Die Lage in der Ukraine ist auch am dritten Tag nach dem russischen Angriff schwer zu beurteilen. Westliche Medien werden offenbar gezielt von Kampfschauplätzen ferngehalten, in ihrer Arbeit behindert oder haben es gar nicht mehr geschafft, rechtzeitig an die richtigen Orte zu gelangen. Dieser Umstand zeigt, dass Russland entschlossen ist, die Deutungshoheit über das Kriegsgeschehen vollständig zu behalten. Anders als bei westlichen Militäreinsätzen erlaubt die russische Armee den Einsatz von „embedded journalists“ nicht.

Die Bild-Zeitung räumte in einer Sondersendung am Freitag ein, von Russlands Präsident Wladimir Putin getäuscht worden zu sein: Die Redaktion hätte mit einer Invasion im Donbass gerechnet, nicht aber mit einem Angriff auf das ganze Land. Die Zeitung berichtet dessen ungeachtet intensiv und liefert einige Videos, die aber auch auf anderen Kanälen und Social Media kursieren und deren Authentizität nicht überprüft werden kann.

Das russische Militär selbst liefert nur spärliche und unregelmäßig Informationen – die natürlich ausschließlich Erfolge zeigen und Teil der Kriegsführung sind. Die offiziellen Informationen der ukrainischen Regierung sind vage und widersprüchlich. Es ist als Fazit aktuell noch nicht zu beurteilen, ob der Vormarsch der Russen wie geplant erfolgt – wie zuletzt Meldungen der selbsternannten Donbass-Führer nahelegen: Sie kündigten die Einrichtung eines humanitären Korridors für Angehörige der ukrainischen Armee an, die sich kampflos ergeben hätten. Westliche Nachrichtendienste dagegen teilen über die New York Times und den Guardian mit, dass die russischen Streitkräfte auf wesentlich stärkeren Widerstand stießen als ursprünglich erwartet.

Wegen des Überraschungsangriffs sind Original-Bilder und Videos aus den Kampfzonen spärlich. Die über die internationalen Nachrichtenagenturen einlaufenden Bilder zeigen Trümmer von Panzern, Fahr- oder sogar Flugzeugen, können aber weder zugeordnet noch kontextualisiert werden. Viele westliche Medien bringen dieselben Bilder und wiederholen diese in Ermangelung neuer Dokumente. Besonders eindrücklich ist ein Foto, welches Emilio Morenatti von der AP in Kiew von Natali Sevriukova aufgenommen hat, die vor der Ruine eines von einer Rakete getroffenen Haus zeigt. Im Lauf des Samstag kamen aus der Ukraine und Polen zahlreiche Fotos, die Menschen auf der Flucht zeigen.

Orla Guerin von der BBC berichtet auf Twitter, sie sei am Samstagmorgen an den Wracks eines ukrainischen Transportzugs vorbeigefahren. In einem anderen bei der BBC eingebetteten Tweet ist ein brennendes Auto auf einer Straße zu sehen, es ist Nacht, Schüsse und wütende Schreie einer männlichen Stimme sind zu hören. Reuters berichtet von Raketenangriffen.

Reuters, die AFP und andere Medien berichten von einem konkreten Einschlag: Ein großer Wohnblock wurde nach Angaben der Zivilschutzbehörde zwischen dem 18. und 21. Stockwerk von einem Geschoss getroffen. Das Gebäude wurde geräumt, es gab zunächst keine Informationen über mögliche Opfer. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte, das Gebäude sei von einer Rakete getroffen worden.

AFoto: Efrem Lukatsky/AP/dpa
Ein Hochaus, das nach einem Raketenangriff beschädigt wurde.

Charles Stratford von Al Jazeera, der aus den Außenbezirken von Saporischschja im Südosten der Ukraine berichtet, sagte, es habe einen Luftangriff hinter dem Kontrollpunkt gegeben, der den Zugang zur Stadt blockiert habe. „Die Situation hier vor zehn Minuten war von völliger Panik. Ein Kampfjet flog sehr tief über uns hinweg, und plötzlich kam es zu einer offensichtlich gewaltigen Explosion“, sagte er. „Die Lage ist wirklich sehr angespannt. Auf unserem Weg zu diesem Kontrollpunkt sahen wir, wie Gräben ausgehoben wurden und was wie zivile Verteidigungskräfte aussah, die sich zusammen mit der Armee aufstellten, um Brückenpositionen zu verteidigen. Diese Stadt ist von enormer Bedeutung, sie hat ein riesiges Wasserkraftwerk – also eine sehr wichtige zivile Infrastruktur“, fügte Stratford hinzu. „Wir verstehen auch, dass es im Osten entlang der von Separatisten kontrollierten Linie erhebliche Kämpfe gibt.“

Amnesty International beschuldigte in einer Pressemitteilung vom Freitag die russischen Streitkräfte „wahlloser Angriffe auf zivile Gebiete und Angriffe auf geschützte Objekte wie Krankenhäuser“ und nannte drei Beispiele, darunter einen Angriff am Donnerstag in der Nähe eines Krankenhausgebäudes in Vuhledar im Osten von Donezk Region. Bei diesem Angriff seien vier Zivilisten getötet und zehn weitere verletzt worden, berichtete Amnesty. CNN berichtete ebenfalls über diese Ereignisse.

Laut der AFP liefert sich russische und ukrainische Kämpfer in der Nacht zum Samstag Gefechte auf der Siegesstraße, einer der Hauptverkehrsadern der Stadt, ein großer Wohnblock wurde von einem Geschoss getroffen. Nach ukrainischen Angaben befanden sich russische „Sabotagegruppen“ in der Hauptstadt.

Die ukrainische Armee berichtete auch von heftigen Kämpfen 30 Kilometer südwestlich der Hauptstadt. Dort versuchten russische Kräfte, Fallschirmjäger landen zu lassen, hieß es.

Im Osten des Landes waren nach Angaben von AFP-Journalisten zahlreiche ukrainische Militärkonvois unterwegs. An den Ausfahrtstraßen der größeren Städte wurden militärische Straßenkontrollen eingerichtet. Alarmsirenen waren am frühen Samstagmorgen auch in Charkiw zu hören, einer Stadt nahe der russischen Grenze.

Russland nahm unterdessen nach eigenen Angaben die Stadt Melitopol im Süden der Ukraine ein. Die russische Armee habe „die vollständige Kontrolle“ über die Stadt unweit der Halbinsel Krim übernommen, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, im russischen Fernsehen. Moskau habe in der Nacht zum Samstag ukrainische Militäreinrichtungen mit Marschflugkörpern unter Beschuss genommen.

„In Kiew sind heftige Gefechte im Gang. Die ukrainische Armee hat russische Saboteure zurückgedrängt“, teilte der ukrainische Informationsdienst am frühen Samstagmorgen mit. AFP-Journalisten berichteten von lauten Explosionen im Zentrum von Kiew.

Die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass meldet, die russischen Streitkräfte führten einen präzisen Marschflugkörperangriff mit luft- und seegestützten Marschflugkörpern auf Objekte der ukrainischen Militärinfrastruktur durch. Das gab der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Samstag bekannt.  Die russischen Streitkräfte hätten demnach „821 Objekte der ukrainischen Militärinfrastruktur getroffen, darunter 14 militärische Landebahnen, 19 Kontrollzentren und Kommunikationsknoten, 24 S-300- und Osa-Raketen-Luftverteidigungssysteme, 48 Radarstationen“. Und weiter: „Insgesamt wurden sieben Militärflugzeuge, sieben Helikopter und neun Drohnen abgeschossen. Insgesamt wurden 87 Panzer und andere gepanzerte Fahrzeuge, 28 Mehrfachraketensysteme, 118 spezielle militärische Automobilfahrzeuge eliminiert. Die russische Marine zerstörte acht ukrainische Militärpatrouillenboote.“ Die russischen Angaben lassen sich nicht überprüfen.

Die staatliche ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform melder, dass seit Beginn der russischen Invasion „mehr als 3.000 Invasoren getötet und mehr als 200 Menschen gefangen genommen“ worden seien. Der ukrainische Verteidigungsminister, Oleksii Reznikov, sagte laut Ukrinform: „Die Zahl wächst. Feinde ergeben sich. Mehr als 55 Stunden Widerstand. Unsere Verteidiger haben die Pläne des Feindes vollständig zerstört. Bis heute Morgen wurden mehr als 3.000 russische Besatzer getötet. Mehr als 200 Eindringlinge wurden gefangen genommen. Die Zahl der Gefangenen nimmt zu.“

Reznikov sagte auch, dass Hunderte von gepanzerten Fahrzeugen zerstört worden seien, darunter mehr als 100 russische Panzer. Ihm zufolge wurden am Freitag sieben russische Hubschrauber von Stinger-Systemen abgeschossen.  (mit AFP)

Yuriy Dyachyshyn / AFP
Menschen warten am 26. Februar in Lviv auf einen Zug nach Polen.

Nach Angaben der ukrainischen Regierung wurden bis Samstagmittag 198 ukrainische Zivilisten getötet. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte laut AFP, es werde neue Waffenlieferungen aus dem Ausland geben. „Waffen und Ausrüstung unserer Partner sind auf dem Weg in die Ukraine. Die Anti-Kriegs-Koalition funktioniert“, schrieb der Staatschef am Samstag auf Twitter nach einem Telefonat mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Kurz zuvor hatte Selenskyj in einer Videobotschaft aus Kiew Falschinformationen im Internet zurückgewiesen, wonach er die ukrainischen Streitkräfte zur Kapitulation aufgerufen habe. „Ich bin hier. Wir werden die Waffen nicht niederlegen und wir werden unser Land verteidigen“, sagte der Präsident, der olivgrüne Kleidung trug und erschöpft wirkte.

Nach Einschätzung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron wird der Krieg in der Ukraine „andauern“. „Wir müssen uns darauf vorbereiten“, betonte Macron am Samstag in Paris. Er berief für den späten Nachmittag einen Verteidigungsrat ein.

Zahlreiche Menschen verließen ihre Heimat, um sich in Sicherheit zu bringen. Nach Angaben der polnischen Regierung kamen bereits 100.000 Menschen aus der Ukraine nach Polen.

Russland hatte am Donnerstagmorgen mit dem Großangriff auf die Ukraine begonnen. Russische Bodentruppen waren anschließend binnen weniger Stunden bis in den Großraum Kiew vorgedrungen. Zu möglichen russischen Opfern lagen zunächst weiter keine verlässlichen Angaben vor. Das ukrainische Verteidigungsministeriums sprach von 2800 getöteten russischen Soldaten. Moskau äußerte sich bislang dazu nicht.

Russlands Staatschef Wladimir Putin richtete sich in einer Fernsehansprache am Freitag direkt an die ukrainische Armee und forderte sie zum Sturz Selenskyjs auf. „Nehmt die Macht in Eure Hände“, sagte er. Die ukrainische Regierung bestehe aus „Terroristen“, einer „Bande von Drogenabhängigen und Neonazis“.

Als Reaktion auf den russischen Krieg in der Ukraine beschloss die Nato, mehr Kräfte für die Eingreiftruppe Nato Response Force (NRF) bereitzustellen. Westliche Staaten brachten unterdessen weitere Sanktionen gegen Russland auf den Weg. Die EU, Großbritannien und die USA beschlossen am Freitag gezielte Strafmaßnahmen gegen Putin und Außenminister Sergej Lawrow. Russland bezeichnete die Sanktionen als „eine Demonstration der völligen Ohnmacht der Außenpolitik“ des Westens. (mit AFP)