunden, obwohl das Opfer laut Anklage darin getötet oder zumindest zum späteren Fundort transportiert worden sein soll. Die angebliche Tatwaffe, ein zweischneidiges Bowiemesser, wurde nie gerichtsmedizinisch untersucht - dabei hatte man bei der Obduktion festgestellt, dass die Stichwunden von einer einschneidigen Klinge herrührten. Merkwürdig sind schließlich auch die Umstände, unter denen die Tatwaffe und ein größerer Geldbetrag, der dem Opfer gehört haben soll, gefunden werden. Erst sieben Wochen nach der Festnahme Wunderlichs in dem Hotel in Zlin entdecken zwei Putzfrauen zufällig auf dem Schrank des Zimmers das Messer und das Geld. Bei der ersten sehr gründlichen Durchsuchung nach der Festnahme Wunderlichs hatten die tschechischen Polizeibeamten nichts gefunden. Seitdem hatten zwanzig bis dreißig Personen das Hotelzimmer bewohnt. Als die Ermittler versuchen, die Namen dieser Hotelgäste zu ermitteln, stellt sich heraus, dass das Gästebuch für diesen Zeitraum unauffindbar ist.Am 14. November 1996 spricht das österreichische Geschworenengericht Wunderlich frei. Er zieht nach Berlin, wo er fünf Jahre später erneut verhaftet wird - zwei Männer hatten ausgesagt, Wunderlich habe ihnen bei einer Feier gestanden, Krampe umgebracht zu haben. Im Mai 2002 beginnt der Prozess vor dem Berliner Landgericht. Der Verdacht des VerurteiltenObwohl keine neuen Ermittlungsergebnisse hinzugekommen sind, treffen die Richter eine andere Entscheidung als die Geschworenen in Österreich. Im Januar 2003 wird Wunderlich wegen Mordes an Helmut Krampe zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Wunderlich bestreitet bis heute, mit dem Mord etwas zu tun zu haben. Auf seiner Internet-Seite lenkt er den Verdacht indirekt auch auf den österreichischen Polizeiermittler, der angeblich mit dem Mordopfer in der homosexuellen Szene Vorarlbergs verkehrt haben soll. Ein Zeuge, der dies vor Gericht bestätigt hat, steht an diesem Freitag in Berlin vor Gericht. Der Vorwurf lautet auf Falschaussage.------------------------------Foto: Die Internetseite von Olaf Wunderlich. "Helfen Sie mir, meine Unschuld zu beweisen und die wirklichen Täter zu überführen", schreibt er dort.