Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank und Chef des Bundesverbands deutscher Banken, sieht die Inflation als „längerfristig“ an. Wenn die Rahmenbedingungen so bleiben, wie sie jetzt sind, sei für das laufende Jahr mit „sieben bis acht“ Prozent zu rechnen, sagte Sewing am Montag in Berlin. Sollte allerdings auch noch ein Energieembargo hinzukommen, könne die Inflation „auch in diesem Jahr temporär zweistellig werden“. Sewing: „Mit über sieben Prozent hat die Inflation ein Niveau erreicht, das noch vor Kurzem außerhalb unserer Vorstellungskraft lag.“ Hauptgrund für die hohe Inflation seien zwar die steigenden Energiepreise, gleichzeitig gebe es aber auch strukturelle Ursachen für die hohen Teuerungsraten. „Mit jedem Monat wächst die Gefahr, dass sich dieses Niveau festsetzt. Darauf haben die privaten Banken seit Langem hingewiesen“, so Sewing. Daher bestehe dringender Handlungsbedarf. „Hohe Inflationsraten haben enorme Umverteilungseffekte und belasten insbesondere Menschen mit geringem Einkommen. Sie sind deshalb Gift für die Stabilität unserer Wirtschaft und eben auch unserer Gesellschaft. Falls es zu einem Import- oder Lieferstopp von russischem Öl und Erdgas käme, würde sich die Situation noch einmal verschärfen. Eine deutliche Rezession in Deutschland wäre dann kaum zu vermeiden“, so der Bankenpräsident.

Vieles spreche dafür, dass die Europäische Zentralbank bald die Netto-Anleihenkäufe beende und ein erstes Zinssignal setze. Allerdings erwartet Sewing nur zwei moderate Zinsschritte im dritten und vierten Quartal. Er selbst hätte sich schon früher Zinserhöhungen erhofft, etwa in dem Ausmaß, wie es die US-Notenbank Federal Reserve seit einiger Zeit praktiziert. Eine entschlossene Zinswende ist in Europa schwierig, weil sich die Staaten im Zuge der Null- und Negativzinsen weiter billig verschulden konnten. Doch Sewing sieht Anzeichen einer Trendwende, was die Schuldentragfähigkeit anbelangt. Sowohl die Zinsen für Staatsanleihen als auch die Kosten für Kreditausfallversicherungen (CDS) seien gestiegen. Sewing: „Viele Staaten können keine neuen Schulden aufnehmen. Wir brauchen mehr privates Kapital in Europa.“ Die „günstigste Refinanzierung“ von ambitionierten Projekten wie Corona-Kosten, Klimaprogrammen und Kriegsfinanzierung wäre durch eine „Banken- und Kapitalmarktunion“ in Europa zu erreichen. Die Industrie befinde sich darüber hinaus in einem teuren Umstellungsprozess: Die weltweiten Lieferketten würden künftig nicht mehr nach dem Prinzip „just in time“, sondern nach dem Prinzip „just in case“ konzipiert – ein fundamentaler Wandel für alle Unternehmen.