Vor der Moskau-Reise von Bundeskanzler Olaf Scholz liefen die diplomatischen Bemühungen um eine Lösung in den festgefahrenen Ukraine-Gesprächen hochtourig, jedoch gewissermaßen im Leerlauf: Ein über eine Stunde dauerndes Gespräch zwischen den Präsidenten der USA und Russlands, Joe Biden und Wladimir Putin, sei „geschäftsmäßig“ vonstattengegangen, so der außenpolitische Berater des Kreml, Juri Uschakow, laut Reuters. Putin habe Biden gesagt, dass die amerikanische Reaktion auf die russischen Forderungen nach Sicherheitsgarantien nicht ausreichend und die Antwort Moskaus auf die Nato-Vorschläge fertig seien. Um mögliche neue Sanktionen sei es nicht gegangen.

Anders als in Deutschland, wo Spekulationen über einen möglicherweise bevorstehenden neuen Krieg die Schlagzeilen vieler Medien dominierten, postete die New York Times als Hauptgeschichte am Sonntag eine Recherche, wie es dem früheren Präsidenten Donald Trump gelungen sei, seine Amtszeit für lukrative Geschäftsideen zu nutzen. Auch bei der Washington Post fand am Sonntag noch kein Weltkriegs-Alarmismus statt. Die geopolitische Hauptgeschichte der Post befasste sich mit der Frage, ob nicht die massive russische Truppenpräsenz in Belarus eine zu wenig beachtete, realpolitische Entwicklung sei – auf die die Nato mit einer dauerhaften Truppenpräsenz in Osteuropa reagieren sollte.

Die geopolitischen Unsicherheiten werfen allerdings verstärkt Schatten auf die globale Finanzwirtschaft. Die Krise kommt zu einem Zeitpunkt, da Inflationsängste die Börsen nach unten treiben und nach der Pandemie weitere Schuldenberge abzutragen sind. Vergangene Woche legte David Kostin, Analyst bei Goldman Sachs, eine Markteinschätzung vor, die einen möglichen Kursverfall von bis zu knapp 25 Prozent für den New Yorker S&P-Index für möglich hält. In einem derartig volatilen Umfeld würde sich eine militärische Auseinandersetzung in Europa verschärfend auswirken.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat deshalb die Banken bereits in der vergangenen Woche aufgerufen, ihr Stressabwehr zu verstärken, um von Börsenabstürzen nicht überrascht zu werden. Immerhin ist nach Angaben aus Washington offenbar der Ausschluss Russlands aus dem Zahlungssystem Swift nicht mehr Teil des Sanktions-Pakets. Ein solcher beispielloser Schritt hätte, da herrscht Übereinstimmung unter Finanzmarktkennern, das Potenzial, einen Crash an den Märkten auszulösen. Da dieser unkontrolliert vonstattengeht, wurde das Werkzeug wieder aus dem Sanktionskasten entfernt – nicht um Russland zu schonen, sondern weil sich der Westen nicht dem Risiko des Kontrollverlusts aussetzen möchte.

Die EZB hat ihre Warnung laut Reuters allerdings erweitert und die Banken dringend aufgefordert, sich gegen Cyberattacken zu schützen. Andrea Enria, Vorsitzender der EZB-Bankenaufsicht sagte am Donnerstag, die Banken müssten sich auf Cyberangriffe vorbereiten und auch davon ausgehen, dass diese nicht kurzfristig unter Kontrolle zu bringen seien. Als Grund nannte Enria keine speziellen Staaten, sprach jedoch von „globalen Spannungen“. Wie gravierend Cyberattacken sein können, zeigte sich Ende Januar beim Hamburger Erdöl-Versorger Mabanaft: Das Unternehmen sorgt über seine Tochter Oiltanking Deutschland für die Beladung von Tanklastern und wurde im Januar Opfer eines Hackerangriffs. Am Sonntag berichtete Bloomberg, dass Mabanaft in einer Mitteilung an seine Kunden bekannt gegeben habe, dass die Behebung des Problems zunächst gescheitert sei und weiter mit signifikanten Einschränkungen gerechnet werden müsse. Oiltanking Deutschland liefert 15 bis 20 Prozent des deutschen Öl-Bedarfs aus. Wer hinter der Hackerattacke steht, ist völlig unklar.

Gerade die Tatsache, dass Angreifer bei einer Cyberattacke in der Regel so gut wie nie mit Sicherheit zu ermitteln sind, sorgt für Nervosität. So rief die US-Behörde CISA (Cybersecurity and Infrastructure Security Agency) zur Aktion „Shields Up!“ auf. Die Agentur „empfiehlt allen Organisationen – unabhängig von ihrer Größe – erhöhte Wachsamkeit walten zu lassen, wenn es um Cybersicherheit und den Schutz ihrer wichtigsten Vermögenswerte geht“. Die Behörde verdächtigt Russland, solche Attacken zu planen. Sie schreibt: „Die russische Regierung versteht, dass die Deaktivierung oder Zerstörung kritischer Infrastrukturen – einschließlich Strom und Kommunikation – den Druck auf die Regierung, das Militär und die Bevölkerung eines Landes erhöhen und deren Erreichen russischer Ziele beschleunigen kann.“ Belege für eine derartige Strategie Moskaus legt die Behörde nicht vor.

Ein Cyberangriff könnte jedoch – von welcher Seite auch immer – als Provokation gestartet werden, um die jeweils andere Seite zu einer militärischen Reaktion zu veranlassen. Wie überhaupt die Kontrahenten aktuell vor allem nach der Möglichkeit eines „Nadelstichs“ zu suchen scheinen, der den anderen aus der Reserve locken soll. Die Ukraine, die laut der Aussage ihres Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kein Interesse an einem Krieg hat und sich gegen die Panik der vergangenen Tage mit Kräften zu wehren versucht, probte am Wochenende laut der staatlichen ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform in der Oblast Cherson, nahe der administrativen Grenze zur besetzen Krim, unter der Aufsicht des Präsidenten „taktisch-spezielle Übungen“ des Innenministeriums.