Mehr als 40.000 Menschen aus den Regionen Donezk und Lugansk sind seit Samstag in der russischen Region Rostow eingetroffen. Das sagte der amtierende Leiter des Ministeriums für Notsituationen Russlands, Alexander Chupriyan, am Sonntag laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass mit. Sie würden nun in der Region Rostow in vorübergehenden Unterkünften untergebracht.

In Woronesch waren nach Angaben des dortigen Gouverneurs Artem Verkhovtsev am Sonntag etwa 1.000 Personen aus dem Donbass angekommen. Die russische Region hat Zeltlager aufgebaut, um die Geflüchteten zu versorgen. Außerdem haben die russischen Behörden angeboten, die Menschen gegen Covid-19 zu impfen, die in die Lager kommen. Sie waren mit Bussen und einem Zug angekommen.

In der Ostukraine gehen die Kampfhandlungen weiter: Die von Russland unterstützten Separatisten in den Gebieten Donezk und Luhansk haben am Sonntag mitgeteilt, dass seit Mitternacht mehrfach Dörfer beschossen worden seien. Zwei Zivilisten seien den Angaben nach getötet worden.

Die ukrainische Armee berichtete ihrerseits von Dutzenden Verstößen der Aufständischen gegen den geltenden Waffenstillstand. Am Samstag meldete die Armee den Tod zweier Soldaten der Regierungstruppen. Beide Seiten gaben einander die Schuld für die Gewalt. Angaben aus dem Konfliktgebiet lassen sich nicht unabhängig überprüfen, wie die dpa berichtet.

Die Rebellen hatten am Freitag die Zivilisten in den von ihnen kontrollierten Gebiete aufgerufen, sich aus der Region zu entfernen und nach Russland zu gehen. Der Anführer der selbsternannten „Volksrepublik“ Donezk, Denis Puschilin, sagte in einer Videobotschaft, derzeit werde die „Massenausreise“ der Zivilbevölkerung in die Russische Föderation organisiert. „Frauen, Kinder und Senioren werden als erste in Sicherheit gebracht.“ Auch der Chef der Abtrünnigen in Luhansk rief die Zivilisten zur schnellstmöglichen Evakuierung nach Russland auf. Puschilin kündigte am Sonntag überdies eine Generalmobilmachung an.

Kreml-Sprecher Dimitri Peskow sagte laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass, dass er nicht wisse, ob die Evakuierungen mit der russischen Regierung abgesprochen seien.

Das russische Ermittlungskomitee kündigte nach dem Tod zweier Bewohner des Dorfes Pionerskoje (Suchodil) im Gebiet Luhansk an, ein Strafverfahren einzuleiten. Die Donbass-Anführer veröffentlichten Bilder eines völlig zerstörten Wohnhauses. Sie warfen der Armee vor, unweit der russischen Grenze versucht zu haben, über den Fluss Siwerskyj Donez vorzudringen. Belege legten sie aber nicht vor.

Die Separatisten warnten zudem davor, dass der Mobilfunk und das Internet ausfallen könnten. Dann ließe sich für Beobachter die Situation vor Ort noch schwieriger beurteilen, hieß es. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zeigte sich angesichts der Entwicklung „sehr besorgt“ und appellierte an die Konfliktparteien, mehr Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen.

Wegen der angespannten Lage sollen laut dem belarussischem Verteidigungsminister Viktor Chrenin die russischen Truppen weiter in Belarus verblieben. Dies hätten Russlands Präsident Wladimir Putin und der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko beschlossen, sagte der Minister am Sonntag laut dpa. „In Europa riecht es sehr stark nach Pulver. Es wird gezielt in einen Krieg getrieben“, sagte der belarussische Verteidigungsminister. Nach seiner Ansicht sind weitere gemeinsame Übungen mit Russland auch vor dem Hintergrund der angespannten Lage in der Ostukraine notwendig. Die beiden Staatschefs hatten sich am Freitag und Samstag in Moskau getroffen.

Ein Manöver der beiden Länder, die an die Ukraine angrenzen, sollte eigentlich am Sonntag zu Ende gehen. Schon seit Januar laufen kleinere gemeinsame Übungen, die werden nun jedoch den Angaben aus Minsk zufolge fortgesetzt. Im Westen wird befürchtet, dass Russland im Zuge des Manövers in Belarus einen Einmarsch in die Ukraine vorbereitet. Die Militärführungen beider Länder betonten dagegen immer wieder, die Truppenverlegung habe reinen Übungscharakter, sei für niemanden eine Bedrohung und stehe im Einklang mit internationalem Recht. Aus Moskau liegt noch keine Bestätigung der Verlängerung der russischen Präsenz in Belarus vor. (mit dpa und AFP)