Was bedeuten Begriffe wie Ehre und Schande für einen Hund? Noch dazu für einen toten?" Das fragt der südafrikanische Schriftsteller J. M. Coetzee in seinem verstörenden Roman "Schande". Dort findet ein einst renommierter Literaturprofessor die letzte sinnvolle Beschäftigung darin, mit eingeschläferten Hunden auf einem alten Lastwagen in die Abdeckerei zu fahren und sie behutsam auf ein Förderband zu legen, mit dem die Kadaver in den Brennofen gefahren werden. So verhindert er, dass die Arbeiter die leichenstarren Hundeglieder zerschlagen, damit sie besser aufs Band passen. Dieser Schluss des Romans hat die meisten Kritiker irritiert, weil der Rest des Buches von offensichtlich wichtigeren Problemen unter den Menschen selbst handelt, von Rassismus und sexueller Gewalt. Was will er um Himmels Willen mit den toten Hunden?Herz und Magen Nun hat Coetzee eine soeben im Fischer Verlag erschienene Erzählung nachgeliefert, die das Thema deutlicher angeht: Eine Schriftstellerin und überzeugte Vegetarierin kämpft darin in einem Universitätsvortrag gegen die Fleischindustrie. Interessanter als ihre Argumente ist jedoch ihr Gefühl, sie reichten nicht aus: Wie in "Schande" geht es Coetzee auch in "Das Leben der Tiere" um das Gefühl einer generellen Unzulänglichkeit vernünftiger Worte, um auszudrücken, was zwischen Mensch und Tier geschieht, in jenem elementaren Bereich menschlicher Selbstdefinition. Die ältere Dame fühlt sich unter ihren freundlichen Mitmenschen allein mit dem Abscheu vor "dem Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes", das tagtäglich in den Zuchtstationen und Schlachthöfen verübt wird. Sie wird gepeinigt von dem Gedanken, dass genauso, wie die täglichen Gräuel in den Schlachthöfen ignoriert werden, die Deutschen im Dritten Reich von den Konzentrationslagern nichts haben wissen wollen, und zieht in immer neuen Anläufen den Vergleich zwischen Treblinka und Schlachthof.Man muss Coetzee nicht klar- machen, dass der Vergleich jeden Schlachthofangestellten entsetzlicher beleidigt als die Mörder-und-Soldaten-Vergleiche je einen Bundeswehrsoldaten treffen könnten. Der Vergleich ist ihm selbst nicht geheuer, die Frau wird aus der Perspektive ihres Sohnes geschildert, dem die Überschätzung der "Tierfrage" peinlich ist. Dem Autor geht es um die Entfremdung einer Frau, die sich von der Vernunft verabschiedet, "wenn es die Vernunft ist, die mich vom Kalb trennt", die trotz ihrer philosophischen Belesenheit den Gegnern argumentativ unterlegen ist, aber ahnt, auf der richtigen Spur zu sein, auch wenn sich diese innerhalb unseres Denkens nicht weiter verfolgen lässt.Ist also unser Denken falsch? Zumindest reicht es nicht weit. Ausgerechnet bei dem, was wir täglich zu uns nehmen, versagt die Vernunft wie bei einem Triebtäter, dessen gute Absichten keine Macht über sein Tun gewinnen. Wir wissen seit langem, dass die intensive Tierzucht nicht nur den Tieren nicht bekommt, sondern auch ihren Konsumenten nicht. Wir essen uns ganz bewusst in die Katastrophe - bewusst, aber nicht sehenden Auges. Die Geschichte des öffentlichen Umgangs mit dem Rinderwahnsinn ist wie die gesamte Geschichte der industriellen Fleischproduktion eine des fortwährenden Wechsels von Schocks und von Wegsehen. Scham, eine bis zur äußersten Wirtschaftlichkeit getriebene Rationalität und Gleichgültigkeit gehen darin eine sonderbare Mischung ein, die viel darüber aussagt, wie wenig Denken nützt.Einen der ersten großen Schocks lieferte der vor knapp 100 Jahren erschienene Roman "Der Dschungel" von Upton Sinclair, der die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Chicagoer Schlachthöfen und die grausamen Schlachtmethoden schilderte. Seine größte Wirkung erzielte der Roman jedoch nicht durch die Darstellung der erbarmungswürdigen Schinderei, sondern durch die Aufdeckung der unhygienischen Bedingungen in der "Schlacht- hölle", wo auch Rattenkadaver, verschimmelte Fleischreste und verunglückte Arbeiter in die Wurstpellen gestopft wurden. An diesem Punkt wachte der Verbraucher auf; eine Regierungskommission wurde eingesetzt und schuf staatliche Hygienekontrollen. Die Bedingungen für Vieh und Arbeiter freilich blieben die gleichen. "Ich zielte auf die Herzen der Menschen und traf zufällig ihre Mägen", kommentierte Sinclair später resigniert die Wirkung seines Romans.Allerdings sind gerade die Herzen daran schuld, dass das Denken nur bis zum Magen reicht. Was wir über die Intensivhaltung von Rindern, Schweinen und Geflügel wissen, sprengt unser Mitgefühl. Zwischen dem Braten und der Vorstellung von saftigen Weiden und warmen Ställen, die noch immer daran haftet, klafft eine Tabuzone: Wir wollen gar nicht wissen, wie das Fleisch aussah, als es noch Tier war. Und wenn uns dieses Wissen aufgedrängt wird, dann führt es zu kurzfristiger Appetitverstimmung und anhaltendem Schamgefühl, das beharrlich dafür sorgt, den Schock so schnell wie möglich wieder zu verdrängen.Selbst nach dem ersten BSE-Fall in Deutschland blieben in den deutschen Medien anschauliche Reportagen aus den Viehställen, den Schlachthöfen und der Futtermittelproduktion erstaunlich selten. Die für einige Tage durch die Fernsehnachrichten geisternden Bilder von leichenstarren Tierleibern in allen Größen, die wie Coetzees Hunde eine Rutsche hinabstürzen um zu Futter zermahlen zu werden, wollte man den Zuschauern nur für einen knappen Sekundenausschnitt zumuten. Stattdessen lieferte man das Seuchengeschehen umso länger aus der erträglichen Perspektive des Mikroskops. Da sieht man die Prionen sich verformen; es sieht aus wie auf einem abstrakten Gemälde von Kandinsky, und schon hat man die Ebene, auf der es sich munter fachsimpeln lässt über Inkubationszeiten, Erregermengen und individuelle Anfälligkeitsvoraussetzungen.Dass die Futtermischungen aus zermahlenen Tierkadavern Hauptursache für die Verbreitung der BSE-Erreger sind, vermutet man seit 1987. Das Zauberwort hieß schon damals Tiermehl und hörte sich ganz nett an. Dem Verbraucher dämmerte erst drei Jahre später, was Tiermehl eigentlich ist, dass es auch seine toten Haustiere sind, die er sich am Ende der Nahrungskette wieder einverleibt - zusammen mit verendeten Zootieren, verseuchten Rinderschädeln und kontaminierten Industriefetten. Ihm dämmerte, was er spätestens seit dem Dioxinskandal hätte wissen können: Dass die Tiere, die er isst, zuvor als Müllschlucker dienten. In den Tierbäuchen landen aber nicht nur Abfälle, sondern zu hunderttausenden auch gesunde Kälber, falls sie nicht älter sind als zwanzig Tage: Bis dahin zahlt die EU für jedes zermahlene Rinderbaby eine Vernichtungsprämie, auch Herodeslohn genannt, um die Fleischpreise zu halten.Tischmanieren All das weiß man und man weiß es nicht. Die Verdrängung des Grauens fällt umso leichter, als beim Essen Genuss und Tabuisierung seit Jahrhunderten miteinander verknüpft sind. Es gehört zur europäischen Zivilisationsgeschichte, die Zubereitung der Mahlzeiten und die Essgewohnheiten so weit zu verfeinern, dass die Herkunft der tierischen Nahrung verschleiert wird. Norbert Elias hat für das 18. und 19. Jahrhundert gezeigt, wie das Tranchieren großer Tierteile vom Tisch fort in die Küche verlegt wird, hinter die Kulissen. Umrisse ganzer Tiere, insbesondere Kopf, Schwanz und Füße, erregen im Laufe der Zivilisationskurve irgendwann Unbehagen und später Ekel, während sie in ehrlicheren Zeiten noch (Fortsetzung auf Seite 12) (Fortsetzung von Seite 12) Triumphgefühle auslösten. Nicht nur die Tiergestalt, schon das Messer allein wird bei Tisch so weit wie möglich entschärft oder verbannt. Anhaltend wirksame Verbote wie für das Zerteilen von Kartoffeln mit dem Messer oder das Köpfen des Frühstückseis zeigen, wie schwer sich der zivilisierte Mensch mit den aggressiven Aspekten des Essens tut. Urlauber aus dem Süden berichten regelmäßig mit Grausen von Schlachtfesten, bei denen Kinder mit dem abgeschlagenen Schweinekopf spielen, oder von kleinen Häschen, die gekreuzigt auf den Grill kommen. Der Hasenkopf guckt einem beim Essen geradewegs in die Augen. Wer das als barbarisch empfindet, weiß genau, dass es dem vierbeinigen Industriefleischlieferanten daheim unvergleichlich schlechter geht, als es dem Dorfhasen jemals erging, der da nun auf seinem Teller liegt. Dennoch ist er stolz auf seinen höheren Zivilisationsgrad, der darin besteht, genau dieses Wissen nicht zur Kenntnis zu nehmen.Gelenkschmerzen Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Zivilisation beruhe vor allem auf angewandter Wissbegier. Zu mindestens ebenso großen Teilen basiert sie auf der Kunst der Ignoranz, in diesem Fall auch Arbeitsteilung genannt. Beim Wegsehen muss man sich nicht einmal anstrengen: Die Fleischindustrie tut alles in ihren Kräften Stehende, um sich unsichtbar zu machen. Die Schlachthöfe haben sich aus den Städten aufs Land zurückgezogen und sehen aus wie Möbelhallen. Die Rinder- und Schweinehälften fahren in neutralen LKWs durch die Straßen. Auf Reklame wird weitgehend verzichtet; die Fleischindustrie, einzigartig im Kapitalismus, verleugnet sich schamhaft selbst.In dieser verdrucksten Atmosphäre fällt die Vermarktung von alternativ erzeugten Fleischprodukten schwer. Mit Widerwillen nähert sich der Verbraucher dem Thema, das Desinteresse an der Herkunft seines Essens gehört seiner Zivilisiertheit ja wesentlich an. Die Schlachtbranche ist bei ihm, ob mit oder ohne Skandal, per se im Misskredit, und unter diesem Schutzschild wuchert die Verwahrlosung der Fleischbranche immer weiter voran. Es ist ein Teufelskreis der Scham entstanden, in dem die ungeheuerlichsten Missstände toleriert werden, weil uns der Alltag ohnehin schon peinlich ist - die chronischen Gelenkschmerzen der übermästeten Schweine etwa, ein Detail aus einem Katalog der Schmerzen,der mühelos diese gesamte Zeitung füllen könnte.Eine Chance zur Besserung besteht nur, wenn sich die Öffentlichkeit dem Schrecken stellt, auch jenseits der Panikwellen, ausgelöst von Salmonellen, Dioxin und BSE. Wenn wir nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, die wir dem Fleisch auf dem Teller widmen, für dessen Produktion hinter den Kulissen aufwendeten, wäre viel gewonnen. Wohler würden wir uns dann allerdings zunächst nicht fühlen.Die Verdrängung des Grauens fällt leicht, weil beim Essen Genuss und Tabuisierung seit Jahrhunderten verknüpft sind.SIEGFRIED GIEDION: DIE HERRSCHAFT DER MECHANISIERUNG. EUROPÄISCHE VERLAGSANSTALT Modernes Töten: Apparat zum Einfangen und Aufhängen von Schweinen, 1882. Im Gang hinter dem Lockschwein (M) wird eine Kette am Hinterbein und der Stange (K) befestigt, dann wird der Gang (D) abgekippt und das Schwein gleitet an der Stange hängend auf die Tötung zu.