Die größte Gefahr eines Krieges entsteht durch die Erzeugung einer Kriegshysterie; und zwar dann, wenn „die entwickelte Technik und die entwickelte Schamlosigkeit“ sich vereinen und mit den Möglichkeiten der Massenmedien die „Angst in eine Panik verwandelt“ wird. Dann werden Grenzen überschritten und es ist so, dass eine „Depesche ein Kriegsmittel wie eine Granate“ ist.

Es war im Jahr 1914, als Karl Kraus in der „Fackel“ gegen die Manipulation des kollektiven Bewusstseins anschrieb. Soeben war das Gerücht der angeblichen Folter eines österreichischen Diplomaten in Albanien von dem an Auflage eher unbedeutenden Neuen Wiener Journal in Umlauf gebracht worden. Die Falschmeldung verbreitete sich und wuchs sich, wie Edward Timms in seiner Kraus-Biografie schreibt, „rasch zu einer hysterischen Serbenfeindlichkeit aus, wobei die Zeitungen darum wetteiferten, immer neue und noch scheußlichere Einzelheiten der angeblichen Ereignisse zu liefern“.

Kraus verweist auf die Macht des modernen medialen Apparats, der „systematisch, telegraphisch, telephonisch, photographisch“ eine „schauerliche Symphonie“ erschafft, eine Symphonie „der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden“. In seinem Anti-Kriegs-Text „In dieser großen Zeit“ schreibt Kraus 1914, dass die erste Welle des millionenfachen Mordens in Europa jene sei, in der „geschehen muss, was man sich nicht mehr vorstellen kann, und könnte man es, es geschehe nicht“.

Viel weiter sind wir offenbar kriegskulturell in Europa auch hundert Jahre später nicht, wenngleich gesagt werden kann: Wir können uns heute im großen Maßstab so ziemlich alles vorstellen. Die militärische Ära ist geprägt vom Einsatz von Technologien, in denen die Täter für die Opfer unsichtbar bleiben und die Mörder nicht mehr in „das brechende Auge eines sterbenden Kriegers auf dem Schlachtfelde“ blicken müssen, wodurch sie abgeschreckt werden sollten – wie Karl Kraus das damals beschrieb.

Wenn heute eine Drohne eine Hochzeitsgesellschaft im Jemen trifft, dann weiß keiner der schuldlos zu Tode Gekommenen, wer ihn angegriffen hat. Und wenn junge Soldaten über Videokameras auf schemenhafte Personen schießen wie im Video von „Collateral Murder“, dann können sie nicht mehr sagen, wo die virtuelle Welt in die reale übergeht. Ähnliches gilt für Cyberattacken, bei denen mit Sicherheit niemals mehr gesagt werden kann, wer hinter einem Angriff steckt. Wer verdächtigt wird, muss seine Unschuld beweisen, was in der Regel unmöglich ist.

Die damit zusammenhängenden Fragen von Moral und Gewissen, von Verantwortung und Schutz der Zivilbevölkerung erfordern im Grunde eine neue Haager Landkriegsordnung und vermutlich sogar eine Neuinterpretation des UN-Gewaltverbots. Das gilt im Übrigen nicht erst im Kriegsfalle – von dem man ja mittlerweile nicht mehr weiß, ob er nicht schon eingetreten ist, mit der fortgesetzten Symphonie der Panik und Angstmache, die ja auch der Zivilbevölkerung Schaden zufügt, lange bevor überhaupt ein Schuss fällt.

Wenn man hinter all dem Kriegsgeheul versucht herauszufinden, ob eine militärische Konfrontation zwischen Russland und dem Westen nun kommt, oder, wie nach dem Besuch von Olaf Scholz in Moskau vermutet werden könnte, eine gewisse Annäherung gelingen könnte, so muss man kurz alle Kanäle auf „stumm“ schalten und das große Bild in den Blick nehmen.

Die US-Zeitschrift Foreign Policy, ein Zentralorgan der US-Geheimdienste, bringt in einer Analyse das Kernthema zur Sprache: Die harte Haltung der US-Regierung gegen Russland habe China veranlasst, sich viel deutlicher als noch 2014 unmissverständlich auf die Seite Moskaus zu schlagen. Daher müsse sich Europa nun von China lossagen, weil es im Falle einer Eskalation keine doppelten Standards mehr geben werde.

Foreign Policy zitiert unter anderem ein SPD-Papier aus dem Jahr 2020 (hier die englische Fassung), in dem China als „systemischer Rivale“ Europas bezeichnet wird. Europa müsse sich nun entscheiden – und im Falle von Sanktionen alle chinesischen Komponenten von „technologischen Kooperationen“ mit China überdenken. Die Aktivierung des Sanktions-Regimes, auf das sich die USA und der Westen anscheinend geeinigt haben, dürfte weit mehr sein als nur die Sperrung von einigen Konten von Oligarchen. Der globale Watchdog für die Märkte, das Financial Stability Board, warnt den Westen davor, dass die Folgen der geplanten Russland-Sanktionen zu schweren Verwerfungen führen könnten.

Es wird deutlich, dass es um weit mehr geht als um russische Panzer und Haubitzen. Denn wie zu Kraus’ Zeiten eine „Depesche ein Kriegsmittel wie eine Granate“ sein konnte, kann heute eine Börseninformation wie eine Mittelstreckenrakete einschlagen und wirtschaftliche Zerstörung anrichten.

Die Depeschen von heute aber sind Algorithmen, die den Welthandel steuern. Deren Natur kennt niemand, doch sie sind schneller, als wir denken können. Worauf wir genau schauen sollten: Ob es zu einer wirtschaftlichen Eskalation und somit zu einem globalen Finanzkrieg kommen könnte.

Die jüngsten Erschütterungen an den Börsen könnten Vorboten sein. Es kann jedenfalls viel geschehen, was wir uns heute noch nicht vorstellen können.