TURIN. Dietmar Haaf musste bereits im ersten Versuch daran glauben. Im ersten Versuch des Weitsprung-Finales bei der Hallen-EM in Turin flog Sebastian Bayer am Sonntag nämlich auf 8,29 Meter. Damit übertraf der 22-Jährige nicht nur alle Erwartungen, die gesamte Konkurrenz und seinen erst kürzlich mit großem Erstaunen registrierten Bestwert von 8,17 Meter. Er übertraf auch Haafs 20 Jahre alten deutschen Hallenrekord.2,29 Meter gelten derzeit auf europäischer Ebene als nahezu unschlagbar. Und so trat Sebastian Bayer am Sonntag zu seinen nächsten drei Versuchen erst gar nicht an. Der Wettkampf schien eh gelaufen. Doch Sebastian Bayer irrte. Er hatte seine Rechnung ohne sich selbst gemacht: In der sechsten und letzten Runde, als Sebastian Bayer bereits als Überraschungs-Europameister feststand, streifte er noch einmal die Trainingshose ab und gab dem ohnehin schon begeisterten Publikum im Oval Lingotto einen tragenden Klatschrhythmus vor. Dann rannte er los, machte seine 20 abgezählten Schritte, hob ab und widerlegte alle bis zu diesem Zeitpunkt geltenden Schwerkraftverhältnisse.Mit einem kurzen Jubelschrei und rudernden Armen stieg Bayer aus der Sandgrube. Er wusste, dass ihm ein sehr guter Sprung gelungen war. Banges Warten, die längsten Sekunden dieser Europameisterschaft. Als dann aber 8,71 Meter auf der Anzeige leuchteten (in Worten: Acht-Sieben-Eins), da glaubten Bayer und mit ihm wohl fast alle anwesenden Erdenbewohner an einen Computer-Streich. 8,71 - das lag dann doch ein ganzes Stück über dem Wahrscheinlichkeitsbereich. Aber 8,71 stimmten.Sebastian Bayer war unmittelbar nach dem Flug seines Lebens nicht sprachlos. Er war schockiert. Und blass. Als er sich wieder ein wenig gefasst hatte, sagte er: "Keine Ahnung, wie man so etwas feiert. Da muss ich erst einmal jemanden fragen, der das schon einmal gemacht hat." Das Problem besteht allerdings darin, dass es kaum jemanden gibt, den er da fragen könnte. Nur ein Mensch ist bislang unter einem Hallendach weiter gesprungen: der US-Amerikaner Carl Lewis im Jahr 1984.Erinnerungen an Bob BeamonMan soll diesen Ausdruck ja nicht überstrapazieren, aber Sebastian Bayer vom Bremer LT hat am Sonntag in Turin Sportgeschichte geschrieben. Bundestrainer Herbert Czingon sprach von einer Sternstunde der Leichtathletik. Im Kreis internationaler Sportjournalisten fiel mehrfach der Name Bob Beamon, der 1968 bei den Olympischen Spielen den Freiluft-Weltrekord auf 8,90 Meter geschraubt hatte. Bayers Freundin, die Hürdensprinterin Carolin Nytra, weinte einfach. Und Sebastian Bayer selbst fiel zu all dem nur ein: "Die Anlage ist sehr gut hier in Turin."Das war sie zweifellos. Auch Nils Winter, der bisherige Dauer-Siebte des DLV, übertraf auf dem federnden Boden in Turin mit 8,22 Meter seine persönliche Bestleistung und wurde dafür mit Silber belohnt. Doch einzig mit einem Hinweis auf die Anlage, dass ahnte auch Bayer, würde sich die Öffentlichkeit nach seiner wahnwitzigen Leistungssteigerung nicht zufrieden geben. Also sagte er: "Ich habe immer behauptet, dass man clean 8,50 Meter springen kann. Jetzt habe ich mich selbst widerlegt." Er meinte natürlich mit der Weite, nicht mit der Sauberkeit.Bundestrainer Czingon sprach sich vehement dagegen aus, immer an Doping zu denken, wenn Topleistungen erzielt werden. Er warnte hinsichtlich der WM im August in Berlin lieber vor überzogenen Erwartungen an jenen jungen Mann, der vor einer Woche noch nahezu unbekannt war und der seit gestern das Aushängeschild der deutschen Leichtathletik ist. "Ich habe Angst, dass diese Weite wie ein Kloß an ihm hängen wird", sagte Czingon.Ein stattliches Gewinner-Lächeln konnte er in seiner Angst dennoch nicht verbergen. Am Abschlusstag gewann neben Bayer auch die Hochspringerin Ariane Friedrich Gold. Der Stabhochspringer Alexander Straub und die Hürdensprinterin Verena Sailer holten überraschend ebenso Bronze Ralf Bartels im Kugelstoßen. Insgesamt zehn Medaillen nimmt der DLV nun mit nach Hause. Vor der Abreise nach Turin war Czingon für genau diese Prognose noch belächelt worden. Vor dem Rückflug nach Deutschland sang die gesamte Reisegruppe "Berlin, Berlin, auf geht's nach Berlin."Wenn es eine Krise der deutschen Leichtathletik gibt, dann hat sie sich an diesem Wochenende in Turin gut versteckt.------------------------------Die weitesten SätzeHalle8,79 m Carl Lewis (USA) 27.01.848,71 m Sebastian Bayer (D) 08.03.098,62 m Ivan Pedroso (Kuba) 07.03.998,60 m Ivan Pedroso 16.02.978,59 m Miguel Pate (USA) 01.03.028,56 m Carl Lewis 16.01.828,56 m Yago Lamela (ESP) 07.03.99.8,25 m Dietmar Haaf (D) 26.02.89Freiluft8,95 m Mike Powell (USA) 30.08.918,90 m Bob Beamon (USA) 18.10.688,87 m Carl Lewis 30.08.918,86 m R. Emmiyan (UdSSR) 22.05.878,79 m Carl Lewis 19.06.838,76 m Carl Lewis 24.07.82.8,54 m Lutz Dombrowski (D) 28.07.80------------------------------Foto: Die Schwerkraft gilt für alle - aber Sebastian Bayer kann ihr beim Sprung in die Grube länger etwas entgegensetzen.