Deutschland will vom russischen Erdgas loskommen, um eine Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine zu zeigen. Aktuell kommen laut den aktuellsten Statista-Daten (2020) etwa 49 Prozent des deutschen Erdgases aus Russland. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck ist daher Ende März nach Katar gereist und kam mit einer Erfolgsmeldung zurück: Bei seinem Besuch am Wochenende habe Habeck eine langfristige Energiepartnerschaft mit dem Emirat vereinbart, teilte sein Ministerium mit. Nach lange stagnierenden Gesprächen über Gaslieferungen aus Katar sollten diese nun weiter „vorangetrieben“ werden. Von einem konkreten Deal, wie von Habeck insinuiert, weiß in Katar niemand etwas.

Laut Katars Energieminister Saad Sherida al-Kaabi ist es nämlich gar nicht möglich, dass Katar in großem Stil liefert. Al-Kaabi sagte der belgischen Wirtschaftszeitung L’Echo vom Dienstag, Katar prüfe „alle möglichen Maßnahmen, um Europa in dieser Energiekrise zu unterstützen“. Doch kurzfristig sei von Katar nichts zu erwarten: „Niemand verfügt derzeit über ausreichende Kapazitäten, um russisches Gas zu ersetzen, und Europa verfügt nicht über die notwendige Infrastruktur.“ Deutschland ist in diesem Punkt noch schlechter dran als andere Länder, denn während Länder wie Kroatien wenigstens über Flüssiggas-Terminals verfügen, müssen die deutschen Behörden erst den Widerstand grüner Umweltschützer überwinden, die gegen den Bau von zwei geplanten Terminals in Schleswig-Holstein sind.

Der Beitrag Katars kann also nur sehr bescheiden ausfallen. Al-Kaabi versucht in dem Interview daher durchaus raffiniert, den Europäern etwas zu verkaufen, was ihnen schon gehört: „Aus heutiger Sicht stellen wir sicher, dass unser gesamtes LNG, das bereits für Europa bestimmt ist, dort bleibt. Im Rahmen des britischen und EU-Hub-Modells erlauben Katars aktuelle Verträge in Europa die Umleitung von LNG, wenn dies für es wirtschaftlich vorteilhaft ist. Aber Katar hat sich verpflichtet, dasselbe LNG in Europa zu behalten und es nicht in andere Regionen umzuleiten, um in dieser Krisenzeit seine Solidarität und seine Unterstützung für Europa zu zeigen.“

Al-Kaabi tröstet die Europäer damit, dass Katar die Lieferungen wenigstens nicht reduzieren will. Er sagte: „Wir werden unsere derzeitigen Verpflichtungen erfüllen und sicherstellen, dass die Lieferungen pünktlich und gemäß unseren Vereinbarungen erfolgen. Etwa 10–15 Prozent unserer Gesamtkapazität werden bereits nach Europa geliefert. Aus Solidarität mit Europa leitet Katar keine Fracht um. Dies bedeutet, dass mehr Flüssiggas aus Katar in Europa verbleiben und die Bevölkerung in diesen schwierigen Zeiten unterstützen wird.“ Dieser Trost ist allerdings an der Grenze zur Verspottung und setzt voraus, dass das Gegenüber wenig durchschaut hat.

Katar baue seit Jahren seine Gaskapazitäten in Europa aus und wolle Europa künftig mit zusätzlichen Mengen LNG versorgen. Katar plant laut dem Energieminister, seine Produktion im Jahr 2026 von 77 Millionen auf 126 Millionen Tonnen pro Jahr zu steigern. Wenn die laufenden Verträge in den kommenden Jahren auslaufen, sollten die Kataris neue Kapazitäten haben, um mehr Gas nach Europa zu bringen. Al-Kaabi lässt keine Illusionen zu: „Bis dahin sind wir an unsere bestehenden Vereinbarungen gebunden.“

Schließlich wird al-Kaabi knallhart: Es sei nicht möglich, „unsere Verträge mit Kunden auf dem asiatischen Markt zu kündigen“. Al-Kaabi: „Wir produzieren seit 26 Jahren Gas und haben unsere Verpflichtungen nie verfehlt. Sie verlassen sich auf unsere Energie, genau wie ein Großteil der Welt. Wir sind entschlossen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Europa zu unterstützen. Fast unser gesamtes Gas ist jedoch an bestehende langfristige Verträge gebunden. Diese Verträge mit asiatischen Kunden erlauben es uns größtenteils nicht, Lieferungen einseitig auf der Grundlage der Marktkräfte umzuleiten. Wir können diesen Verpflichtungen nicht den Rücken kehren und werden im Gegenteil alles tun, um alle unsere Partner mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen.“

Al-Kaabi lässt darüber hinaus keinen Zweifel daran, dass die Europäer selbst schuld seien an dem Problem. Er sagte der Zeitung: „Europa hat sich seit Jahren von LNG abgewandt, befindet sich nun aber in einer schwierigen Situation. Europäische Regierungen haben Öl- und Gasunternehmen aufgefordert, sich auf erneuerbare Energien zu konzentrieren. In Kombination mit der Covid-19-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine hat diese Situation die Preise in die Höhe getrieben.“ Und nun werde immer bedient, wer die gestiegenen Preise bezahlen und auch durch die entsprechende Infrastruktur verarbeiten kann. Der Minister: „Jeder auf der ganzen Welt, der Gas kauft, reist für zusätzliche Lieferungen nach Katar.“ Deutschland muss sich hinten anstellen - und die Profis vom Golf haben das dem deutschen Wirtschaftsminister auch unmissverständlich mitgeteilt. Ob die Kataris mit Russland in dieser Frage über Bande spielen ist nicht klar. Denn Katars Staatlicher Pensionsfonds ist stark in Russland investiert, die Kataris sind außerdem Shareholder bei Rosneft. An den westlichen Sanktionen hat sich das reiche Land daher nicht beteiligt - weil es seine eigenen Assets in Russland nicht wertmindernd belasten will.

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