Jede Art Glaube ist selbst ein Ausdruck von Entselbstung, von Selbstentfremdung", hatte Nietzsche schon 1888 erkannt und in den "Antichristen" hineingeschrieben: Erwöge man, "wie notwendig den allermeisten ein Regulativ ist, das sie von außen her bindet und festmacht, wie der Zwang, in einem höheren Sinne die Sklaverei, die einzige und letzte Bedingung ist, unter der der willensschwächere Mensch, zumal das Weib, gedeiht", so verstünde man auch den Glauben. Auch wenn die großen Religionen sich derzeit (mit Ausnahme des Islams vielleicht) in einer taktischen Defensive zu befinden scheinen, hat Nietzsche doch bis heute eigentlich Recht behalten. Der unverbrüchliche Wille zum Glauben, fast egal an was, eignet heute noch den willensschwächeren Menschen. Die Bereitschaft, die Verantwortung für das eigene Leben outzusourcen, an irgendein diffuses "Schicksal" zu delegieren, ist - Aufklärung hin, Dialektik der Aufklärung her - bis heute ungebrochen. Einerlei, ob es sich bei dem von Nietzsche adressierten Regulativ um ethnische Zugehörigkeit, Physiognomie oder - populärste Form des säkularen Aberglaubens - um Sternzeichen handelt: Hauptsache, die gesamte Menschheit lässt sich in ein Schema pferchen, und man muss danach nicht mehr denken. "Die Schwarzen haben den Rhythmus ja im Blut!" - "Hast Du gesehen, dass seine Augenbrauen zusammengewachsen sind?" - "Wassermann und Schütze?! O, das geht gar nicht!" Argh!In jüngster Zeit sind es vor allem die Gene, die für die selbst gewählte Entselbstung herhalten müssen und für jedes Detail unseres diesigen Daseins verantwortlich zeichnen sollen. Als ich vor einiger Zeit einmal in einer anderen Zeitung einen glossierenden Artikel über das so genannte "Obdachlosigkeits-Gen" veröffentlichte und mich darin zu der wüsten Behauptung verstieg, US-Wissenschaftler hätten ein Gen identifiziert, das seine Träger im späteren Leben für die Obdachlosigkeit prädestiniere, rief mich prompt eine Redakteurin des (damals noch) Frauensenders TM3 an. Sie fände das Thema hochspannend. Man wolle einen Beitrag darüber machen.Deshalb hat es mich auch nicht großartig gewundert, als mir ein Freund erzählte, seine Freundin mache jetzt eine Blutgruppendiät. Eher verblüffte mich, dass die Esoterikfraktion nicht schon viel früher dem Charme dieses simplen, aber bestechenden Rasters erlegen ist. Lässt sich damit doch die Menschheit bequem in A, B, AB und 0 klassifizieren und zudem diese saubere Vierteilung vorzüglich mit der antiken und mittelalterlichen Lehre der Temperamente zur Deckung bringen. (Mit dem einen Schönheitsfehler, dass streng genommen nur der Sanguiniker mit dem Blut in Verbindung steht, während sich Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker auf die anderen Körpersäfte - gelbe und schwarze Galle sowie Schleim - aufteilen.) Hervorragend geeignet ist das jedenfalls, um eine aufgeklärte Rassismus-light-Variante mit medizinisch-naturwissenschaftlichem Anstrich zu begründen.Tatsächlich ergibt eine Internet-Recherche, dass bereits seit 1999 - also noch pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum der Entdeckung der Blutgruppen durch den österreichischen Arzt Karl Landsteiner im Jahr 1900 - das Buch "4 Blutgruppen" eines Peter J. D Adamo vorliegt, das genau dieses Manöver vollzieht. Der Inhaltsangabe entnimmt man, dass etwa der AB-Typ als "der Rätselhafte" gilt und "chamäleonhaft" auf Veränderungen seiner Umwelt reagiert, wohingegen der B-Typ als Nomade vorgestellt wird, der "auf Stress am Besten mit Kreativität" reagiert, der A-Typ dagegen als "Landwirt", der "erntet, was er sät". Der 0-Typ ist als "Mensch mit der ältesten grundlegenden Blutgruppe" der archetypische "Jäger" und "Überlebende an der Spitze der Nahrungskette". Bedauerlicherweise scheint sich das Buch im weiteren Verlauf lediglich Fragen der richtigen, also blutgruppenspezifischen Diät zuzuwenden. Wir dürfen dennoch zuversichtlich sein, dass die Para- und Pseudowissenschaften die sich neu auftuenden Wissenslücken in Bälde schließen und Schnittstellen mit anderen Glaubenssystemen herstellen werden. Dann werden wir endlich erfahren, welche Blutgruppe mit welchem Sternzeichen harmoniert, welche am klügsten, welche am dümmsten ist, und vielleicht sogar, welche den Längsten hat. Auch die Werke Nietzsches werden in völlig neuem Licht erscheinen, wenn man erst mal herausgefunden haben wird, dass er ein typischer AB-Typ war.