Den Schwedeneisbecher mochte er immer am liebsten: Vanilleeis mit fett Apfelmus, Sahne und einem Schuss Eierlikör. Den gab es in der DDR, als Cafés noch Frauennamen trugen und Café Sybille hießen - oder einfach Mokkabar. Damit die Erinnerung an diese Zeiten mit Sahnetorten und bulgarischem Mischobst-Früchtebecher nicht verblasst, hat der 33-jährige Torsten Behrend in Prenzlauer Berg im September seine Marietta-Bar eröffnet.In der ist nicht nur der Eisbecher ein echtes Ostprodukt. Die Blumenmustertapete - made in GDR - stammt aus einem Malergeschäft aus Behrends Heimatdorf in Sachsen-Anhalt, die Cocktailsessel aus dem dortigen Kreiskulturhaus.Lampen von der OmaDie Couchgarnitur hat er von seinen Eltern, die Lampen, Uhren und Vasen von seiner Großmutter abgestaubt. Und natürlich der Name: Marietta - ein bißchen verstaubt-mondän klingt das. Marietta ist Café, Bar und Lounge in einem. "Denn bei uns soll man von morgens bis tief in die Nacht gemütlich abhängen können", sagt Behrend, der den Laden mit der 30-jährigen Daniela Wendler, einer Maskenbildnerin, führt. Zu DDR-Zeiten und in der Nachwendezeit arbeitete er als Kellner, später in der Immobilienbranche. Doch in der Marietta-Bar kann man auf eine Bedienung in Bistroschürzen lange warten: Heiß- und Kaltgetränke sowie Speisen gibt es nur per Selbstbedienung.In der etwas angeschmuddelten Stargarder Straße mit Schnellfriseuren, Schmuckläden und Sonnenstudios fällt die Bar in der Hausnummer 13 auf. Guckt man von der Straße durch die große Scheibe, sieht man gepflegtes 50er-Jahre-Ambiente. Kein nachkriegsdeutscher Wohnzimmermuff, sondern schlichte Eleganz: Die Wände sind cremefarben getüncht, die Einrichtung reduziert. Auf dem pastellgrünen Mosaiktresen stehen Schnittblumen. Wandlampen mit Strippen, Stehaschenbecher und Tütenlampen erinnern an die deutschen Aufbaujahre. Im vorderen Café-Bereich kann man den Tag an Cocktailsesseln und Glastischen mit einem Frühstück starten. Wer es nostalgisch mag, trinkt anschließend eine Ovomaltine. Am Nachmittag gibt es Kaffee und selbstgebackenen Kuchen bis zum Abwinken. Und natürlich Behrends Favoriten aus Kindertagen, den Schwedeneisbecher. Weiter hinten, im rot beleuchteten Lounge-Bereich, lümmeln zu fortgeschrittener Stunde junge Menschen auf Sofas. Freitags bis sonntags und manchmal in der Woche legen DJs Musik auf, während Diaprojektionen an den Wänden flimmern und Lampen aus wippenden Glühfäden Kuschellicht verbreiten. Und wen nachts der Hunger überkommt, der kann sich eine Soljanka holen.Fast die gesamte Einrichtung hat Torsten Behrend über Freunde und Bekannte bekommen. "Vieles habe ich aber auch auf Flohmärkten und Haushaltsauflösungen gefunden", sagt er. Den geschwungenen Marietta-Schriftzug an den bodentiefen Fensterscheiben entwarf eine Freundin. Die Bar hat schnell ihre Stammgäste gefunden - sogar unter der Woche ist es schwer, einen Platz zu bekommen. Behrend und Daniela Wendler hoffen eigentlich auf ein gemischtes Kiez-Publikum. Ältere Damen mit Hut zum Beispiel, die ihr Kaffeekränzchen mit Sahnetorte abhalten. Die wurden zwar noch nicht gesichtet. Aber das kann ja noch kommen.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Entspannen unter Großmutters Spiegel: In der Marietta Bar ist die Einrichtung von gestern, die Gäste dagegen sind jung. Die Betreiber hoffen, dass künftig auch ältere Kiez-Bewohner vorbeikommen.