LIVERPOOL, 15. Februar. Weiche Knie hat Geoff Strong mit 62 nicht mehr. Die seinen sind aus Stahl, Beton und Plastik: Vor drei Jahren wurden dem ehemaligen Fußballprofi des englischen Rekordmeisters FC Liverpool Prothesen eingesetzt. Arthrose hatte die Gelenke verschlissen. Trotzdem ist er unlängst wieder Mitglied eines Fußballteams geworden. Es ist eine Mannschaft, die niemals spielen wird: Arthrose Athletic.Unter diesem Namen haben sich ehemalige englische Profis zusammengeschlossen, denen aus der Berufszeit schöne Erinnerungen und irreparable Schäden geblieben sind. Sie wollen rechtliche Schritte gegen ihre alten Vereine einlegen, die angeblich ihrer medizinischen Fürsorgepflicht nicht gerecht wurden. Hunderte von einstigen Profis litten heute an Arthrose, schätzt die Gewerkschaft britischer Berufsfußballer PFA; ihre Hüften, Knöchel oder vor allem Knie seien zerstört vom Cortison, das vielen Profis zu häufig als schmerzstillendes Mittel gespritzt wurde.Auch in Deutschland sei Arthrose bei Fußballern "alltäglich", sagt Erich Rembeck, Arzt des Bundesligisten 1860 München. Vom Bremer Klaus Allofs (heute 43) über den Mönchengladbacher Rainer Bonhof (47) bis zum Karlsruher Rainer Ulrich (50) reicht die Reihe derer, die nicht mehr richtig gehen können. Wobei Karl Meschede, Arzt des DFB-Pokalsiegers Werder Bremen, sagt, man müsse differenzieren: Veranlagung, extreme Trainingsbelastung, nicht auskurierte Verletzungen, Fitspritzen mit Cortison sowie ständige Operationen könnten Gründe für Arthrose sein oft ist es der Cocktail aus allem.Das entzündungshemmende Cortison in kleinen Rationen durchaus empfehlenswert, bei längerer Anwendung aber schädlich, da die Zellproduktion in den Gelenken gestoppt wird sei vor allem in den sechziger und siebziger Jahren zum so genannten Fitspritzen "exzessiv missbraucht" worden, sagt Rembeck. Zudem sei bis Mitte der Neunziger "beim kleinsten Zwicken im Knie viel zu schnell operiert worden". Da sei dann jedes Mal ein Stückchen oder sogar der komplette Meniskus entfernt worden, und der Patient konnte teilweise schon nach sieben Tagen wieder spielen dass das Knie ohne Meniskus instabil wird, "darüber wundern sich gewisse Ärzte dann ein paar Jahre später, wenn der Junge mit Arthrose im Wartezimmer steht", sagt Rembeck.Die volle Dosis Geoff Strong hat die volle Behandlung bekommen: mindestens 80 Cortison-Injektionen in Knie, Schultern und Knöchel in seiner zehnjährigen Karriere, schätzt er, zum Teil monatelang eine Dosis vor jedem Match: "Ich habe nie nachgefragt, was der Arzt in mich pumpte. " Als 1966 im Europacup-Halbfinale gegen Celtic Glasgow nach 25 Spielminuten bei einer Kollision der Meniskus riss, wurde er herausgeschnitten aber erst einmal bestritt Strong das Spiel zu Ende.Er konnte zwar nicht mehr laufen, aber in der Halbzeit zurrte ihm ein Betreuer das instabile Knie mit einem Seil fest. Strong sollte in Celtics Strafraum herumhumpeln; vielleicht bekomme er eine Kopfballchance. "Beim Abpfiff war mein Bein schwarz. " Das Seil hatte die Durchblutung fast gänzlich gestoppt. Es war die Zeit, sagt Strong: Unkritisch habe man an die Parole "Blut und Donner, gelobt sei, was hart macht" geglaubt.Und heute? Die Fußballprofis, stellt Arzt Rembeck fest, hätten ein "besseres Gesundheitsbewusstsein" entwickelt. Zudem hat sich die Medizin so weiterentwickelt, dass nicht jede Gelenkverletzung Cortison-Behandlungen oder Meniskusoperationen nach sich ziehen muss. Doch ein Mechanismus ist derselbe geblieben: Ein verletzter Profi will am Sonnabend unbedingt spielen, weil die Meisterschaft, seine Jahresleistungsprämie oder auch nur sein Stellenwert im Klub auf dem Spiel steht. "Da wirst du von den Spielern unter erheblichen Druck gesetzt", sagt Rembeck.Durchs Leben humpeln Und wenn er sich weigert, den Schmerz zu betäuben, dann "geht der Spieler halt zu einem anderem Arzt", sagt Jürgen Rollmann, bis 1995 Bundesligatorwart bei Werder Bremen und beim MSV Duisburg. Eine Minderheit wird wohl auch in Zukunft nach dem Karriereende mit Arthrose durchs Leben humpeln. Wie der große holländische Stürmer Marco van Basten oder der einst so besessene Torwart Harald Schumacher vom 1. FC Köln.Der Beispiele sind viele. Geoff Strong, englischer Meister und Cupgewinner: 1966 im Europacup der Pokalsieger gegen Celtic, als er wegen des kaputten Knies nicht mehr laufen konnte, hat er tatsächlich ein Kopfballtor gemacht, das entscheidende zum 2:0. Es brachte Liverpool ins Endspiel. Der Fernsehkommentator schrie: "Der Krüppel macht das Tor, der Krüppel macht das Tor!" Als er davon hörte, habe er gelacht, sagt Strong; damals.