Weißenfels spielt erstmals in der Basketball-Bundesliga und ist dort der einzige Ost-Verein: Die Helden der Kreisstadt

WEISSENFELS, 15. September. Das Büro von Ingo Wolf könnte alles sein, bloß kein Büro. Der Sicherungskasten hängt frei im Raum, über der Sockelleiste blättert der Putz, und die Sonne, die durch das große Fenster scheint, leuchtet die staubigen Ecken unbarmherzig aus. "Tja", sagt Ingo Wolf und streicht mit der flachen Hand über seinen Schreibtisch, "ist alles noch ein bisschen provisorisch hier."Seit Mai sitzt Wolf in diesem Zimmer. Ihm passt es selbst nicht, dass sein Büro so aussieht, als sei er erst gestern eingezogen. Aber andere Dinge sind wichtiger im Moment. Zwölf Stunden am Tag kümmert sich der 34-Jährige um Basketball. Zwölf Stunden am Tag nur um den SSV Weißenfels, der in die erste Bundesliga aufgestiegen ist. Am Sonntag beginnt für Weißenfels die neue Saison mit einem Auswärtsspiel beim TSK Bamberg. "Ich bin total aufgeregt", sagt Wolf, "mal sehen, ob sich die ganze Mühe gelohnt hat."Glücklicher AufstiegDie vergangenen Wochen waren anstrengend für den Manager. Wolf zog von Berlin nach Weißenfels in Sachsen-Anhalt, um in aller Eile ein professionelles Umfeld für die Basketballer zu schaffen. Erst mit siebenwöchiger Verspätung die Spieler waren gemeinsam im Urlaub auf Kreta hatten die Weißenfelser von ihrem Aufstieg erfahren. Der Erstligist Oberelchingen hatte wegen finanzieller Schwierigkeiten aufgegeben und Weißenfels, das zuvor in der Relegation nur knapp gescheitert war, durfte nachrücken. Die Freude war damals riesig, es gab Glückwünsche von der Bürgermeisterin die Basketballer waren die Helden der 40 000 Einwohner großen Kreisstadt. "Der SSV hat es geschafft, den Namen unserer Stadt in ganz Deutschland bekannt zu machen", schwärmte die Bürgermeisterin Gisela Bevier, "dafür verdient er höchste Anerkennung." Tatsächlich ist Weißenfels bekannter geworden. Nicht gleich in ganz Deutschland, zumindest aber in der Basketball-Szene. Ingo Wolf weiß das. "Jetzt gucken uns alle auf die Finger", sagt er, "die wollen doch wissen: Na, kriegen die Ossis das wohl hin?" Wolf ist sich selbst nicht sicher, ob die Saison ohne größere Pannen verlaufen wird. Auf seinem Tisch liegen viele kleine Zettel, fast alle sind mit einem gelben Neonstift markiert. Es ist noch viel zu organisieren, so muss zum Beispiel der ächzende Parkettboden in der Halle ausgebessert werden, wenn man die Sondergenehmigung des Deutschen Basketball-Bundes nicht verlieren will. Dringlich ist auch der Aufbau einer Merchandising-Abteilung. Kein einziges Geschäft hat Trikots, Schals oder Fahnen in den rot-weißen Vereinsfarben im Angebot. Wolf hat schon konkrete Pläne, doch so richtig kommt er nicht vorwärts, weil er sich lange Zeit auch noch nach neuen Spielern umgucken musste. Nur um eines braucht sich Wolf keine Sorgen zu machen: die Zuschauer. Die Sporthalle West ist mit 700 Besuchern seit zwei Jahren ausverkauft, und selbst als Weißenfels noch in der Regionalliga spielte kamen 500 Fans. Vorbild Alba BerlinBasketball hat Tradition in Weißenfels. 1958 wurde am Goethe-Gymnasium eine Jugendmannschaft aufgebaut, wenig später ein Verein gegründet, und schon zu den Olympischen Spielen 1960 in Rom entsandten die Weißenfelser einen Spieler. Von der Geschichte ihres Klubs wissen die jungen Fans allerdings wenig. Sie kommen, "weil Basketball hip ist", wie der Trainer Frank Menz sagt. Und sie kommen, weil es keinen anderen Spitzensport gibt im Umland. Leipzig und Halle bieten nur Drittliga-Fußball, und Magdeburg mit seinen Bundesliga-Handballern ist schon zu weit entfernt. Viele Fans nehmen Anfahrtswege von über 100 Kilometern in Kauf, um Basketball in Weißenfels zu sehen. "Die Region besitzt ein riesiges Potenzial", sagt Wolf, "langfristig können wir eine Spitzenmannschaft werden."Was ein erfolgreiches Team ausmacht, wissen die Verantwortlichen im Verein genau. Ingo Wolf spielte Anfang der 90er-Jahre bei Alba Berlin, Trainer Frank Menz ebenfalls, und Ingo Freyer, der Regisseur, holte mit den Berlinern 1995 den Korac-Cup. Alba ist für Weißenfels Vorbild und Ratgeber zugleich. Das sperrige Amtsdeutsch in den Regularien des Basketball-Bundes ist Wolf oft noch ein Rätsel. Albas Manager Marco Baldi und Geschäftsführer Robert Mayer geben in solchen Fällen bereitwillig Auskunft; die Beziehungen zu den Berlinern sind bestens. Als Weißenfels noch in der Regionalliga spielte, gab es sogar einen regelrechten Hauptstadt-Tourismus. Fünf Spieler reisten zwei Mal wöchentlich aus Berlin an und fuhren nach dem Training gleich wieder nach Hause. Jetzt stehen mit Ingo Freyer, Nils Collingro und Kay Wehry drei Berliner im Kader, die in Weißenfels eine Wohnung haben. Die starke Identifikation mit der Stadt sei typisch für das gesamte Team, sagt Ingo Wolf. "Wer zu uns kommt, denkt nicht nur ans Geld. In Weißenfels zahlen einem auch die Zuschauer viel zurück."SSV WEISSENFELS Nach 20 Jahren wieder in der ersten Liga // 1958 machte der Lehrer Horst Müller die Weißenfelser mit dem Basketball bekannt. Nach nur vier Wochen hatte Müller am Goethe-Gymnasium so viele Schüler für den neuen Sport begeistert, dass er eine Basketball-Abteilung im Verein Einheit Weißenfels gründete.1979 schaffte Weißenfels den Sprung in die Oberliga, der höchsten Spielklasse in der DDR. Zwölf Jahre gehörte der Verein dieser Liga an und belegte 1991 den dritten Platz. Im selben Jahr nahm Weißenfels am Korac-Cup teil bis heute der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte.