YINCHUAN - Er hat gekämpft, und er hat verloren. Im 13. Jahrhundert schon. Die Mongolen hatten die Aufständischen überrannt, sie regelrecht geschlachtet. König Xixia, der Ruhmreiche, ging unter, in der Halbwüste, wo heute Chinas autonome Provinz Ningxia liegt, wo das muslimische Volk der Hui lebt und der Gelbe Fluss die trockene Erde durchschneidet. Es ist nicht viel von der Vergangenheit in den Orten geblieben, die gegen den Sand kämpfen und gegen die Armut, doch an den Xixia-König denkt hier jeder, vor allem auf dem Weingut, dem ersten in der Gegend und dem größten. Benannt – natürlich – nach dem König der Tanguten.

„Wie die Zeiten sich geändert haben!“ He Jinzhu lächelt. Seine Füße stecken im Staub, rötlich-braun bedeckt er die eigentlich glatt polierten schwarzen Schuhe. „Wer hätte gedacht, dass hier etwas so Großartiges gedeihen könnte?“ Es sind Weintrauben, wohin man auch blickt. He hebt den Finger und setzt mit seiner Erzählung an, nicht vom Xixia-König, aber von Xixia-König-Weinen. Seit 17 Jahren ist er Manager bei Xixia King Winery, eine Art „Vater der Reben“, wie er sagt. Einem Weingut, das 11.300 Hektar groß ist und vor allem Rotwein produziert, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot. 25 Sorten. 30.000 Tonnen im Jahr.

1000 Yuan, umgerechnet 120 Euro, kostet eine Flasche „Jade Spring“, die teuerste in den Regalen des Staatsunternehmens. Eigentlich ist es ein junges Gut, für China allerdings bereits ein alteingesessenes. „Ein Leuchtturm“, wie die Provinzregierung meint. 30 neue Güter sollen in den kommenden Jahren in Ningxia entstehen, der Staat hat die Förderung von Weinanbau zum nationalen Projekt erklärt und pumpt Geld in die verarmte Region. Selbst die Verkehrszeichen haben hier die Form von Flaschen.

In kaum einem anderen Land der Welt wächst der Weinkonsum so rasant wie im Reich der Mitte. China ist mittlerweile ein führender Markt für Luxusgüter und Genussmittel. Der chinesische Mittelstand schaut sich gern den westlichen Lebensstil ab, Wein gilt als Statussymbol, mit dem zunehmend auch die breite Masse ihre Kultiviertheit zeigen will. Es herrscht noch ein großer Nachholbedarf, die Weine schmecken oft sauer, Weißwein fristet ein Nischendasein. Also beschaffen sich die Chinesen weiterhin Fachwissen im Westen, lassen önologische Unternehmensberater einfliegen, schicken Studenten zur Weinausbildung ins Ausland. Der Einsatz zahlt sich offenbar aus. 2011 holte sich bei Decanter World Wine Awards, einem der größten Weinwettbewerbe weltweit, ein Wein aus Ningxia die begehrte Trophäe. Der Winzer des Unternehmens hat seine Ausbildung in Frankreich genossen.

Noch vor 35 Jahren, so erzählt Manager He Jinzhu in einem angenehm leisen Singsang, sei hier, am Fuße der Helan-Berge, wo es im Winter minus 18 Grad sind und im Sommer plus 32, Leere gewesen. Ein Nichts mit viel Sand und Wind. Kaum jemand habe seinen Fuß hierher gesetzt. Eines Tages aber müssen es einige Funktionäre getan haben. Sie befanden: Es ist eine perfekte Gegend für den Weinanbau. Ein neues Bordeaux! Das war verwegen und vielleicht auch größenwahnsinnig. Aber Größenwahn schreckt in China niemanden von seinen Plänen ab, mögen sie noch so kühn klingen.

1978 pflanzte die Ningxia-Staatsfarm-Gruppe hier im Sand von Yinchuan Weinreben aus Frankreich an, auf einer Fläche von gleich einmal 3000 Hektar. Es war der Anfang von Xixia King Winery. Mittlerweile hat das Unternehmen ein Kooperationsabkommen mit der französischen Holding Louis Vuitton Moet Hennessy.

Mit Cola oder Eiswürfeln

Die Geschichte des Weinanbaus nahm ihren Anfang in Shandong, einer Provinz an der Ostküste. Ein Diplomat aus Peking hatte Ende des 19. Jahrhunderts eine halbe Million Rebstöcke aus Europa und Amerika nach China importiert und in Shandong das erste Weingut gegründet. Die Firma Changyu ist auch heute noch – neben den Winzerei-Konglomerat Dynasty, an dem Rémy Martin beteiligt ist, und Cofco, das den wohl bekanntesten chinesischen Wein „Great Wall“ herstellt – einer der größten Weinproduzenten Chinas. Doch in Shandong pachten viele Bauern das Land. In Ningxia aber, das freut die Funktionäre besonders, besitzt die Regierung das Land, hat also keine renitenten Kleinbauern zu befürchten. Hier sind die Dimensionen des Anbaus von vornherein gewaltig.

He hat gleich nach seinem Landwirtschaftsstudium bei Xixia King angeheuert. Wein getrunken hatte er bis dahin allerdings nie. „Er roch ja immer so seltsam. Außerdem: Ich bin Muslim!“ Das ist er bis heute, aber Wein trinkt He jetzt fast jeden Tag. „Die Tropfen sind wie meine Kinder, man begleitet sie sozusagen durchs Leben, vom Labor aufs Feld bis in die Flasche. Da will man schon wissen, was dabei herauskommt“, sagt der Manager, als er an den Gläschen mit Samen vorbeiläuft. Hier im Forschungszentrum experimentieren Wissenschaftler mit neuen Sorten, testen die Pflanzen auf Temperatur und Feuchtigkeit.

Draußen reihen sich Gewächshäuser aneinander. Auf den Feldern schuften vor allem Bauern aus der Region. Auf Traktoren bringen sie Plastikkörbe voller Trauben auf das Gelände. Sie werden gewogen, sortiert, von einer Halle in die nächste transportiert, bis sie dann in den Holzfässern im Weinkeller des eleganten Château Yuquan, einem herrschaftlichen Bau im Stil der Song-Dynastie, landen. Hier versucht Winzer Bai Tianhua den Chinesen die Hausweine schmackhaft zu machen. Manche der Degustationsgäste schauen irritiert in die Gläser.

Chinesen sind Anfänger im Weintrinken. Manchmal mixen sie ihn mit Cola, werfen Eiswürfel in den Rotwein, trinken auch einmal ein Gläschen Schnaps hinterher. Die Qualität messen sie am Preis. Je teurer, desto besser. Da kann der Wein auch gern Korkgeschmack haben, das fällt vielen nicht auf. Hauptsache, der Wein ist süß, sehr süß. „Das mögen wir einfach“, erzählt Ding Ying, eine 23-jährige Studentin in Yinchuan. Ihre Liebe zu edlen Tropfen hat sie in Frankreich entdeckt. „Als ich zum ersten Mal Wein probierte, musste ich ihn sofort ausspucken, viel zu bitter.“ Doch sie sei nach Europa gegangen, habe sie sich stets gesagt, um die Kultur kennenzulernen. Also aß sie viel Käse, „zunächst auch eine große Überwindung“. Und versuchte es immer wieder mit dem Rebensaft. Rotwein, Weißwein. „Irgendwann war er einfach lecker, vor allem der Cabernet.“ Auch sie ist eine Hui, eine Muslimin. Doch Weintrinken gehört nun auch zu ihrer Alltagskultur. „Hier in Yinchuan gibt es noch keine coolen Weinbars wie in Peking, aber das wird kommen.“ Das glaubt auch Manager He. Vor allem aber tun es die Marktforscher.

2020 könnte das Land der größte Weinmarkt der Welt sein. Bereits 2011 sollen die Chinesen mit 1,7 Millionen Liter im Jahr genauso viel Wein trinken wie die Deutschen. Bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen sei in China eine große Steigerung nach oben möglich, heißt es stets. Ein riesiges Potenzial, das hier schlummert. Das hat auch der chinesische Staat längst erkannt.

Anbauflächen sind umsonst

Seit 2009 zahlt die Provinzregierung von Ningxia umgerechnet 250 Euro pro Hektar, um die Anbauflächen für Wein auszudehnen. Wer Weinberge anlegen will, kann sich bei der Provinz um Flächen bewerben, sie vergibt sie kostenlos. Agrarsteuern zahlen die Unternehmer nicht. 52 Winzereien gibt es bereits in Ningxia, privat geführte Mini-Betriebe wie das Silver Heights von der energischen Emma Gao oder eben den Riesen Xixia King.

Ein ganzes Reich, nicht mehr von kämpferischen Tanguten geführt, sondern ein Reich aus Reben. Die Menschen in Ningxia, von der Regierung in Peking oft vergessen, träumen einen großen Traum. „Wir wollen die Nummer Eins im Weinanbau werden, erst in China, dann in der Welt.“ He Jinzhu lächelt wieder und steckt sich eine dunkle Traube in den Mund.